Frankenthal
Wie Internetbetrüger die Polizeistatistik beeinflussen
3800 Euro erbeutet ein Telefonbetrüger Mitte Februar, indem er sich gegenüber einer 45-jährigen Frankenthalerin als Bankmitarbeiter ausgibt. Fälle wie dieser kommen häufig vor, die Zahlen wachsen Jahr für Jahr, bestätigt Achim Schäfer, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion. Weil aber die Callcenter-Banden häufig im Ausland sitzen oder der Tatort unbekannt ist, werden sie in der Frankenthaler Kriminalstatistik nicht erfasst. Doch auch generell nehmen Betrugstaten zu. Im Vorjahr haben sie Diebstahl als Delikt Nummer eins abgelöst.
Selbst wenn die Statistik nur die Straftaten abbildet, die bei der Polizei erfasst sind, also ein Dunkelfeld bleibe, „das man nicht außer Acht lassen darf“, ließen sich doch über die Jahre hinweg Tendenzen ablesen. Und so sei er bei der Auswertung zunächst überrascht über den deutlichen Anstieg der Fallzahlen gewesen, räumt der erfahrene Polizist ein. Von 5221 (2022) sei der Wert im Vorjahr auf 6385 Fälle geklettert. Bei seinen Nachforschungen stieß Schäfer schließlich auf ein Verfahren, das die für Wirtschaftskriminalität zuständigen Kollegen in Ludwigshafen bearbeitet hatten. Im großen Stil hatten demnach Kriminelle von Frankenthal aus gefälschte Markenartikel im Internet zum Verkauf angeboten. Über 1000 Taten seien den Betrügern nachgewiesen worden. Damit stieg auch der Aufklärungserfolg in der PI-Statistik auf „eine Superquote“ von fast 67 Prozent (2022: 59,4 Prozent).
Stadt-Land-Gefälle
Diesen Sonderfall herausgerechnet, sei das Lagebild dem Landestrend entsprechend ähnlich wie in den Vorjahren – und auch wie in vergleichbar großen Kommunen in der Region, betont PI-Leiter Alexander Breßler. Typisch sei auch das Stadt-Land-Gefälle: 4709 Delikten in Frankenthal stehen 488 in Bobenheim-Roxheim, 630 in der Verbandsgemeinde Maxdorf und 558 in der VG Lambsheim-Heßheim gegenüber. 1528 Menschen wurden im Vorjahr Opfer einer Straftat, als Tatverdächtige wurden 2452 Personen ermittelt, darunter 370 Kinder, Jugendliche und Heranwachsende. Rund ein Drittel der Tatverdächtigen hat nach Polizeistatistik nicht die deutsche Staatsbürgerschaft.
Mord und Totschlag sind im Dienstgebiet, das rund 90.000 Einwohner umfasst, sehr selten. 2022 gab es keinen Fall. Hinter dem 2023 erfassten Totschlag steckt der tragische Fall eines bettlägerigen Mannes, der Anfang Januar tot und mit Platzwunden an Kopf und Armen in seiner Wohnung aufgefunden worden war. Die demente Ehefrau hatte die Tat gestanden. Weil die 85-Jährige nicht mehr vernehmungs- und verhandlungsfähig war, wurde der Prozess im Herbst abgesagt.
Diebstahl wird kaum aufgeklärt
„Ich hau Dir in die Fresse“: Weil schon eine solche Drohung mittlerweile juristisch als Rohheitsdelikt gilt, sei auch in diesem Bereich zuletzt ein Anstieg zu verzeichnen, erläutert Schäfer. Körperverletzung, Stalking, Raub: Auch diese Straftaten zahlen zu dieser Kategorie, in der im Vorjahr 1139 Fälle erfasst wurden. Die Aufklärungsquote ist mit 88,5 Prozent hoch. „Häufig sind es Beziehungstaten, Täter und Opfer kennen sich also in der Regel“, sagt der Vize-Chef der PI. Nach einem Hoch im Pandemiejahr 2021 habe häusliche Gewalt zuletzt wieder etwas abgenommen (227 Fälle 2023). Die Bandbreite reicht hier von Bedrohung und Missachten von Kontaktverboten bis hin zu massiven gewalttätigen Übergriffen. Zum Schutz der Opfer gebe es mittlerweile ein ganzes Bündel an polizeilichen Möglichkeiten, betont Schäfer.
Diebstahl sei auch in Frankenthal ein „Massendelikt“ – häufig aufgrund der Spurenlage mit mäßiger Aufklärungsquote. Weniger als jeder fünfte von 638 Fällen schweren Diebstahls im Zusammenhang mit Wohnungseinbrüchen oder unter Einsatz von Waffen sei 2023 aufgeklärt worden. Man habe es hier mit professionellen, bundesweit aktiven Tätern zu tun. Noch schlechter ist die Erfolgsbilanz beim Fahrraddiebstahl: 321 Fällen steht hier eine Aufklärungsquote von 7,1 Prozent gegenüber. Auf niedrigem Niveau von rund 70 haben sich die Wohnungseinbrüche eingependelt. Schäfer macht dafür auch bundes- und landesweit verstärkte Polizeiarbeit und Präventionskampagnen verantwortlich. In der Regel sichere man in diesen Fällen wenn möglich DNA-Material, das mit einer europaweiten Datenbank abgeglichen werde. „Immer wieder mal ist ein Treffer dabei.“ Allerdings werden auch hier die meisten Taten nie aufgeklärt.
Taser auf Streife dabei
Je mehr Kontrollen, desto mehr Fälle: Das gilt laut Schäfer insbesondere für die Rauschgiftkriminalität. Insofern sei die deutlich niedrigere Zahl von 280 im Vorjahr (2022:404) nur bedingt aussagekräftig. Interessant dürfte aus Sicht der PI-Leitung werden, wie die geplante Teillegalisierung von Cannabis die Polizeiarbeit künftig beeinflusst. Nahezu verdoppelt hat sich die Anzahl der Angriffe und Widerstände gegen Polizeibeamte (2023: 43, 2022: 23). Generell nehme der Respekt ab, beobachtet Schäfer. Ein wichtiges Instrument im Streifendienst sei, je nach Situation, mittlerweile das Taser genannte Elektroimpulsgerät.
Für das Sicherheitsgefühl der Frankenthaler besonders wichtig, ist aus Polizeisicht eine Zahl: die der Straßenkriminalität. Zusammengefasst sind hier alle Delikte, die im öffentlichen Raum verübt werden – von der Sachbeschädigung bis zum Raub. 1223 Fälle wurden hier 2023 registriert (2022: 1176). Brennpunkte gebe es dabei im Stadtgebiet kaum, betont Breßler. Auch wenn im Metznerpark vergangenen Sommer einige wenige Personen für eine Vielzahl an Einsätzen von Polizei und Ordnungsamt gesorgt hätten. Der Jakobsplatz sei aus Sicht der Beamten kein Kriminalitätsschwerpunkt – auch wenn eine Attacke auf eine Mutter hier im August 2023 für Schlagzeilen gesorgt habe. Eine Videoüberwachung oder ein Alkoholverbot, wie sie politisch diskutiert wurden, seien „polizeilich nicht unbedingt begründbar“, vermutet Schäfer. Mit der Stadt und dem Kommunalen Vollzugsdienst sei man generell im Austausch über verstärkte gemeinsame Kontrollen und damit eine größere Präsenz.