Frankenthal
Jakobsplatz: Brennpunkt oder friedlicher Treff?
„Was hier passiert ist, war ein Gewaltexzess, eine Ausnahme“, ist die protestantische Pfarrerin Christina Neumann überzeugt. Sie selbst wohnt seit ihrem Dienstantritt vor eineinhalb Jahren unweit des Jakobsplatzes in der Hanns-Fay-Straße. Mehrmals am Tag quere sie auf dem Weg zwischen Ökumenischem Gemeindezentrum (ÖGZ) und Pfarramt den Platz. Die Gruppe, zu der laut Polizei auch die tatverdächtige Frau gehören soll, und die im Sommer täglich komme, kenne sie. „Ich habe diese Menschen nie aggressiv erlebt“, betont die Pfarrerin. Die 36-jährige mutmaßliche Angreiferin sei nach ihrer Beobachtung nicht regelmäßig dabei.
Die Frau, die laut Polizei bereits mehrfach aggressiv aufgefallen ist und bereits Ende Juli an gleicher Stelle eine junge Hundehalterin angegriffen und geschlagen haben soll, muss sich nach der Attacke auf eine Mutter in Begleitung ihrer Kinder wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Die polizeilichen Ermittlungen sind abgeschlossen, der Fall werde nun an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, heißt es auf Anfrage aus der Frankenthaler Inspektion.
Das Opfer, die Vorsitzende des Frankenthaler Stadtelternausschusses, Anna Starzetz, hatte den Übergriff, bei dem sie unter anderem Platzwunden im Gesicht erlitt und einen Schneidezahn verlor, öffentlich gemacht. Sie fordert: „So etwas darf hier nie wieder passieren.“ Das sieht auch Stefan Bertram, Hausmeister im Ökumenischen Gemeindezentrum, so. Bertram, der mit seiner Familie direkt auf dem Jakobsplatz wohnt, war Starzetz bei dem Übergriff am 31. August zu Hilfe geeilt und dabei selbst verletzt worden. Nach der Attacke war er nach eigenen Angaben 14 Tage lang krank geschrieben, bis heute wird er psychologisch betreut.
Der Angriff auf einen Mitarbeiter mache sie sehr betroffen und besorgt, sagen Pfarrerin Neumann und Gemeindediakon Ralf Zeeb. Bereits früher habe Bertram ihr gegenüber gesagt, dass er sich unwohl fühle, berichtet Neumann. Dabei sei es unter anderem darum gegangen, dass seine Hecke von der Gruppe auf dem Platz als Toilette benutzt werde. Dass Bertram, der bei der Attacke auf Starzetz deeskalieren wollte, selbst Opfer von Gewalt wurde, nennt Neumann „eine massive Sache“.
ÖGZ-Hausmeister: „Allein gelassen“
„Ich fühle mich allein gelassen“, klagt der Hausmeister gut vier Wochen nach dem Vorfall. Die Situation habe sich für ihn seither eher noch verschlechtert. Wenn er allein oder mit seinen Kindern an der Gruppe auf dem Platz vorbeilaufe, werde er nachgeäfft und provoziert. Einige Mitglieder hätten ihm bereits früher gedroht, sie hätten ein Messer dabei. Abends, meist nach 21 Uhr, gebe es immer wieder Streit, der bisweilen auch in Handgreiflichkeiten münde, weil die Gruppe Jugendliche auf dem Platz mit rassistischen Bemerkungen provoziere. „Das Ordnungsamt rufe ich schon gar nicht mehr jedes Mal“, sagt der Hausmeister. Von einer Videoüberwachung, wie sie Bürgermeister Bernd Knöppel (CDU) ins Spiel gebracht hat, hält Bertram nichts, von einem Alkoholverbot auf dem Platz schon. „Außerdem müsste es eine feste Polizeiwache geben“, fordert er.
Zeeb und Neumann sind dagegen überzeugt: „Was hier Ende August passiert ist, entspricht nicht dem Klima auf dem Jakobsplatz.“ Sie erlebten vielmehr ein weitgehend friedliches Mit- und Nebeneinander von Senioren, Eltern mit Kindern und Jugendlichen mit besagter Gruppe. Der Platz gelte zu Unrecht seit Jahren als sozialer Brennpunkt, findet Zeeb, der seit 38 Jahren im Pilgerpfad arbeitet. In der Kriminalstatistik sei das Quartier nicht auffällig.
KVD: Keine Gefährdungslage
Nach dem Vorfall habe der Kommunale Vollzugsdienst (KVD), der bereits zuvor auf Grundlage seiner Einsätze „kein erhöhtes Gefährdungspotenzial“ gesehen hatte, die Kontrollen auf dem Jakobsplatz, wie angekündigt, verstärkt, informiert eine Stadtsprecherin. Zwischen dem 1. und 25. September waren die Ordnungskräfte demnach 24 Mal vor Ort. Dabei seien nur vereinzelt Personengruppen angetroffen worden, einmal wurde ein Platzverweis erteilt. „Eine besondere Gefährdungslage lässt sich hieraus aus Sicht des KVD nicht erkennen“, bekräftigt die Stadt am 27. September auf Anfrage.
„Seit dem Vorfall bekommt man den Eindruck, jeder Zweite hier ist ein Verbrecher, aggressiv und gewalttätig“, sagt Zeeb. Dass es sich „eventuell um einen Einzelfall handelt“, gerate aus dem Blick. „Das ist fatal für diesen Platz.“ Die beiden Vertreter der protestantischen Gemeinde Pilgerpfad bedauern, dass beispielsweise aufgrund des Vorfalls die Außentüren der Betreuenden Grundschule im ÖGZ abgeschlossen seien. „Das soll den Eltern das Gefühl der Sicherheit geben, schürt aber Unsicherheit“, befürchtet Neumann. Sie würde stattdessen eine verstärkte und sichtbare Präsenz des Ordnungsamts begrüßen. Auch eine Videoüberwachung hält Zeeb für denkbar.
Fachkonferenz Pilgerpfad im Oktober
Die Schließung des ÖGZ steht nicht im Zusammenhang mit dem Übergriff, stellt die Stadt klar. Bereits seit vielen Jahren seien im gesamten Stadtgebiet die Zugänge zu den Grundschulgebäuden und angemieteten Räumen verschlossen. Die Abholung sei an feste Zeiten gebunden, in Ausnahmefällen müssten Eltern klingeln. Als Reaktion auf den Vorfall hatte die Stadtverwaltung nach eigenen Angaben den Austausch zu den Schulen am Jakobsplatz gesucht und noch einmal die Sicherheitsvorkehrungen in der Kita überprüft.
Langfristig geplant ist im Pilgerpfad als ein Ergebnis eines Bürgerbeteiligungsprozesses ein Quartiersbüro als Anlaufstelle für Bürger. Bereits seit den 1990er-Jahren tagt zweimal jährlich eine Fachkonferenz, um die Probleme im Quartier zu besprechen. Mit am Tisch sind neben der protestantischen Kirche Vertreter der Schulen, Ordnungsamt, Polizei, Vertreter von Verwaltung, Stadtspitze und Stadtratsparteien sowie die Bürgerinitiative Pilgerpfad. Die gefühlte und tatsächliche Sicherheitslage am Jakobsplatz dürfte beim nächsten Treffen Anfang Oktober wohl auf der Tagesordnung stehen.
