Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Verlustbüro“ sammelt, was Ludwigshafenern fehlt und was gefunden wird – ein Kunstprojekt

Finde mich! Ein verlorenes Einhorn kann in einem Berliner Fundbüro abgeholt werden. Das Verschwinden persönlicher Dinge oder Wer
Finde mich! Ein verlorenes Einhorn kann in einem Berliner Fundbüro abgeholt werden. Das Verschwinden persönlicher Dinge oder Wertsachen schmerzt. Noch mehr verändert der Verlust von Heimat, Status oder Gesundheit das Leben.

Eine Stiftungsleiterin verliert ihre Uhr und trifft auf ein Ludwigshafen, das anderes vermisst: Kaufhaus, Kinos, Gewissheiten. „Lost & Found“ sorgt für neue Blickwinkel.

Als sie die Pizzeria betrat, war ihre Armbanduhr weg war. Irgendwo zwischen der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft und der Innenstadt musste sie verloren gegangen sein. Es war ein Geschenk von ihrem Mann, ein persönliches Erinnerungsstück, ein unwiederbringlicher Verlust. Das Fundbüro war zwar geschlossen, aber Ruth Gilberger hat eine Suchanzeige per E-Mail aufgeben. Welche Ironie! Denn die Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft aus Bonn hat Ludwigshafen besucht, um Kontakte für das Kunstprojekt „Lost & Found“ zu knüpfen, bei dem es um Verlust geht. Und nun ist sie selbst Suchende, die das Internet nach einem Ersatz für genau dieses Uhrmodell mit dem blauen Zifferblatt durchstöbert.

Ludwigshafener kennen sich bestens aus mit diesem schwärenden Gefühl. Denn es gab sie einst: die Tortenschachtel am Berliner Platz, das Rathauscenter mit lebhafter Ladenpassage, wohlbestückte Fachgeschäfte und einladende Kinos. Stattdessen klafft ein tiefer Krater, gibt es Baustellen, Lücken und Leere in vielen Schaufenstern. Wir hatten doch mal so viel. Es ist etwas verloren gegangen. Und was kommt stattdessen? „Rundes Kaufhaus verschwunden. Wer eine Alternative findet, bitte melden!“ Eine solche Suchanzeige kann man ab dieser Woche in einem Fundbüro der besonderen Art aufgeben.

Eine Identität, die plötzlich nichts mehr wert ist

Ein „Früher war alles besser“ lässt Ruth Gilberger dabei nicht gelten. „Das ist keine Aussage, mit der man Gesellschaft gestalten kann.“ Sie wird mit einem Team bis 29. August vor Ort sein und in einem Container in der Bismarckstraße 55 – auf der Höhe Amtsstraße und Bürgerhof – Passanten einladen. Werktags zwischen 15 und 18 Uhr kann man dort erzählen, aufschreiben oder zeichnen, was man schmerzlich vermisst. „Man kann den Sinn suchen, die Liebe oder seine zweiten Socken“, sagt Ruth Gilberger. „Das Leben vieler Menschen wurde verändert durch den Verlust von Familie, Heimat, Status oder Gesundheit. Was macht man mit der Leerstelle? Bleibt man dort stehen und greift zu Verdrängungsmechanismen wie Alkohol?“ Die Stiftung will ein Tabuthema ansprechen, das gesellschaftliche oder gar demokratiegefährdende Konsequenzen hat. Denn mit der Wende 1989 haben Ostdeutsche ihre Identität verloren. Worauf man einst stolz war, ist nichts mehr wert, und etwas Neues konnten viele in der postkapitalistischen Gesellschaft nicht erreichen. Familie in den Westen gezogen, Job weg. Diese Lücke füllen rechtsextreme Ideologien. Dazu droht die Klimaerwärmung. „Die Angst vor dem Verlust der Welt scheint nicht dramatisch genug zu sein“, beobachtet Gilberger. „Aber sie lähmt junge Menschen, denen man nicht sagen kann, es wird alles besser.“

Um positive Impulse zu setzen, ist die Montag Stiftung deutschlandweit unterwegs, nach dem Motto des Stifters Carl Richard Montag: „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die nicht das Trennende betont, sondern das Verbindende.“ Der 97-Jährige hat selbst als Generalplaner Bauprojekte geleitet, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden sollten und schließlich nahezu sein gesamtes Vermögen in seine Stiftung überführt.

Rückzug der BASF als „Beschützer“

Doch es sind nicht die Baustellen und Löcher, warum Ludwigshafen ausgewählt wurde, sondern weil sich die Stadt als Industriestandort in einem Prozess der Transformation befindet. „Die BASF zieht sich zurück“, sagt Gilberger so knallhart, wie es das Unternehmen selbst wohl nie öffentlich zugeben würde. Der Verkauf der 4400 Werkwohnungen in Friesenheim etwa schürten die Angst vor Verlust, diagnostiziert sie und hat diesen Wandel auch in Leverkusen beobachtet, wo der Pharmakonzern Bayer als Arbeitgeber damals wie ein Beschützer wahrgenommen wurde – und sich zurückzieht.

Nun konfrontiert sie die Ludwigshafener mit den Leitfragen: Hast du was verloren? Suchst du was? Was hast du gefunden? Wenn das Projekt gut läuft, will die Stiftung mit neuen Ideen wiederkommen, denn sie will nachhaltig wirken.

Wiederfinden statt Wegwerfen

Eine Tasche mit afrikanischem Muster hat Ruth Gilberger in der Fußgängerzone aufgegabelt, gewaschen und gebügelt. Damit wird sie ihr künstlerisches Fundbüro bestücken. „Vielleicht gehört sie einem kleinen Mädchen, das vorbeikommt und sie dann wiederkriegt“, fantasiert sie. „Unsere Gesellschaft ist sonst nicht darauf aus, etwas wiederzufinden. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft.“ Sie hofft, auf weitere Sachen, die von Passanten abgegeben und dann vom Team fotografiert und katalogisiert werden. Vielleicht hat jemand seine Bestimmung herausgefunden, einen neuen Mann oder Lebensmut. „Lost & Found“ ist keine Seelsorge, kein Trauercafé und keine Kunsttherapie, sondern ein Projekt, das neue Blickwinkel ermöglicht. Das Team helfe dabei „Löcher zu materialisieren“, mehr will sie nicht verraten.

Zahlreiche Workshops mit Künstler(innen) ermutigen außerdem zu kreativen Ansätzen. Sie finden im benachbarten Social Innovation Lab der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft statt, die auch mit drei Seminaren für ihre Studierenden an das Thema anknüpft. „Kunst macht vieles sichtbar. Sie kann die Augen öffnen für das, was man finden kann, wenn man etwas ganz anderes sucht.“

Das Neue passt ja viel besser!

Das erinnert an eine Frau, die nach der Trennung von ihrem Partner auf eine tagelange Nonstop-Wanderung gegangen ist und damit einen Weltrekord geknackt hat. „Ja, man muss sich bewegen, damit sich die Welt anders bewegt“, philosophiert Ruth Gilberger dazu. Aber das sei „klugscheißerisch“ gesagt. Sie selbst wollte einfach ihre geliebte Uhr zurück. Vergeblich. Ihr Mann hat ihr aber eine ähnliche geschenkt, mit roséfarbenem Zifferblatt. „Wie mein Hautton, als sei sie ein Teil von mir. Sie passt noch viel besser!“

Von Heimatverlust und vielen Umzügen erzählt Alice Musiol – und vielleicht führte dieser Verlust zu dem Kunstprojekt, in dem sie
Von Heimatverlust und vielen Umzügen erzählt Alice Musiol – und vielleicht führte dieser Verlust zu dem Kunstprojekt, in dem sie Häuser aus Toastbrot und Stecknadeln nachbaut (seit 1997).

Das Programm aus Kunst-Workshops und Impulsen

Von Steckbriefen wie im Wilden Westen bis zu Comic-Erinnerungsbüchern und dem Lauschen, wie es dem Löwenzahn an der Baustelle geht: Mit einem Programm aus Workshops und einigen Vorträgen erkundet die Montag Stiftung in ihrem Ludwigshafener Kunstprojekt „Lost & Found“ die Frage nach dem Suchen und Finden. Den Bezug zur Natur thematisiert das Jaaah Collective in „Verlorene Zeiten, gefundene Wesen“ von 4. bis 6. Juni in dem utopische Fabelwesen gewerkelt werden. „Verborgene Pflanzenstimmen“ erforschen Teilnehmende mit der Künstlerin Karin Maria Zimmer am 16./20. Juni und 1./13./15. August: Sie macht hörbar, was Pflanzen erzählen, vielleicht auch von Verlust und Neubeginn. Kleine Fundstücke werden größer nachgebaut mit dem Künstler Klaus Kleine vom 9. bis 17. Juli. Wie sich Gesichter und Fassaden im Spiegelbild verbinden, erkundet man mit der Kamera begleitet von der Künstlerin Evi Blink von 30. Juli bis 1. August.

„Missed - Needed - Wanted - Loved“ lauten die vorgedruckten Steckbriefe von Katharina Jahnke, die nach geliebten Dingen suchen und sie in Collagen verarbeiten. Welche Menschen und Orte Geborgenheit vermitteln zeichnen die Kreativen mit Leo Leowald 6. bis 8. August, 16 bis 19 Uhr, in ein Erinnerungstagebuch. Der Sehnsucht widmet sich Ana Laibach von 14. bis 15. August. Einen Raum für Verlust erschaffen illig & illig, indem man von 20. bis 22. August einen Verlust skizziert oder in einem Satz beschreibt und dies dann in einem Kokon verschließt – bereits zur Verwandlung in einen Schmetterling.
Impulse geben die Vorträge als „Freitagsfunde“: Geprägt von Heimatverlust und Umzügen erzählt Alice Musiol ihre Geschichte am 12. Juni, 18 Uhr. Vergessene Frauen, die Pionierinnen waren, bringt Volker Hartmann-Langenfelder mit seiner Cyanotypie-Kunst ans Licht, die er am 24. Juli vorstellt. Den krönenden Abschluss bietet die offene Bühne am 14. August, 19 Uhr, auf der persönliche Geschichten erzählt werden können. „Was bleibt?“ fragt die Feedback-Runde am 28. August, 18 Uhr.
Die Workshops finden meist von 15 bis 19 Uhr statt, im Social Innovation Lab in der Bismarckstraße 55, Ludwigshafen. Das Programm ist kostenfrei, offen für alle und ohne Anmeldung. Alle Termine mit genauen Uhrzeiten finden Sie hier.

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