Madame Medusa
Wird das Jahr 2024 im Donnersbergkreis verkürzt? Unser satirischer Jahresausblick
Januar
Der dritte Krisengipfel im Kreishaus verheißt endlich den Durchbruch im Donnersberger Haushaltsstreit. Nachdem der Kreistag zum dritten Mal den Landrat mit einem nicht genehmigungsfähigen Etatentwurf unterm Arm nach Hause geschickt hat, wartet Rainer Guth mit einem spektakulären Vorschlag auf: Er will den Februar aus dem Kalender streichen. Dies verheiße Einsparungen von nahezu einem Zwölftel (Schaltjahr!) und komme sicher auch bei den Bürgern gut an, die immense Heizkosten sparen könnten. Der Vorschlag scheitert zunächst am Widerstand aus Obermoschel: Dort ist man nicht bereit, die Fasnacht zu opfern, weil die OKV-Sitzung gerade im Jahr des 675. Stadtjubiläums unverzichtbar sei. „Omo “ droht, sich „dem ohnehin narrenreicheren Kreis Kusel anzuschließen“. Guth erweitert darauf die Streichliste um den August – und erntet Beifall von allen Seiten. Rudolf Jacob (CDU) und Michael Cullmann (SPD) jauchzen um die Wette, da der August-Verzicht auch die Freibad-Defizite in Winnweiler und Rockenhausen merklich schmelzen lassen könnte.
Februar
Verlassene Orte werden seit geraumer Zeit in den sozialen Medien gehyped. Das will sich der Donnersberg-Touristik-Verband zunutze machen und für Tagesausflügler eine Lost-Places-Tour anbieten. Er hat sogar eigens dafür eine neue Stelle in der Verwaltung geschaffen und einen Instagram-Account angelegt, der auf der ganzen Welt geklickt wird. Man erhofft sich einen Strom von finanzstarken Touristen, die viel Geld im Kreis ausgeben sollen. Auf der Liste der Sehenswürdigkeiten: das BASF-Haus in Dannenfels, das Waldhaus auf dem Donnersberg und das Viktoriastift in Finkenbach-Gersweiler. Mit der Stadt Rockenhausen laufen Verhandlungen, auch das Schlosshotel – gegen Zahlung einer angemessenen Pacht – aufzunehmen.
März
Paukenschlag beim offiziellen Festakt zur 1250-Jahr-Feier in Kirchheimbolanden. Während seiner Ansprache wird Stadtbürgermeister Marc Muchow vom lauten Quäken seines Mobiltelefons gestört, das aufgrund aktueller Entwicklungen gezielt per Katwarn angesteuert wurde. Er liest die Push-Meldung vor, wonach ein ihm bislang unbekannter Historiker den Wikipedia-Eintrag der Kleinen Residenz geändert hat, weil er die Ersterwähnung der Stadt 37 Jahre früher vermutet als bislang angenommen. Nicht wenige Gäste fühlen sich an den Fall Börrstadt des Vorjahres erinnert, als ein Historiker aus Frankfurt die Geschichte des Ortes in der freien Internetenzyklopädie eigenmächtig umgeschrieben hatte.
Da aber nun 1287 Jahre so gar kein Grund zum Feiern sind, bricht Muchow die Veranstaltung sicherheitshalber ab und erklärt die Jubiläumsfeierlichkeiten für beendet. Weil damit auch die für 24. August geplante Arena im Herrngarten ins Wasser fällt, nehmen die findigen Organisatoren des Obermoscheler Vereins für Brauchtum, Kultur und Stadtverschönerung umgehend Kontakt zu den Sängern Michael Schulte und Nico Santos auf und versuchen, die beiden als Stargäste zu ihrem 675. Stadtjubiläum zu locken.
April
Wegen der maroden Bahn-Infrastruktur sind Ausweichstrecken wichtiger denn je, und so steht die Sanierung der Zellertalbahn unerwartet ganz oben auf der Prioritätenliste des Landes. „Rheinland-Pfalz-Takt jetzt!“, heißt es in einer Pressemitteilung aus dem Verkehrsministerium. Wie durch ein Wunder ist sogar Geld da: Mit einem „Gute-Eisenbahn-Gesetz“ wolle die Landesregierung die Mittel legitimieren. Die Begeisterung im Donnersbergkreis ist riesengroß. Allerdings wundern sich einige, warum sich Ministerin Daniela Schmitt für die Bekanntgabe der freudigen Nachricht ausgerechnet den Ostermontag ausgesucht hat. „Vielleicht ist es ja als symbolisches Osterei gedacht“, vermutet Landrat Rainer Guth. Leider behalten die, die gleich ein mulmiges Gefühl hatten, recht: Schon am nächsten Tag folgt das Dementi. In zwei Worten: „April, April!“ Auf Proteste aus dem Kreis und aus Monsheim erklärt die Landesregierung, der Scherz sei Teil einer neuen Humoroffensive zur Kompensation der Tatsache, dass wegen der maroden Haushaltslage mit guten Nachrichten aus Mainz künftig nicht mehr zu rechnen sei.
Mai
Weil der Kreis sein touristisches Profil schärfen will, werden alle Ortsgemeinden auf vermarktbare Sehenswürdigkeiten durchkämmt. Auf Börrstadter Gemarkung gerät der Schwarzenbrunnen in den Blick der Touristiker. Funde, die bei der Untersuchung des Quellteichs auftauchen, werden von der Landesdenkmalpflege als keltisch-römisch identifiziert. Schnell wird klar, dass sich dort ein Heiligtum des keltischen Quellgottes Bor befunden hat, das von den Römern als Kultstätte übernommen worden war. Geomagnetische Bodenscans zeigen, dass es dort Tempel und Wohngebäude gab und womöglich eine Garnison stationiert war. Auch eine Inschrift aus dem Jahr 125 n. Chr. kommt zum Vorschein: „Civitas Bori“ – auf Deutsch: „Stadt des Bor“. Eine Sensation! Und ganz nebenbei erledigt sich damit auch noch der Börrstadter Historikerstreit: Ab sofort gilt 125 als Gründungsjahr der Gemeinde. Karl-Heinz Schmitz, der Vorsitzende des Dorffördervereins, ändert umgehend den Wikipedia-Eintrag, und Ortsbürgermeister Thorsten Windecker kündigt voller Stolz für 2025 die 1900-Jahr-Feier an.
Juni
Das Mainzer Innenministerium erklärt die „Gnadenfrist für bereits amtierende Ortsbürgermeister und Gemeinderäte“ für beendet und legt fest, dass die Gremien, die nun bei der Kommunalwahl am 9. Juni gewählt werden, die Grundsteuerhebesätze in ihrem Ort bis in den fünfstelligen Prozentbereich werden anheben müssen, um für ausgeglichene Haushalte zu sorgen. Auch bei der Hundesteuer könnten Gemeinden noch zulegen, rät Innenminister Michael Ebling: Zwar können die aktuellen Sätze bestehen bleiben, sie sollen aber künftig – je nach Haushaltslage – pro Beinpaar oder pro Bein des Hundes angesetzt werden. Weil selbst für all jene engagierten Kommunalpolitiker, die eigentlich erneut kandidieren wollten, damit jegliche Grenze des guten Geschmacks überschritten ist, muss die Kommunalwahl mangels Bewerber abgesagt werden. Sie soll laut Ebling aber so schnell wie möglich nachgeholt werden, „sobald wir eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Gemeinden sichergestellt haben werden“. Bund und Land arbeiteten daran „schon auf Hochtouren“, sagt der Minister. Für Anfragen zum genauen Termin verweist er auf seine neue Pressesprecherin: „Madame Medusa sieht bereits verschwommene Anzeichen in ihrer Glaskugel.“
Juli
Nach Protestmärschen der Ortsbürgermeister aus der Verbandsgemeinde Kibo ging alles ganz schnell: Die Deutsche Glasfaser hat in Windeseile dafür gesorgt, dass sämtliche Gemeinden ans Glasfasernetz angeschlossen sind. Auch die Ausführung der Tiefbauarbeiten lasse nun keine Wünsche mehr offen, teilt die Verbandsgemeinde mit. In ihrer eigenen Pressemitteilung spricht die Deutsche Glasfaser von einer Erfolgsstory, einem „Sommermärchen am Donnersberg“. Keine Erwähnung finden darin die vorausgegangenen monatelangen Beschwerden der Ortschefs und der Verbandsgemeinde, die mit dem Unternehmen im Clinch gelegen hatten.
Während sich viele Bürger in der VG dank der schnellen Internetverbindung mittlerweile auch ihre Fernsehprogramme aus dem Internet streamen, veröffentlicht die RHEINPFALZ am 15. Juli eine Meldung zu einem kurzfristigen Internetausfall in der VG: Auf Nachfrage bestätigt die Deutsche Glasfaser, dass am Tag zuvor „punktuell einige Haushalte keinen Datenempfang hatten“ – demnach seien „aus uns unerklärlichen Gründen und ohne jeden Vorsatz“ einige Gebäude vom Netz getrennt gewesen: Leider seien ausgerechnet während des Finales der Fußball-Europameisterschaft „die Wohnhäuser der Ortsbürgermeister sowie einiger Verwaltungsmitarbeiter (Bürgermeisterin, Büroleiter, Mitarbeiter der Bauabteilung) betroffen“ gewesen. „Die Deutsche Glasfaser wäscht ihre Hände in Unschuld“, heißt es weiter.
August
Fällt aus – trotz Widerstands aus Mainz. Das Innenministerium beharrt darauf, zumindest die Wochenenden stattfinden zu lassen. Man habe gemeinsam mit der Gema mühevoll an neuen Sicherheitsvorschriften und Gebührenmodellen gefeilt, um auch noch die allerletzte Dorfkerwe madig zu machen. Das funktioniere kaum, wenn die August-Feste fehlten und sich somit niemand ärgere. Gegen die Monatsstreichung protestiert ansonsten nur der Zirkus Pepperoni: „Keine Manege ohne dummen August“, fordern die Rockenhausener Gaukler, die mit massiven Handstand-Demos samt Einrad-Korso in der Kreisstadt drohen. Die Zirkusleute sind erst besänftigt, als der Landrat verspricht, ersatzhalber in die August-Rolle zu schlüpfen. Für seine Provokation „Eine Traumbesetzung!“ handelt sich FDP-Sprecher Christian Ritzmann selbst von Fraktionskollegen maßregelnde Blicke ein.
September
Der Kreistag beschließt zum vierten Mal im Jahr 2024, dem Westpfalz-Klinikum einen weiteren Zuschuss zu gewähren. Die bei einer abermaligen Überprüfung des Finanzierungskonzepts erkannte Liquiditätslücke entspringt vor allem „den nicht eingeplanten Rücklagen für die nicht ganz auszuschließende Pandemie des Spätjahres 2025“, wie es in einer Mitteilung des Klinikums heißt. Zudem, so haben findige Berater aufgedeckt, waren bei den Umzugskosten für Innere nebst Geriatrie von Rockenhausen nach Kirchheimbolanden noch Dieselpreise aus den 1980er Jahren angesetzt worden, weshalb sich der Transport von medizinischem Gerät und Einrichtungsgegenständen verteuern dürfte. Allerdings soll auf der anderen Seite auch Geld eingespart werden: Weil die Leitung des Klinikums den im Laufe des Jahres gefassten Plan verworfen hat, beim Transport Hubschrauber einzusetzen, wird am Standort Rockenhausen nun doch keine Landeplattform mehr gebaut.
Oktober
Die Dörnbacher Bürgerinitiative (BI) „Christoph ist Imsweilerer“ wendet sich ans Innenministerium. Die Initiative befürchtet zu große Lärmbelästigung durch die geplante Stationierung des Rettungshubschraubers „Christoph 66“ an neuem Standort, der auf Dörnbacher Gemarkung liegt. In der Antwort aus Mainz heißt es lapidar: „Naja, die zwei Jahre bekommen Sie doch wohl rum.“ Nicht nur die Mitglieder der BI sind verblüfft. Nachfragen in der Landeshauptstadt ergeben: Nach Sembach (2018/19), nach dem befristeten Interimsbetrieb in Eßweiler (Kreis Kusel, 2019/2020) und nach dem verlängerten Interimsbetrieb seit 2021 in Imsweiler erfolgt nun auch die die dauerhafte Stationierung eines Intensivtransporthubschraubers in der Westpfalz eher schrittweise. Der 25 Jahre währende Vertrag mit der ADAC Luftrettung startet mit einer zweijährigen „dauerhaften Stationierung an einer Interimsluftrettungsstation“. Nur wenn sich der neue Standort bei Dörnbach bewährt, der bis 2026 fertiggestellt sein soll, hat er überhaupt Chancen, im Zeitraum von 2028 bis 2036 jeweils sechsmonatige Fristverlängerungen zu erhalten. Gut möglich ist aber auch, dass dann im Halbjahresrhythmus neue Luftrettungsstationen entstehen werden. Eine „dauerhafte Stationierung von ,Christoph 66’ an dauerhaft fixiertem Standort “ ist laut der zuständigen SGD Süd frühestens ab 2047, also nur für die letzten beiden Jahre der dauerhaften Stationierung, vorgesehen. Da allerdings gebe es – so wie in der bisherigen Praxis – ohnehin kaum Chancen, dass ein Standort zum Zuge kommt, der bereits als Luftrettungsstation eingesetzt war.
November
Nachdem der Donnersberg-Touristik-Verband das Schlosshotel Rockenhausen in seine „Lost-Places-Tour“ aufgenommen hat, kündigt der „Ritterorden des salomonischen Tempels zu Jerusalem“, der das Hotel ursprünglich nutzen wollte, an, den Kreis trotzdem in den Genuss seiner finanziellen Großzügigkeit kommen zu lassen: „Wir sind ein Zusammenschluss von Altruisten und wollen die Menschen glücklich machen“, so ihr Sprecher. Als erste Maßnahme beschließen die Ritter, den defizitären Kreishaushalt auszugleichen und gleich noch ein paar Millionen „für besondere Projekte“ draufzulegen. Einzige Bedingung: Die Kreistagsmitglieder samt Landrat und Beigeordneten müssen sich verpflichten, künftig zu allen Sitzungen und allen öffentlichen Auftritten in Ordensrobe mit Kreuz und Schwert zu erscheinen. Das wird sofort akzeptiert. Landrat Rainer Guth freut sich ganz besonders: „Jetzt können wir endlich noch ein paar neue Stellen in der Verwaltung schaffen“, verkündet er. Das allerdings geht den Rittern dann doch zu weit, sie ziehen ihr Angebot zurück.
Dezember
Fällt aus. Im Zuge der Konsolidierung des Etatentwurfs für 2025 bläst der Kreistag auch den Dezember ab – „um gegenüber ADD und Landesregierung guten Willen zu bekunden“, wie die SPD angeregt hat. Die Erhöhung der Kreisumlage auf 113 Prozentpunkte reicht, wie befürchtet, nicht zum Haushaltsausgleich. Kleiner Trost für die Bürger: Da die Grundsteuer-Hebesätze im Kreis-Durchschnitt auf 14.390 Prozent moderat angepasst worden seien, bräuchten sich von Privatinsolvenz bedrohte Hausbesitzer keinerlei Sorgen mehr um Weihnachtsgeschenke zu machen, die sie sich womöglich nur schwer leisten könnten, heißt es aus Reihen von SPD, Grünen und FDP. Deren Fraktionsmitglieder begrüßen begeistert ein „finanzielles Kraftpaket“ aus Mainz: Die Ampel überweist zehn Euro für eine Kerze zum ersten Advent, der ja 2024 noch in den November fällt.