Wörth / Karlsruhe
Bahn lässt nicht alle Schüler aussteigen
Mit 113 Minuten Verspätung fährt der ICE 371 an diesem Freitagnachmittag in den Karlsruher Hauptbahnhof ein. Er wird bereits von vielen Eltern sehnsüchtig erwartet. An Bord sind nämlich die zehnten Klassen der Carl-Benz-Gesamtschule aus Wörth. Die Schüler und Lehrer haben die Woche vor Pfingsten genutzt, um die in dieser Jahrgangsstufe übliche Berlin-Fahrt zu absolvieren. Dass der Zug fast zwei Stunden später als erwartet eintrifft, ist zwar ärgerlich, aber darauf sind die Eltern vorbereitet. Für Verdruss sorgt dann aber, dass nicht alle Schüler beziehungsweise Schülerinnen in Karlsruhe aussteigen können.
Vier Schülerinnen sind noch im Zug, als sich die Türen unvermittelt schließen. Die Jugendlichen klopfen von innen gegen die Scheiben, ihre Klassenkameraden und Lehrer rufen und schlagen von außen ebenfalls gegen die Türen – alles vergebens, der ICE setzt sich in Bewegung. Nächster Halt: Offenburg. Zwischen Karlsruhe und Offenburg liegen 67 Kilometer, der ICE braucht dafür rund eine halbe Stunde. Die verantwortliche Lehrerin spricht die Bahnbediensteten auf den Vorfall an und bekommt dort zur Antwort, dass der Zug aufgrund seiner großen Verspätung nicht habe länger warten können. Schließlich müsse die Deutsche Bahn bei einer Verspätung von mehr als zwei Stunden 50 Prozent des Fahrpreises zurückerstatten. Der ICE 371 blieb in diesem Fall knapp unter der Zwei-Stunden-Marke.
Rückfahrt mit der Regionalbahn
Michael Trauthwein, stellvertretender Schulleiter der IGS Wörth, bestätigt den Vorfall. Bei den vier Betroffenen handele es sich um vorbildliche Schülerinnen, die ganz sicher keinen Blödsinn gemacht hätten. „Ich bin froh, dass alles glimpflich ausgegangen ist“, sagt Trauthwein. Die 15- und 16-jährigen Jugendlichen wurden in Offenburg von einem Schaffner in Empfang genommen. Der bot ihnen an, sie auf der Rückfahrt nach Karlsruhe zu begleiten. Sie müssten allerdings etwa eineinhalb Stunden auf den nächsten ICE warten. Die Wartezeit war den Schülerinnen etwas zu lang. Da sie alle im Besitz eines Deutschlandtickets sind, entschieden sie, mit der nächsten Regionalbahn zurück zum Karlsruher Hauptbahnhof zu fahren, zumal dort ihre Eltern schon ziemlich lange warteten.
„Wir bedauern sehr die Unannehmlichkeiten für die Fahrgäste, die am 22. Mai mit dem ICE 371 gefahren sind“, teilt eine Bahnsprecherin auf RHEINPFALZ-Anfrage mit. Der Zug sei an diesem Tag stark verspätet gewesen, weil zum einen die Strecke zwischen Berlin und Wolfsburg aufgrund einer behördlichen Anordnung zeitweise gesperrt gewesen sei. Zum anderen habe es einen Notarzteinsatz auf der Strecke bei Hanau gegeben. So kam der ICE 113 Minuten später in Karlsruhe an.
Tipp für künftige Klassenfahrten
Die Bahnsprecherin bestätigt, dass im Rahmen der Fahrgastrechte ab 60 Minuten Verspätung 25 Prozent und ab 120 Minuten 50 Prozent des Fahrpreises erstattet werden, wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind. „Unser Personal ist bemüht, Verspätungen so gut es geht zu minimieren. Dabei wird jedoch darauf geachtet, dass in den Bahnhöfen die Reisenden alle wie gewünscht ein- und aussteigen können“, betont die Bahnsprecherin. Der ICE 371 haben an diesem Freitag in Karlsruhe drei Minuten gehalten, was eine Minute länger sei als im Fahrplan vorgesehen. Es sei für das Personal jedoch nicht ersichtlich gewesen, dass noch weitere Personen aussteigen wollten: „Auch dafür möchten wir uns nochmals entschuldigen.“
Auch im nächsten Jahr werden die Zehntklässler wieder zu ihrer obligatorischen Studienfahrt in die Bundeshauptstadt aufbrechen – und nicht nur die Schüler der Carl-Benz-Gesamtschule. Für alle Schulklassen hat die Bahn noch einen Tipp parat: „Beim Ein- und Aussteigen ruhig mehrere Türen nutzen. Gerne auch parallel das Personal darüber informieren, dass eine größere Gruppe aussteigt, damit sie darauf ein besonderes Auge haben können.“