Speyer
Was in Gottes Namen in Pfälzer Kinderheimen und Schulen geschah
Was sich hinter den Mauern des Bischöflichen Konvikts St. Ludwig und des Kinderheims in der Engelsgasse in Speyer zugetragen hat, was im Nardinihaus in Pirmasens, in den Heimen St. Nikolaus in Landstuhl und St. Josef in Landau-Queichheim und im Johanneum in Homburg passiert ist – die in der Studie von Mannheimer Wissenschaftlern gesammelten Schilderungen Betroffener ähneln sich: Es geht um Macht, Gewalt und sexuellen Missbrauch. Die Strukturen, dank derer die von Priestern, Ordensmännern und -frauen und Mitarbeitern der Einrichtungen begangenen Taten möglich wurden, unterscheiden sich teils stark. Was in der Pfalz in Gottes Namen geschehen ist ...
Konvikt St. Ludwig
Erzwungener Oralverkehr, brutale anale Vergewaltigungen – fast täglich haben das Schüler des Internats nach ihren Schilderungen in den Akten des Bischöflichen Rechtsamts zufolge über sich ergehen lassen müssen. Zu den sexuellen Übergriffen, die laut Studie überwiegend während der 1940er-, 1960er- und 1970er-Jahre stattgefunden haben, zählt demnach unter anderem auch das Anfertigen pornografischer Bilder und Schläge aufs nackte Gesäß. Um die Jungen, die im Speyerer Konvikt auf eine spätere Priestertätigkeit vorbereitet werden sollten, gefügig zu machen, sei ihnen „mit der strafenden Hand Gottes oder Höllenqualen“ gedroht worden. Als Verantwortliche für den „systematischen sexuellen Missbrauch“ benennen die Verfasser der Studie die Leitung des Konvikts – konkret Direktoren, Präfekten und „spirituelle Begleiter“. Im Zusammenhang mit einem von 1958 an tätigen und 2018 verstorbenen Priester ist im Kapitel über St. Ludwig gar von einem „Netzwerk“ die Rede.
Jugendwerk St. Josef
Nicht nur Mitglieder der Heimleitung, sondern auch Erzieher, Lehrer, Schwestern und weitere Mitarbeiter zählen zu den Beschuldigten, wenn es um Missbrauch und Gewalt in den 1950er- bis 1970er-Jahren in der Einrichtung für Kinder und Jugendliche in Landau-Queichheim geht. Den Dominikanerinnen werfen Betroffene vor, sie geschlagen zu haben – mit der Hand, mit Schlüsselbünden, mit Kleiderbügeln. Auch Einsperren und Essensentzug gehörte den in der Studie zusammengetragenen Berichten zufolge zu den brutalen Erziehungsmethoden. Männer hätten ihre Schützlinge in vielfacher Hinsicht sexuell missbraucht – von Masturbation vor den Betroffenen über erzwungenen Oralverkehr bis hin zu Vergewaltigungen. Auch unter den Heimbewohnern habe es ein „extrem hohes Maß“ an Gewalt und sexuellem Missbrauch gegeben. Das Fazit der Studie zu St. Josef: Dort sei „eine Atmosphäre des Totschweigens und Vertuschens (...) fast mit den Händen greifbar“.
Kinderheim St. Nikolaus
In Zimmern von Schwestern, in der Sakristei der Heimkirche, in Schlafsälen oder sogar bei der Beichte werden Mädchen und Jungen im Kinderheim St. Nikolaus in Landstuhl (Kreis Kaiserslautern) während der 1940er- sowie 60er- und 70er-Jahre Opfer von sexuellen Übergriffen. Die Wissenschaftler nennen vier dort tätige Ordensschwestern, Erzieherinnen und den von 1954 bis 1971 amtierenden Hausgeistlichen als Beschuldigte. Auch sein Nachfolger, ein früherer Konviktsdirektor und Regens des Priesterseminars in Speyer, zählt, wie es in der Studie heißt, zu den „Mehrfachbeschuldigten“ im Bistum. Als besonders perfide schildern Betroffene in den Akten des Rechtsamts, dass Vergewaltigungen von Mädchen angepasst an deren Menstruationszyklus stattgefunden hätten, um mögliche Verletzungen zu vertuschen. Ein Betroffener sagt, er sei, sofern er sich gegen Missbrauch gewehrt habe, vom Schreiner mit Holzscheiten verprügelt worden.
Nardinihaus
Selbst als die Prügelstrafe längst gesetzlich verboten war, setzte es im Pirmasenser Nardinihaus offenbar noch Schläge, heißt es in der Missbrauchsstudie. Betroffene berichten vor allem für die 1960er- und 70er-Jahre von „exzessiver Gewalt“ bis hin zu „folterähnlichen Methoden“ wie dem Übergießen mit Wachs, Fesseln und dem Zwang, Erbrochenes zu essen. Beschuldigte hier: Vertreterinnen der Mallersdorfer Schwestern. Sie sollen zumindest nicht verhindert und zum Teil auch vertuscht haben, was sich noch in dem Heim ereignet hat: Hauptsächlich Klerikern, darunter der Ortspfarrer der Gemeinde St. Pirmin, werfen Betroffene sexuelle Übergriffe von Belästigungen bis hin zu brutalen Vergewaltigungen teilweise durch mehrere Männer gleichzeitig vor. Tatorte waren den Berichten zufolge abgelegene Räume im Gebäude: Keller, Flure, Ruhezimmer. Den Opfern sei regelrecht aufgelauert worden, der Missbrauch habe dann „überfallartig“ stattgefunden.
Kinderheim Engelsgasse
„Besonders prekär“ sind die Vorgänge im Speyerer Kinderheim Engelsgasse aus Sicht der Wissenschaftler vor allem, weil im Zentrum der Anschuldigungen ein sehr prominenter Name steht: Rudolf Motzenbäcker – von 1959 bis 1995 erst Generalvikar und dann Offizial des Bistums. Neben ihm sollen sich weitere hochrangige Kleriker an Kindern der Einrichtung vergangen haben. Dies werfe die Frage nach Netzwerkstrukturen auf. Auch für das direkt beim Bischöflichen Ordinariat gelegene Heim berichten Opfer von brutalen analen und oralen Vergewaltigungen. Eine unrühmliche Rolle konstatiert die Studie einigen der dort tätigen Niederbronner Schwestern. Sie sollen selbst am Missbrauch beteiligt gewesen sein und bei Taten von Priestern weggesehen haben. Zu den Schilderungen körperlicher Gewalt gehören Schläge mit Gürteln, Stöcken oder Kochlöffeln. Angeblich mussten die Kinder auf eigene Kosten Gegenstände ersetzen, die beim Prügeln kaputt gingen.
Johanneum
Im von den Hiltruper Missionaren geleiteten Gymnasium im saarländischen Homburg war physische körperliche Gewalt weniger allgegenwärtig als in den anderen untersuchten Einrichtungen in der Diözese, sondern kam eher vereinzelt vor, heißt es im Kapitel zum Johanneum in der Studie. Schwerpunktmäßig in den 1980er- und 90er-Jahren kam es aber zu sexuellen Übergriffen der Patres: Einer von ihnen sei häufig nachts an die Betten der Jungen gekommen und habe sie berührt. In den Privatzimmern der Geistlichen sei es bei Einladungen zum Fernsehen auch zu erzwungenen sexuellen Handlungen bis hin zu Vergewaltigungen gekommen, die teils fotografiert wurden. Ziel von Übergriffen waren überdies die ab 1981 an der Schule unterrichteten Mädchen. Durch Löcher in der Sichtschutzfolie hätten Ordensmitglieder sie beim Duschen und Umziehen in der Schwimmbad-Umkleide beobachtet.