Fragen und Antworten Sexueller Missbrauch im Bistum: Was die Täter lange geschützt hat
Welches Konzept steht hinter der Studie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Speyer?
Es gehe ihr nicht in erster Linie darum, wiederzugeben, was passiert sei, betont Historikerin Sylvia Schraut, unter deren Ägide die Studie seit 2023 entstanden ist. „Das ist längst bekannt“, sagt sie bei der Vorstellung der Arbeit am Donnerstag im Senatssaal der Universität Mannheim. Für sie und ihre Mitstreiterinnen Katharina Hoffmann und Benita Baum stehe „das Wie im Mittelpunkt“ – also die Frage nach Strukturen und Konstellationen, die sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch in Einrichtungen und Institutionen des Bistums Speyer in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht, begünstigt und geschützt haben.
Welche Quellen und Arbeitsmittel standen den Wissenschaftlern dafür zur Verfügung?
Sie hatten unter anderem Zugriff auf Akten aus dem Bistumsarchiv, Personalakten der rund 150 im Zeitraum von 1946 bis 2023 beschuldigten Kleriker und Mitarbeiter der katholischen Kirche sowie Betroffenenakten des Rechtsamts. Das allerdings unter starken Einschränkungen beim Datenschutz. Einen Sonderbestand an Akten wie etwa im Erzbistum Köln, die möglichen Missbrauchsfällen zugeordnet wären, gibt es in Speyer nicht. Schraut stellt insofern die Rolle der Betroffenen besonders heraus: Ohne deren Bereitschaft zu ergänzenden Interviews wäre die Studie in ihrer vorliegenden Form nicht machbar gewesen. Die schriftlichen Quellen gäben „nahezu keine Auskunft über den sexuellen Missbrauch“. Die Historikerin sagt aber auch: Die Mitarbeiter des Ordinariats hätten das Projekt „ungewöhnlich kooperativ und unterstützend begleitet“.
Welche Faktoren haben vor allem in kirchlichen Heimen und Schulen im Bistum Speyer sexuellen Missbrauch begünstigt?
Die Verfasser der Studie nennen die in den Einrichtungen herrschenden autoritären und hierarchischen Strukturen. Bis in die 1970er-Jahre seien dort Gewalt, soziale Isolation und verbale Demütigungen der Kinder und Jugendlichen an der Tagesordnung gewesen. In der Sprache hätten sich „nationalsozialistische Denkweisen“ ausgedrückt. Mit Blick auf die Leiter der Häuser konstatieren die Wissenschaftler einen „Mangel an externer und interner Kontrolle“. Festgelegte Prozesse, wie mit Fällen möglichen sexuellen Missbrauchs zu verfahren ist, gab es demnach nicht. Der Umgang damit habe im Ermessensspielraum mächtiger Kleriker – beispielsweise Generalvikare und Offiziale – gelegen. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name Rudolf Motzenbäcker, der von 1959 bis 1995 nacheinander die beiden genannten Schlüsselämter in der Bistumsleitung innehatte und selbst als Beschuldigter gilt. Ein Phänomen in diesem Zusammenhang: Lückenhafte oder nur rudimentär geführte Personalakten, die kaum Rückschlüsse auf den tatsächlichen Hintergrund etwa von Versetzungen zuließen.
Welchen Einfluss hat die kirchliche Sexualmoral?
Die Autoren bezeichnen sie als mitverantwortlich für den Missbrauch selbst und dessen jahrzehntelange Vertuschung. Die mit den moralischen Vorstellungen der Kirche verknüpften Tabus im Deutschland der Nachkriegszeit hätten eine Kultur des Schweigens begünstigt.
Gibt es einen zeitlichen Schwerpunkt? Wie viele Missbrauchsfälle liegen vor?
Ja. Laut Studie steigen die Meldungen in den 1950er-Jahren an und erreichen in den 1960er-Jahren mit 56 gemeldeten Taten einen Höhepunkt. Ab den Siebzigern sinken die Zahlen dann. Als das Thema des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche durch Enthüllungen in Medien und die bundesweite MHD-Studie 2018 stark ins Licht der Öffentlichkeit geriet, stiegen die Meldungen im Bistum erneut an. Die tatsächliche Anzahl der Opfer ist nach Einschätzung der Forscher schwer zu beziffern. Offiziell liegt sie unter 300. Die Wissenschaftler gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus – Menschen also, die ihre Betroffenheit nicht bei der Kirche oder staatlichen Ermittlungsbehörden angezeigt haben.
Warum liegt nur eine Teilstudie vor? Wie geht es nun weiter?
Die nun präsentierten rund 470 Seiten stellen den ersten Teil der seit 2023 laufenden und auf vier Jahren angelegten Forschungsarbeit an der Uni Mannheim dar. Dass das Team um Sylvia Schraut seine Erkenntnisse in zwei Etappen veröffentlicht, geht auf ausdrücklichen Wunsch des Betroffenenbeirats zurück. Ein Argument ist das teils sehr hohe Alter derjenigen, denen Priestern oder Kirchenmitarbeiter sexuelle Gewalt angetan haben. Sie sollen erleben, dass ihr Schicksal angemessen aufgearbeitet wird. Im zweiten Teil der Studie soll es nach Darstellung der Geschichtsprofessorin um konkrete Fallkonstellationen gehen – beispielsweise wie in dörflichen Strukturen oder innerhalb von Familien mit Missbrauchsvorwürfen umgegangen wurde.
Wie haben Betroffenenbeirat und Unabhängige Aufarbeitungskommission auf die Ergebnisse der Studie reagiert?
Selbst wenn er vieles von dem, was nun in der Studie zusammengefasst und analysiert sei, schon oft gehört habe, fasse ihn das an, sagt Bernd Held als Vertreter des Betroffenenbeirats. Wichtig sei, dass die Strukturen herausgearbeitet wurden, die sexuellen Missbrauch ermöglicht hätten. Sein Appell an die Bistumsleitung: diese Strukturen weiter aufzubrechen. Wolfgang Becker, der die Kommission als Auftraggeberin der Studie vertritt, räumt ein, „von der Fülle des Materials erschlagen“ zu sein. Man wolle die Studie durcharbeiten. Im Fokus: Was hilft, solche Taten und Strukturen zu verhindern?
Wie ordnen Verantwortliche des Bistums die Studie ein?
Generalvikar Markus Magin nennt es in Mannheim „sehr belastend“, die Resultate der wissenschaftlichen Arbeit Schrauts zu hören. Er betont in seiner kurzen Stellungnahme auch: „Wir sind eine lernende Institution.“ Die Studie werde mit ihrer Ausrichtung den Lernprozess unterstützen. Gläubige – Erwachsene wie Kinder – müssten sich in der Kirche wohl und sicher fühlen. Bischof Karl-Heinz Wiesemann will sich am Freitag bei einer Pressekonferenz in Speyer zu der Studie äußern.