Speyer
Nach Missbrauchsstudie: Appell, Demut und Selbstkritik
Es ist kein leichter Gang für Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Einen Tag, nachdem die Historikerin Sylvia Schraut mit ihrem Team in Mannheim die erste Teilstudie zu sexueller Gewalt und Machtmissbrauch in Einrichtungen und Institutionen des Bistums Speyer nach 1946 präsentiert hat, soll er Stellung zu deren Ergebnissen beziehen. Am Abend zuvor haben die Kardinäle im fernen Rom mit Papst Leo XIV. ein neues Oberhaupt der katholischen Weltkirche gekürt. Im Saal des Priesterseminars St. German geht es ganz schlicht um ein Thema, das wichtiger für die Glaubwürdigkeit dieser Institution kaum sein könnte.
Wiesemann geht in seiner Stellungnahme, die er zu Beginn der Pressekonferenz verliest, hart ins Gericht – mit Tätern in Heimen, Schulen und anderswo, mit früheren Verantwortlichen und Arbeitsweisen des Bistums. Und nicht zuletzt mit sich selbst. Er wiederholt die Frage aus einem früheren Brief an Gläubige in der Diözese: „Inwieweit ich, der ich mit so viel Begeisterung und Leidenschaft Priester in dieser Kirche geworden bin, durch falsch verstandenen Gehorsam, durch Wegschauen und Verdrängen, durch fehlende Anteilnahme und Einfühlung mitschuldig an so manchem Leid geworden bin.“
„Schäme mich persönlich“
Der Bischof räumt ein, dass er zu lange überzeugt gewesen sei, dass es sich bei den Missbrauchsvorwürfen gegen Kleriker der katholischen Kirche trotz der großen Anzahl gemeldeter Vergehen um Einzelfälle gehandelt habe. Bis er das Ausmaß des Geschehens und die institutionelle und strukturelle Verwicklung der Kirche „nur ansatzweise erfasst habe“, bedurfte es wohl erst der Feststellungen der bundesweiten MHG-Studie 2018.
Als er 2007 das Amt des Speyerer Bischofs von Anton Schlembach übernommen habe, sei das Thema sexueller Missbrauch nicht eigens angesprochen worden – eine Dokumentation habe es nicht gegeben. Karl-Heinz Wiesemann spricht mit Blick auf die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus von „eklatantem Leitungsversagen“ im Bistum.
Unangemessener Umgang
Den Betroffenen sei „himmelschreiendes Unrecht“ widerfahren, hält der Bischof fest. Er sei bei der Lektüre der rund 470 Seiten der Studie immer wieder an Stellen ins Stocken geraten, an denen Zustände in kirchlichen Heimen geschildert werden und immer wieder mit Blick auf die Betroffenen deutlich wird, „wie wenig ihnen geglaubt wurde“ und „wie unangemessen die Kirche mit ihnen umgegangen ist“. Er schäme sich dafür persönlich. „Ich kann nur aus ganzem Herzen um Vergebung bitten“, sagt Wiesemann.
Dieser Bitte um Entschuldigung schließt sich auch Generalvikar Markus Magin an. Verantwortung und Schuld für Geschehenes anzuerkennen, sei ihm ein „aufrichtiges Anliegen“. Neben der Erinnerung an Taten und Täter sei es wichtig, „aus der Erinnerung zu lernen, damit so etwas, soweit das nur irgendwie möglich ist, verhindert wird“, erklärt der Generalvikar. Ein Baustein in diesem Zusammenhang: der Aufbau einer Datenbank, die sicherstellen soll, dass des Missbrauchs Beschuldigte keinen Job beim Bistum bekommen.
Heime im Zentrum
Konkret will Magin vor dem Hintergrund der Studienergebnisse die Aufsichtsrechte und -pflichten in kirchlichen Heimen noch einmal prüfen lassen. Auch die parallel für die Zentralverwaltung stattfindende Untersuchung durch eine externe Beratungsgesellschaft soll im Licht der neu gewonnenen Erkenntnisse aus der Studie stattfinden. Christine Lambrich, Personalchefin des Bistums Speyer, skizziert Schritte, die in Prävention, Intervention und Aufarbeitung schon gemacht wurden: Schulungen für alle haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeiter, ein Online-Tool für die Bediensteten in den Kitas, die Selbstauskunft bei Einstellung und die Pflicht, ein erweitertes Führungszeugnis einzureichen.
Wesentlich kürzer als seine Vorredner fasst sich Bernd Held. Der Vorsitzende des Betroffenenbeirats berichtet, wie er und seine Mitstreiter die Lücken in den Archiven des Bistums geschlossen hätten: „Wir haben erzählt, was in keiner Akte steht.“ In dieser Weise wollen die Mitglieder des Gremiums auch zum zweiten Teil der wissenschaftlichen Aufarbeitung beitragen, der bis 2027 zehn Fallkonstellationen beleuchten soll – darunter auch die des in den 1950er- und 1960er-Jahren amtierenden Generalvikars und späteren Offizials Robert Motzenbäcker.
„Brechen das Schweigen“
Held wiederholt seinen tags zuvor in Mannheim an die Kirchenoberen gerichteten Appell, Strukturen zu zerschlagen, die Gewalt und sexuellen Missbrauch ermöglicht, begünstigt und vertuscht haben. Er wünsche sich im Verhältnis zwischen Betroffenenbeirat, Unabhängiger Aufarbeitungskommission und Bischöflichem Ordinariat, dass „Kommunikation noch schneller“ laufe. Bernd Held schließt mit einem Aufruf und der Ermutigung an weitere Opfer, sich mit ihrem Schicksal zu melden: „Wir brechen das Schweigen.“
