Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauchsstudie: Schrecken auch in Speyerer Heimen

Engelsgasse: öffentlicher Protest im Heim-Umfeld schon 2020.
Engelsgasse: öffentlicher Protest im Heim-Umfeld schon 2020.

In der am Donnerstag vorgestellten Studie über sexuellen Missbrauch im Bistum Speyer spielen auch Einrichtungen in der Domstadt wichtige und unrühmliche Rollen.

„Schläge, etwa auf das nackte Gesäß der Betroffenen, wurden dabei entweder als Vorbereitung der Übergriffe oder als sexuelle Komponente während der Übergriffe eingesetzt.“ Das ist nur ein Aspekt der Taten, die im Abschnitt der Studie über das Bischöfliche Konvikt St. Ludwig in Speyer erwähnt sind. Sie basieren auf den Akten der Betroffenen des Konvikts, die das Bischöfliche Rechtsamt führt. Die Studienautoren von der Universität Mannheim haben sie ausgewertet. Das Konvikt war ein Ausbildungsinternat überwiegend für Jungen, die Priester werden wollten. Es war bis 1989 im Bistumshaus an der Ludwigskirche angesiedelt.

Nach den Meldungen habe sexueller Missbrauch im Konvikt überwiegend in den 1940er, 1960er und 1970er Jahren stattgefunden. Es habe dabei unterschiedlichste Tathandlungen gegeben. Genannt werden etwa die Betrachtung und Anfertigung pornografischer Bilder, die Manipulation der Geschlechtsteile der Betroffenen, erzwungener Oralverkehr und brutale Vergewaltigungen, „die mehrfach wöchentlich bis beinahe täglich stattfanden“.

Direktor als Täter

Namentlich genannt wird Alois Gabriel, der ab 1958 zunächst Präfekt, später Direktor des Konvikts war, sowie ein „gewisses Netzwerk“ von Tätern um ihn herum. Außerhalb der genannten Jahrzehnte sei eine sexuelle Nötigung und eine versuchte Vergewaltigung eines externen Lehrmädchens im Keller des Konvikts durch den Hausmeister überliefert. Die Autoren der Studie sprechen außerdem von „seelisch-psychischem Missbrauch, der das Vertrauen der Betroffenen in die Kirche nachhaltig schädigte“.

Die zweite Einrichtung in Speyer, bei der nun genauer hingeschaut wurde, ist das Kinderheim in der Engelsgasse. Dieses stand schon vor Jahren in der Öffentlichkeit, weil Bischof Karl-Heinz Wiesemann von Missbrauchstaten im Heim berichtet hatte, die Rudolf Motzenbäcker, dem ehemaligen Generalvikar des Bistums, angelastet werden. Dieser soll aber nicht der einzige hochrangige Kleriker des Bistums gewesen sein, der dort Verbrechen an Schutzbefohlenen begangen hat. Auch einzelne dort beschäftigte Niederbronner Schwester sollen zu Täterinnen geworden sein. Diese hätten „nicht nur selbst Kinder sexuell missbraucht, sondern auch ganz bewusst beim Missbrauch durch die verschiedenen Priester weggesehen“.

Psychische Gewalt gegen Mädchen

Berichtet wird unter anderem von (Gruppen-)Vergewaltigungen, vom Zwang, sich vor den Beschuldigten nackt auszuziehen, von Schlägen, Stichen und dem gewaltsamen Einführen von Gegenständen in den After. Ein weiterer Aspekt war laut Studie schwere psychische Gewalt vor allem gegenüber den Mädchen, die etwa nicht zur Schule gehen durften, weil sie „zu dumm“ seien, oder geschlagen wurden, nur weil sie ihre Periode bekamen. Die Taten hätten sich bis in die 1990er Jahre hinein ereignet.

Die Studie berichtet für das gesamte Bistum von 109 zwischen 1946 und 2023 im Bistum beschäftigten Klerikern, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt oder überführt worden seien. Zur systematischen Aufarbeitung entsprechender Vorwürfe sei es erst ab 2010 gekommen. Davor habe es Ignoranz und Vertuschung gegeben.

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