Homburg
Studie: Johanneum war „Hotspot in der Missbrauchsgeschichte“
Am Donnerstag hat die Historikerin Sylvia Schraut in Mannheim den ersten Teil ihrer Studie vorgelegt, in der sie im Auftrag des Bistums Speyer die jahrzehntelange sexuelle Gewalt in Heimen und Schulen des Bistums dokumentiert. Das Internat am Homburger Johanneum war laut Schrauts Erkenntnissen seit den 1960er Jahren Schauplatz vielfachen sexuellen Missbrauchs von Schülern durch Ordensleute der Hiltruper Herz-Jesu-Missionare – vor allem in den 1980er- und 1990er Jahren. Die Studie prangert auch den Umgang des Ordens mit dem Geschehen an, nachdem Betroffene 2010 den Missbrauch am Johanneum aufgedeckt und sich an die Öffentlichkeit gewandt haben.
„Als erste Reaktion“, so Schraut, sei „eisern behauptet“ worden, man habe „nichts von derartigen Vorkommnissen im eigenen Haus gewusst“. In der Studie schreibt die Autorin: „Zwei Beschuldigte bekannten sich öffentlich zu ihren Taten und wurden innerhalb des Ordens versetzt. Wenig später veröffentlichte der Orden einen Abschlussbericht über den sexuellen Missbrauch, in dem von den zwei geständigen Tätern und sechs Betroffenen ausgegangen wurde. Für die Betroffenen, die sich untereinander zusammengeschlossen haben, waren diese Zahlen ein Hohn und sie verlangten eine vollständige Offenlegung von allem, was passiert sei. Die weltliche Direktorin des Johanneums engagierte sich für eine konsequente Aufarbeitung, wurde aber von den Ordensoberen zum Schweigen gebracht und auf etwas ominöse Weise aus ihrem Amt entlassen. Im Umgang mit den Betroffenen erkennt der Orden nur diejenigen als Betroffene an, die sich direkt beim Orden gemeldet haben. Die Meldungen, die an den Missbrauchsbeauftragten des Bistums gingen, hatten für den Orden keine Relevanz. Außerdem zeigten die Hiltruper Missionare keinerlei Bereitschaft, mit den Betroffenen zu sprechen.“
Anfänge beim Ordensnachwuchs
Im September 2018 durfte eine Betroffenen-Initiative aus eigenem Antrieb einen Gedenkort am Schulhof anlegen. Laut Studie hat der Hiltruper Orden „mittlerweile ein Aufarbeitungsprojekt in Auftrag gegeben, sieht sich aber nach wie vor nicht in einer Verantwortung gegenüber den Betroffenen“. Die Autorin spricht von einer „durchaus zulässigen Charakterisierung des Johanneums Homburg als Hotspot in der Missbrauchsgeschichte des Bistums Speyer“. Mindestens einer der 16 damaligen Patres im Johanneum gehöre „zu den Beschuldigten der Datenbank Speyer“. Inzwischen haben sich die Patres aus dem operativen Betrieb der Privatschule zurückgezogen.
Errichtet wurde das Johanneum zunächst als Internat zur Ausbildung des Ordensnachwuchses. Die Jungen sollten im Internat wohnen und im Homburger Realgymnasium zur Schule gehen. 1963 wurden die ersten zwölf Jungen im Internat aufgenommen. Dieses wurde ab 1965 um ein eigenes Gymnasium erweitert. Seit 1981 dürfen auch Mädchen das Gymnasium besuchen. 1998 wurde das Internat geschlossen. Der letzte derzeit bekannte Übergriff fand laut Meldung von Betroffenen 2001 statt.
Sexuelle Handlungen und Folterfilme
Was sich seit Mitte der 1970er bis in die 1990er Jahre in dem Internat abgespielt hat, wird in der Studie in drastischen Betroffenenberichten geschildert. Von einem Pater ist da die Rede, der nachts an die Betten der Jungen kam. Regelmäßig hätten Geistliche ihre „Lieblinge“ zum Fernsehen in ihre Privatzimmer geholt, wo sie die Minderjährigen mit Alkohol zu sexuellen Handlungen gefügig machten. Manche Schüler seien gezwungen worden, sich nicht altersgerechte Filme mit Folter- und Vergewaltigungsszenen anzuschauen.
Übergriffe habe es auch im Musikunterricht, bei Chorfahrten und im hauseigenen Schwimmbad gegeben. Patres sollen Mädchen durch Gucklöcher beim Duschen und Umziehen beobachtet haben.