Pirmasens
Nardinihaus: Jahre des Missbrauchs und der Vertuschung – Erschütternde Details
„Froh und freundlich, bescheiden und zufrieden“ sollten die Kinder leben, die ihre Zeit im Nardinihaus verbrachten. Diese Worte erschienen 1955. In dem Jahr feierte die Einrichtung ihr 100-jähriges Bestehen. Mit dem Wissen von heute sind die Worte höchst zynisch und wohl in keiner Weise realitätsnah.
Vergangene Woche hat eine Gutachterin eine Studie zum sexuellen Missbrauch im Bistum Speyer seit 1946 vorgestellt. Das Nardinihaus wird auf den 457 Seiten nicht nur mehrfach erwähnt. Die Autoren des Gutachtens bezeichnen die Einrichtung gar als „Hotspot“ des Missbrauchs. Eine unrühmliche Auszeichnung, die sich das Nardinihaus mit dem Johanneum in Homburg, dem Jugendwerk St. Josef in Landau und weiteren teilt.
Geld für die Opfer
Schon 2020 hatte das Bistum gegenüber der RHEINPFALZ eingeräumt, dass es in den 50er-, 60er- und 70er Jahren zu Übergriffen im Nardinihaus kam. Laut den damaligen Angaben flossen an vier Opfer Summen zwischen 2000 und 10.000 Euro. In der Studie werden nun erstmals Details zu den Vorgängen in der kirchlichen Einrichtung genannt. In dem Gutachten ist zudem von Fällen bis in die 1990er Jahre die Rede.
Exzessive Gewalt
An erster Stelle führen die Autoren rund um die Mannheimer Historikerin Sylvia Schraut die exzessive Ausübung von Gewalt an. Die meisten Betroffenen erzählen demzufolge über massive Schläge mit Händen und Fäusten. Die Prügel erfolgten auch mit Gegenständen wie Kleiderbügeln, Ringen, Flaschen oder Stöcken und manchmal sogar ohne vorgegebenen Grund. Als „auffällig“ bezeichnen die Studienautoren, dass im Nardinihaus die Prügelstrafe noch fester Bestandteil des Alltags war, als diese schon lange gesetzlich verboten war.
Vielfach sei bei den Schlägen neben dem Gewaltaspekt eine sexuelle Motivation zu vermuten. Betroffene berichten, dass sie sich als Kinder nackt ausziehen mussten und die Schläge hauptsächlich auf das Gesäß erfolgt seien.
Nackt auf dem Schreibtisch
In der Studie wird ein besonders drastischer Fall geschildert. Demzufolge soll der Hausgeistliche zugesehen haben, wie ein Mädchen, das nackt auf dem Schreibtisch der Oberin lag, geschlagen wurde. Der Priester soll sich dabei selbst befriedigt haben.
Neben den Schlägen berichten die Betroffenen von verschiedenen anderen Arten, wie im Nardinihaus physische und psychische Gewalt ausgeübt wurde. Die Rede ist dabei vom Eingesperrtwerden in dunkle Kammern und dabei tagelang stehen zu müssen, nackt in den gefluteten Waschraum eingeschlossen zu werden und das Wasser aufwischen zu müssen oder von der nächtlichen Kontrolle der Unterwäsche. Einer der Betroffenen schilderte den Studienautoren zufolge, dass die Ordensschwestern ihr erzählten, dass ihre Mutter sich ihretwegen das Leben genommen habe. Und das, obwohl die Mutter noch lebte.
Folterähnliche Methoden
In dem Gutachten ist zudem die Rede von „folterähnlichen Methoden“. Konkret sollen die Kinder mit heißem Wachs übergossen worden sein. Zudem seien Fälle bekannt, in denen Kindern gezwungen worden seien, Erbrochenes zu essen. Teilweise sollen die Kinder wohl auch gezwungen worden sein, sich gegenseitig zu verprügeln. Wörtlich steht in der Studie dazu: „Dieser Gewaltexzesse werden nach aktuellem Stand der Meldungen fast ausschließlich Ordensschwestern und Erzieherinnen beschuldigt. Dennoch gilt dies nicht für alle Schwestern, die im Nardinihaus tätig waren.“
Ganz anders sieht das im Bereich der sexuellen Übergriffe aus. Hier seien die Beschuldigten überwiegend männlich. Konkrete Vorwürfe werden gegen den damaligen Ortspfarrer erhoben, aber auch gegen Ordensgeistliche, die zu Gast im Nardinihaus waren. Neben den Klerikern gibt es auch Vorwürfe gegen ehemalige Hausmeister und andere Mitarbeiter.
Gruppenvergewaltigungen
Die konkreten Taten reichen nach den Erzählungen der Betroffenen von sexueller Belästigung, auch in Form von Briefen, über Küsse und das Angefasstwerden am ganzen Körper, den Genitalbereich eingeschlossen, bis hin zu brutalen Vergewaltigungen. Die seien teilweise von mehreren Männern gleichzeitig durchgeführt worden. Den Mallersdorfer Schwestern wird vor allem Förderung und Vertuschung des Missbrauchs vorgeworfen sowie das Nichtverhindern der Übergriffe.
Allerdings soll es auch Schwestern gegeben haben, bei denen sexuelle Motive eine Rolle gespielt haben. Die Studienautoren berichten das am Beispiel einer Betroffenen. Die habe geschildert, wie sie nach den Vergewaltigungen durch den Ortspfarrer und weitere Männer von Schwestern im Intimbereich „reingewaschen“ worden sei. Dies erweckt bei den Verfassern des aktuellen Gutachtens den Eindruck, dass „die Schwestern mutmaßlich wussten, was passierte, wenn sie die Kinder zum Ortspfarrer brachten“. Das Waschen hinterher erscheine so „in heuchlerischer Weise als eine Art perfide rituelle Reinigung, vergleichbar mit dem Eintauchen in die Mikwe im jüdischen Glauben“. Die Betroffene vermute außerdem ein gewisses Maß der (sexuellen) Befriedigung der Schwestern beim Waschen, da wohl viel Zeit dafür aufgewendet worden sei. Des Weiteren sollen Schwestern Mädchen auch Gegenstände eingeführt haben und nach der Erinnerung einer Betroffenen Erregung verspürt haben, je mehr Schmerzen die Mädchen dabei hatten.
Wo und wie die Täter zuschlugen
Die Tatorte und Anbahnungsmethoden sind im Nardinihaus im Vergleich zu den anderen im Gutachten erwähnten Einrichtungen recht vielfältig. Im Nardinihaus selbst sollen die Übergriffe häufig in abgelegenen, wenig frequentierten Orten wie Kellerräumen, Fluren, Ruhezimmern oder privaten Rückzugsräumen der Beschuldigten stattgefunden haben. Außerhalb des Heims soll es im Religionsunterricht, in den Räumen des Ortspfarrers und Wohnungen von nicht näher namentlich bekannten Externen zu Übergriffen gekommen sein. Die Beschuldigten hätten ihren Opfern vielfach aufgelauert. Der sexuelle Missbrauch habe dann „überfallartig und ohne längere Anbahnung“ stattgefunden.
Die Autoren der Missbrauchsstudie haben sich auch mit den Reaktionen der heute Verantwortlichen auf die Vorwürfe befasst. Mit Blick auf das Nardinihaus steht in dem Gutachten Folgendes: „Die Reaktion auf den sexuellen Missbrauch im Nardinihaus war vor allem in der Anfangszeit nach dem Bekanntwerden eher verhalten. So erhielten Betroffene zunächst nur eine floskelhafte Entschuldigung. Unternommen wurde nichts weiter, da der Beschuldigte bereits tot war. Allerdings bekannte nur wenige Jahre später die weltliche, pädagogische Gesamtleitung öffentlich Farbe. Sie bedauert, dass die Betroffenen im Nardinihaus unter Gewalt und sexuellem Missbrauch leiden mussten, bittet um Entschuldigung und trägt die Verantwortung. Sie verspricht außerdem allen Betroffenen, bestmöglich bei der Aufklärung ihrer Fälle zu unterstützen. Die Mallersdorfer Schwestern dagegen versuchen laut den Autoren der Studie „alles, um den sexuellen Missbrauch abzustreiten“. Betroffene würden als Lügner diffamiert, Beschuldigten Erinnerungslücken aufgrund ihres hohen Alters zugesprochen und nur das zugegeben, was an Gewalt in der Erziehung als gesellschaftlich akzeptabel galt.“

