Mannheim / Landau
Studie: Besonders viele Missbrauchsfälle im Jugendwerk St. Josef
„Insbesondere ist anzumerken, dass zumindest in der Vergangenheit so gut wie keine Aufsichtsmaßnahmen über Heime im Bistum Speyer praktiziert wurden, die geeignet gewesen wären, sexuellen Missbrauch und Gewaltexzesse zu verhindern. St. Josef in Landau-Queichheim scheint hier im Bistum Speyer eine besonders unrühmliche Stellung zuzukommen.“ Das ist ein Auszug aus der ersten Teilstudie des Missbrauchsberichts für das Bistum Speyer, den die Historikerin Sylvia Schraut am Donnerstag in Mannheim vorgestellt hat.
Auch wenn die Queichheimer Missbrauchstaten – laut Schraut etwa 30 Prozent aller gemeldeten Fälle im Bistum – etwa in den 1950er- bis 1970er-Jahren zu verorten sind, werfen die Autoren der Studie dem Jugendwerk teils krasse Versäumnisse nicht nur bis in die mittleren 2010er-Jahre, sondern bis heute vor. Doch der Reihe nach.
„Das Kinder-KZ von Landau“
Das Jugendwerk St. Josef in Queichheim ist 1910 gegründet und bis heute eine Einrichtung der Jugendhilfe, in der zunächst nur männliche, später auch weibliche Jugendliche ab neun oder zwölf Jahren stationär untergebracht wurden und werden. Und es scheint für junge Menschen in den entsprechenden Jahren eine Art Hölle gewesen zu sein.
Die Vorgänge hinter den Mauern der Einrichtung führten gar zu einem Artikel mit dem Titel „Das Kinder-KZ von Landau“ in der Zeitschrift „konkret“. Ernst Böbel, ein ehemaliger Heimbewohner, wandte sich 1969 an die Redaktion und schilderte die massive Gewalt, die er vom ersten Tag an in St. Josef erleiden musste, berichten die Autoren. Im Bistumsarchiv ist ein darauf reagierendes Schreiben abgelegt, das aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Beschuldigten Alfons Henrich, Leiter des Jugendwerks von 1969 bis 1988, stammt.
Ex-Caritas-Chef ein Hauptbeschuldigter
Henrich, Leiter des Caritasverbands von 1989 bis 2008, ist dem Gutachten zufolge eine zentrale Figur. In dem Schreiben bestreite er die Vorwürfe und spreche von einer Verleumdungskampagne. Das funktionierte, weil „der Ruf des Heims so gut aufgebaut worden war, dass ein einfaches Abstreiten der Heimleitung ausreichte, um sich das Vertrauen von Bistumsleitung, Öffentlichkeit und Medien weiter zu sichern“. Henrich habe das dank seiner guten Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten, aber auch den Medien geschafft, heißt es an anderer Stelle des Gutachtens.
„Extrem hohes Maß an Gewalt und sexuellem Missbrauch“
Passiert ist laut dem Bericht hinter den Mauern Schreckliches. Männer haben die Jugendlichen und Kinder dem Bericht zufolge unter anderem im Intimbereich berührt, vor ihnen masturbiert, sie anal vergewaltigt, Finger in den After eingeführt oder zum Oralverkehr gezwungen. „Häufig waren diese brutalen Übergriffe zusätzlich verbunden mit Schlägen, Demütigungen und Drohungen.“ Das habe dazu gedient, die Betroffenen zu brechen und zu verhindern, dass sie von dem Missbrauch berichten. Ein Unterschied zu anderen Heimen sei, „dass in St. Josef nicht nur Mitglieder der Heimleitung beschuldigt wurden, sondern auch Erzieher, Lehrer, Schwestern und Mitarbeiter. Ein besonderes Augenmerk ist jedoch darauf zu richten, dass es in St. Josef auch ein extrem hohes Maß an Gewalt und sexuellem Missbrauch unter den Heimbewohnern selbst gegeben hat. Die ausgeführten sexuellen Handlungen und die Brutalität, mit der diese durchgeführt wurden, standen dabei dem Missbrauch durch Erwachsene in nichts nach“.
Schwestern haben dem Bericht zufolge die jungen Menschen mit Gegenständen geschlagen, sie eingesperrt oder ihnen Essen entzogen. „Im Bereich der sexuellen Übergriffigkeit wird den Schwestern von Betroffenen hauptsächlich sexuell motivierter Voyeurismus beim Duschen vorgeworfen. Ein Betroffener erinnert sich auch daran, dass ihn eine Schwester mehrfach nach dem Einnässen im Genitalbereich gewaschen hätte.“
Totschweigen und Vertuschen
Im Jugendwerk „ist eine Atmosphäre des Totschweigens und Vertuschens des sexuellen Missbrauchs fast mit Händen greifbar, die sich zumindest teilweise auch noch bis heute durchzieht“, heißt es im Bericht. Gegenüber dem Bistum zeige man sich kooperativ, weniger aber gegenüber Betroffenen. Diese bekämen ihre eigenen Akten nur mit geschwärzten Anteilen. Es gebe bis heute keine öffentliche Entschuldigung, „und das Heim hat sich auch noch nicht offiziell zur Übernahme der Verantwortung für das Missbrauchsgeschehen bekannt. Ebenso wenig ist auf der Website des Jugendwerks ein Hinweis auf den stattgefundenen Missbrauch zu finden, keine Erklärung, keine Stellungnahme, keine offene Erinnerungskultur“. Einem der Hauptbeschuldigten gegenüber war man zumindest bis Mitte der 2010er-Jahre offener und wohl auch zugeneigter.
Der frühere Heimleiter Alfons Henrich, 2021 im Alter von 86 Jahren verstorben und in Kuhardt beigesetzt, hatte zwar ab den 2010er-Jahren Hausverbot in Queichheim. Aber: Dem Gutachten zufolge hatte er bis „mindestens 2014 uneingeschränkten Zugriff auf die Heimakten der Kinder und, was noch unverständlicher ist, auch auf die vom Bischöflichen Rechtsamt angelegte Betroffenenakte“ eines Betroffenen. Aus dieser habe er vertrauliche Dokumente und Informationen für seine private Dokumentation kopiert. „Die Gründe hierfür können nicht nachvollzogen werden, erwecken aber den Eindruck, dass der Umgang mit Beschuldigten nicht besonders konsequent war und wenig getan wurde, um weiteren Missbrauch zu verhindern“.
Wetters Verhalten lässt sich „nicht eindeutig belegen“
Ebenfalls im Bericht genannt wird Kardinal Friedrich Wetter, in dessen Zeit an der Spitze des Bistums (1968–1982) sechs der 109 gemeldeten Missbrauchsfälle, also 5,5 Prozent, fallen. Wetter werde, so schreiben Sylvia Schraut, Jannes Deitert und Katharina Hoffmann, „zumindest für seine Münchner Amtszeit Vertuschung von sexuellem Missbrauch vorgeworfen. Angesichts der desolaten Aktenlage im Bistum Speyer lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht eindeutig belegen, wie aktiv er in die Bearbeitung von Missbrauchsfällen in Speyer eingegriffen hat. Allerdings ging in seiner Amtszeit die Anzahl der aktuellen Missbrauchsmeldungen auch deutlich zurück, sodass er relativ wenig Gelegenheit hatte, sein diesbezügliches Amtsverständnis unter Beweis zu stellen“.
Im Netz
