Landstuhl RHEINPFALZ Plus Artikel Studie: Missbrauch und Gewalt im katholischen Kinderheim St. Nikolaus

Bis in die 1970er Jahre gab es unter der Führung der katholischen Ordensschwestern schlimme Vorkommnisse im Landstuhler Kinderhe
Bis in die 1970er Jahre gab es unter der Führung der katholischen Ordensschwestern schlimme Vorkommnisse im Landstuhler Kinderheim St. Nikolaus. Heute steht das Haus unter der Regie der Caritas.

Im Diözesankinderheim St. Nikolaus in Landstuhl hat es in der Vergangenheit sexuellen Missbrauch und Gewaltexzesse gegeben.

Das geht aus dem ersten Teil einer Studie der Uni Mannheim zum sexuellen Missbrauch im Bistum Speyer seit 1946 hervor, die Historikerin Sylvia Schraut jetzt vorgelegt hat. Die 473-seitige Untersuchung analysiert die Strukturen, die Konstellationen und Hintergründe des sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der Kirche und in einzelnen Pfarreien. Die Vergehen von 109 Pfarrern und 42 sonstigen Beschuldigten wurden dafür ausgewertet. Zentraler Zeitraum der Missbräuche waren die 1950er bis 1970er Jahre.

Ordensschwestern und Hausgeistliche beschuldigt

In St. Nikolaus in Landstuhl werden laut der Studie mindestens vier Ordensschwestern des Missbrauchs beschuldigt. Weitere Beschuldigte sind einige weltliche Erzieherinnen, einzelne ältere Heimkinder und der Hausgeistliche des Heims von 1954 bis 1971 sowie dessen Nachfolger. Letzterer gehöre zu den Mehrfachbeschuldigten im Bistum Speyer, da er in mehreren Einrichtungen tätig war, bevor er auf eigenen Wunsch hin als Hausgeistlicher in St. Nikolaus eingesetzt worden sei. „Vor seinem Hintergrund als Beschuldigter des Missbrauchs an Minderjährigen kann gemutmaßt werden, dass (...) er ganz konkret den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen suchte“, heißt es in der Studie. Stattgefunden habe der Missbrauch in St. Nikolaus nach den bisher bekannten Schilderungen hauptsächlich in den 1940er, 1960er und 1970er Jahren.

Sämtliche Aussagen, die den Missbrauch und die Gewalt im Heimalltag thematisieren, basierten auf den Akten der Betroffenen von St. Nikolaus, die im Bistumsarchiv liegen.

Während der Periode vergewaltigt

Die betroffenen Mädchen hätten unter anderem das Anfassen im Intimbereich, Vergewaltigungen durch das gewaltsame Einführen von Gegenständen und Selbstbefriedigung der Beschuldigten auf den Betroffenen geschildert. „Besonders perfide ist die Anpassung der sexuellen Übergriffe an den Menstruationszyklus der Mädchen. Um mögliche Blutungen durch verursachte Verletzungen zu vertuschen, fand der Missbrauch vor allem dann statt, wenn die Mädchen ihre monatliche Blutung hatten“, so die Studie. „Die Schwestern wussten über den Zeitpunkt Bescheid, weil die Mädchen nur von den Schwestern Monatsbinden bekommen konnten“, heißt es in den Fußnoten. Auch die betroffenen Jungen hätten unter anderem von Vergewaltigungen berichtet. „Die Übergriffe fanden dabei überwiegend in den Zimmern der Schwestern, der Sakristei der Heimkirche, in den Schlafsälen der Kinder oder beim Beichten statt.“

Auch Gewaltexzesse soll es gegeben haben: „Die Anwendung massiver Schläge war in St. Nikolaus Bestandteil des Missbrauchs.“ Gewalt und Drohungen sollten die Kinder laut der Untersuchung zum Schweigen bringen und gefügig machen. Dabei seien auch Dritte, beispielsweise der hausinterne Schreiner, miteinbezogen worden: Wenn er sich gegen den Missbrauch wehrte, sei er vom Beschuldigten zum Schreiner gebracht worden, gab ein Opfer an. Dieser verprügelte dieses so exzessiv mit Holzscheiten, dass das Kind aus Angst vor weiteren Schlägen eher den Missbrauch über sich ergehen ließ, so die Studie.

1853 als Waisenhaus gegründet

Das Diözesankinderheim war anfangs ein diözesanes Waisenhaus. „Als erste Einrichtung dieser Art auf dem Gebiet des Bistums sollte das Heim die schlechte Situation der Waisenkinder in der Pfalz verbessern.“ Auch eine schulische Grundausbildung sollte ihnen dort ermöglicht werden. Eröffnet wurde das Waisenhaus 1853. Die Leitung übernahmen die Schwestern vom Armen Kinde Jesus. In den 1950er Jahren verzeichnete St. Nikolaus laut der Studie mit rund 500 Jungen und Mädchen die höchste Belegung des Heims. 1957 wurde die Einrichtung in „Diözesankinderheim St. Nikolaus Landstuhl“ umbenannt.

Die Schwestern haben das Haus vor einigen Jahren verlassen, aber das Heim besteht noch heute: Unter dem Namen Caritas-Förderzentrum Nikolaus von Weis beherbergt es aktuell 60 Jungen und Mädchen bis zu einem Alter von 21 Jahren, so die Studie.

Das Bistum Speyer zeigt sich tief betroffen von der Studie.

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