Kanzlerkandidatur RHEINPFALZ Plus Artikel Auf Friedrich Merz baut jetzt die gesamte Union

Merz macht’s: CDU Chef Friedrich Merz (links) tritt als Kanzlerkandidat der Union an, um den „Ampelschaden“ zu reparieren. CSU-C
Merz macht’s: CDU Chef Friedrich Merz (links) tritt als Kanzlerkandidat der Union an, um den »Ampelschaden« zu reparieren. CSU-Chef Markus will ihn bei dieser Aufgabe unterstützen, sagt er.

Attacken aus den eigenen Reihen braucht der CDU-Vorsitzende nach dem Verzicht Söders nicht zu befürchten – oder vielleicht doch?

Keine Fragen! Wie jetzt – keine Fragen? Nach 13 Minuten verlassen Markus Söder und Friedrich Merz die kleine Bühne im Lichthof der Landesvertretung Bayerns in Berlin-Mitte. Der CSU-Chef sprach sechs Minuten, der CDU-Vorsitzende sieben. Beide hatten zu einer „Pressekonferenz“ geladen, am Ende gab es nur zwei Statements, und die waren von Gewicht. Den zahlreich anwesenden Journalisten wäre schon das eine oder andere zu dem Thema eingefallen. Etwa ob Merz es wie Söder sieht – dass er unter keinen Umständen eine Koalition mit den Grünen eingehen würde, sollte er die Bundestagswahl gewinnen. Doch das christdemokratische Duo ist schon flugs hinter der schwarzen Tür neben der Bühne verschwunden, gefolgt von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Keine Fragen.

Natürlich gibt es eine Erklärung für dieses Verhalten, lässt man die 13 Minuten des Merz-Söder-Auftritts einmal Revue passieren: Nichts, im Sinne von gar nichts, sollte die Anmutung zerstören, dass beide Großkopferten freundschaftlich zusammenstehen und in größter Gemeinsamkeit die Frage der Kanzlerkandidatur einvernehmlich geregelt haben. Nichts sollte den Anschein erwecken, dass Markus Söder der einzige war, der noch an Markus Söder als Unionskanzlerkandidat glaubte. Dass der CSU-Chef noch vor Kurzem jedem, der es nicht hören wollte, sagte, er stehe zur Verfügung, sollte die Schwesterpartei ihn rufen – geschenkt. In der CDU rief niemand nach Söder.

CDU will keinen Wichtigtuer

Das hatte sich bereits auf dem CDU-Bundesparteitag im Mai angedeutet, als Merz mit knapp 90 Prozent als Vorsitzender wiedergewählt wurde und zugleich ein neues, deutlich konservativeres Grundsatzprogramm beschließen ließ. Es war Merz’ inhaltliche Abnabelung von Angela Merkels Politik und der erste Schritt auf dem Weg zur Kanzlerkandidatur. Das bayerische Restrisiko namens Söder stellte schon damals keine echte Gefahr mehr dar. Einen Wichtigtuer als Kanzlerkandidat, das wollte sich in der CDU nach diesem Parteitag kaum noch jemand vorstellen.

Selbst in der CSU waren Söder die Felle davongeschwommen. Dass der Ministerpräsident „Kanzler kann“, wie es CSU-Landtagsfraktionschef Klaus Holetschek ausdrückte, war noch der größte Lorbeerkranz, der Söder in seiner Heimat geflochten wurde. Ansonsten wurde geraunt, Söder schade mit seinen fortdauernden Anspielungen, wie gut die persönlichen Umfragen für ihn ausfielen, nicht nur sich, sondern auch der CSU. Der Mann, der in der Corona-Krise mal zum Team „Vorsicht“, mal zum Team „Freiheit“ zählte, bleibt nun auf absehbare Zeit im Team „Weißwurst“, also in der bayerischen Staatskanzlei.

Henrik Wüst sorgt für Söders endgültige Niederlage

Die finale Niederlage für Söder hatte Henrik Wüst Anfang der Woche vorbereitet. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzende des größten CDU-Landesverbandes verkündete seinen Rückzug als Kanzlerkandidat und verdarb Merz und Söder das Timing. Zu diesem Zeitpunkt wusste Wüst bereits durch Telefonate mit Merz, dass die Sache längst geklärt ist. Doch Wüst wollte, indem er mit seinem Statement „rausrannte“, wie es der rheinland-pfälzische CDU-Landeschef Christian Baldauf formulierte, offenbar den „Kanzlerkandidatenmacher“ spielen. Denn mit seinem Plädoyer für Merz war Söder aus dem Rennen – und Merz die Nummer eins. Jetzt beschäftigte Söder nur noch eine Frage, nämlich wie er gesichtswahrend aus der Sache herauskommen könnte.

Die Antwort darauf gab es in der „Pressekonferenz“ in der bayerischen Landesvertretung: Söder inszenierte seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur quasi als Gnadenakt gegenüber Friedrich Merz, indem er meinte, „ich bin damit fein“ – eine sprachlich verhunzte Übersetzung aus dem Englischen, die gönnerhafte Zustimmung ausdrückt. Und der CSU-Chef gab die Zusicherung, dass sich „2021“ nicht wiederholen werde. Und meinte damit nicht nur den quälenden Streit um die Kanzlerkandidatur selbst, sondern auch seine eigenen Attacken gegen Armin Laschet, dem Söder noch Jahre danach immerfort bescheinigt, der falsche Kandidat gewesen zu sein. Söder weiß, dass nach demoskopischen Maßstäben Merz derzeit auch nicht die beste Wahl ist, aber der CDU-Vorsitzende hat nun seine Chance. Söder gibt sie ihm.

Union will „Ampelschaden“ reparieren

Und Söder wäre nicht Söder, würde er sich nicht doch noch ein bisschen an seinem parteiinternen Widersacher Henrik Wüst abarbeiten. So war er sich nicht zu schade, in seine Rede auf eine ziemliche Banalität hinzuweisen. So sagte er mit Blick auf die Entscheidungsfindung über die Kanzlerkandidatur: Es gebe in der Union viele Ministerpräsidenten, aber eben nur zwei Parteivorsitzende. Will heißen: Nicht die Wüsts dieser Welt treffen die wichtigen Entscheidungen.

Einig sind sich Söder und Merz, dass sie seit 2015 nie so einig waren wie heute. Dass sie „erstmals wieder komplett beisammen“ seien, dürfte dem Thema Migration zu verdanken sein, das Merz mit Vehemenz auf die politische Tagesordnung gehievt und die Union im Bundestag oppositionsfähig gemacht hat.

Man wolle den „Ampelschaden“ reparieren, stimmte Merz ein und definierte die Union als eine „in Teilen Deutschlands einzig verbliebene Volkspartei der demokratischen Mitte“. Ob zur Mitte auch die Grünen gehören, mit denen man zu koalieren gezwungen sein könnte, wäre eine Frage gewesen. Aber Fragen waren ja nicht zugelassen.

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