Mannheim
NeckarGanga überzeugen mit ganz eigener Form von Weltmusik
2014 reiste der Schlagzeuger und Jazz-Komponist Peter Hinz zum ersten Mal ins Gangestal. In Varanasi begegnete er dem damals knapp 60-jährigen Tabla-Spieler Pandit Keshava Rao Nayak und ließ sich von ihm in die regionale Musik einführen. Bei seinem nächsten Besuch brachte Hinz den Saxofonisten Steffen Dix mit, der seinerseits Unterricht bei Sitar-Meister Shyam Rastogi erhielt – dem Neffen von Keshava Rao Nayak. Aus diesem Austausch ging 2015 die Gruppe NeckarGanga hervor, eine Weltmusik-Band auf der Basis instrumentaler Jazzfusion. Zu den beiden Virtuosen aus Varanasi trat nun auch Nayaks Sohn Sandip Rao Kewale als zweiter Tabla-Spieler hinzu.
Die Bereitschaft dieser drei Partner, sich in so einem Experiment weit über vertrautes, von Kindesbeinen an geübtes Territorium hinauszubewegen, schloss Risiken mit ein. Zentrale Aspekte des Zusammenspiels werden in der klassischen Musik Nordindiens ganz anders praktiziert als hierzulande. Interkulturalität fordert von allen Beteiligten fundamentale Neugier: Die musikalischen Einflüsse sollen auf Augenhöhe verschmelzen, nicht kollidieren.
Alle Musiker komponieren mit
Das hohe Niveau der Akteure drückt sich bei NeckarGanga nicht allein in den mitgebrachten Stilmerkmalen aus, sondern umso mehr in ihrer Fähigkeit, universale Phänomene des Musizierens über das Gewohnte hinaus zu transzendieren. In der Intonation lupenrein, dabei sympathisch unprätentiös und mit einem Schuss Humor, haben sich die sieben Musiker ganz ihrer Kreativität verschrieben. Jeder von ihnen hat für das neue Album des Projekts mindestens ein Stück komponiert. Im Instrumentarium umgrenzen die beiden Tabla-Paare, wie zwei Türme eines Schachbretts am Rand der Bühne platziert, auf Grund ihrer festen Stimmung einerseits das tonale Gerüst. Andererseits erweitert der schier enzyklopädische Reichtum ihrer Spielpraxis den „Raum“ der zeitlichen Abläufe um neue Horizonte.
Dieser Vergleich deutet schon an, dass „exotische“ Instrumente in einer derartigen Formation nicht allein als Tonerzeuger fungieren, sondern ein eigenes Verständnis musikalischer Struktur – ja, eine eigene Art von „Mehrstimmigkeit“ verkörpern. Die Tonhöhen der Tablas verleihen den Zeitmaßen eine modale (in den Stücken nicht selten als Dorisch entfaltete) Gestalt, die sich wiederum auf die harmonischen Stufen auswirkt. Der Elektrobass (Jonathan Sell) ist diesem Gewebe angepasst, indem er die Texturen seinerseits in sein Register überträgt und in diskrete, feingliedrige Riffe ausweitet. Ebenso einfühlsam streut die akustische Gitarre von Ephraim Giepen ihre Harmonien hinein, ohne das Tutti zu überlasten. Als einziges vokales Element ist das „Bol“-Singen (jene mit der Tabla verbundene mnemotische Silbensprache des Hindustani) direkt in die Organologie des Ensembles integriert, meist unter virtuoser Führung Sandip Rao Kewales.
Dialog zwischen West und Ost
Das einleitende Signaturstück „NeckarGanga“ stellte sogleich Keshava Rao Nayak als Solisten ins Zentrum Der NeckarGanga-„Schirmherr“ im Hintergrund, Peter Hinz, lieferte begleitend allerlei atmosphärisches Geräusch von Becken oder Bassdrum dazu, rhythmisch koordiniert mit der Zyklik der Schwerpunkte. Als kleine Unsicherheit schien an diesem Punkt noch nicht ganz klar, ob die in sich selbst völlig konsequente Performance der Tablas derartig einkomponierte „Ausrufezeichen“ wirklich benötigte. Im Lauf des Abends verdichtete sich jedoch der Dialog zwischen indischer und Jazz-Perkussion zu immer fesselnderem, dramatisierendem Effekt: eine Art Mimikry, das der Polarisierung „West-Ost“ zwar eingedenk blieb, sie aber andererseits wie in einem Reigen spielerisch durchdrang.
Auch die beiden Melodieinstrumente, Sitar und Sopransaxophon, haben sich zu einem intimen Brüderpaar verschwistert, indem sie sich in ihrer Resonanz ebenso aneinander annähern wie ergänzen. Dabei überzeugte Shyam Rastogi nicht nur durch seine traditionelle Rhetorik, sondern auch, indem er über weite Strecken das Geschehen dominierte. Steffen Dix, der später auch zur Klarinette griff, entwickelte seine umfassenden Ostinati und Improvisationen im Geist des Raga und auf Grundlage eines Schalmeienklangs, der die ethnischen Quellen mit dem urbanen Setup versöhnend beseelte. Willkommen waren an dieser Gestaltung die sporadischen „Fenster“ – wenn gleichsam die Zeit still stand und sich die Besetzung um einen solistischen Monolog ausdünnte, damit der seine Materialien ausführlich formulieren und vertiefen konnte. Der Abend endete mit zwei Zugaben und Applaus im Stehen.