Nahost RHEINPFALZ Plus Artikel Gazastreifen: Im Schlaf wird Mohammad zum Vollwaisen

Zu den Kindern, die das Team getroffen hat, gehört auch Mohammad Abu Mohsen. Er hat seine Eltern und seine Geschwister durch ein
Zu den Kindern, die das Team getroffen hat, gehört auch Mohammad Abu Mohsen. Er hat seine Eltern und seine Geschwister durch einen israelischen Luftangriff verloren und lebt nun beim Großonkel.

Eine Million palästinensische Kinder leben im Gazastreifen. Wir haben zwei von ihnen getroffen. Ihre Geschichten handeln von Tod und Vertreibung, aber auch Hoffnung.

Mohammad Abu Mohsens Schulweg in Gaza-Stadt beginnt neben einer leeren Granatenhülse. So groß wie sein Arm ist sie und steht am Eingang des Hauses an der Wand. Um 9 Uhr nimmt der Zwölfjährige seinen Schulranzen, auf den ein Fußball gedruckt ist. Großonkel Ramy Abu Mohsen begleitet ihn hinaus. Vor dem Gebäude führt eine Piste, die einmal eine Straße war, vorbei an dicht gedrängten Zeltlagern zwischen Trümmerbergen und den Ruinen einiger Hochhäuser. Der 43-Jährige, ganz in Schwarz gekleidet, legt seinem Großneffen beim Gehen den Arm um die Schulter.

Mohammads Gesicht und seine Arme sind gezeichnet vom Krieg zwischen Israel und der Hamas, der am 7. Oktober 2023 begann und noch immer nicht zu Ende ist. Die vielen kleinen Flecken auf Mohammeds Haut sehen auf den ersten Blick wie Sommersprossen aus, aber sie sind Narben eines israelischen Luftangriffs.

Mohammad erinnert sich im Gespräch mit dieser Zeitung daran so: „Wir hatten schon gepackt, es war am 21. September 2025.“ Die Familie wollte am nächsten Morgen nach Al-Mawasi im Süden des Gazastreifens fliehen. Israel hatte das Stadtgebiet zum wiederholten Mal zum Kampfgebiet erklärt. Weil Mohammads Vater Ashraf, ein Arzt im nahen Al-Schifa-Krankenhaus, seine Patienten nicht im Stich lassen konnte, habe sich ihre Flucht verzögert.

Als die Bombe in der Nacht in das Wohnhaus im Al-Sabra-Viertel einschlug, habe er im fünften Stock geschlafen. „Ich bin unter Trümmern aufgewacht und habe geschrien, bis ich ohnmächtig wurde.“ Als Mohammad im Krankenhaus wieder zu sich kam, war er ein geschwisterloses Waisenkind. Sein Vater, seine Mutter und seine beiden kleinen Schwestern waren durch die Explosion der Bombe getötet worden.

Vom Onkel in Klinik gefunden

Hilfsorganisationen verwenden für Fälle wie Mohammad die Abkürzung WCNSF – Wounded Child, No Surviving Family, deutsch: verwundetes Kind, keine überlebenden Familienmitglieder. Auf mehrfache Nachfragen dieser Zeitung sagte die israelische Armee, sie habe keine Kenntnis der beschriebenen Vorfälle.

Erst drei Tage später findet Mohammads Großonkel Ramy Abu Mohsen den Jungen im Nasser-Krankenhaus in Chan Junis im Süden des Gazastreifens. „Er konnte nichts sehen, sein Gesicht war verbrannt, Arm und Bein gebrochen, aber er hat meine Stimme erkannt und mich umarmt“, erzählt Ramy Abu Mohsen. Der Großonkel, der zu dem Zeitpunkt selbst als Vertriebener in einem Zelt im Süden des Palästinensergebiets zwischen Israel und Ägypten lebt, nimmt sich des Jungen an. Nach einem Monat muss Mohammad das Krankenhaus verlassen, weil es überfüllt ist, er zieht zum Großonkel. In einem benachbarten Feldlazarett der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ werden Tag für Tag seine Verbände gewechselt. „Trotzdem haben sich die Wunden mehrfach entzündet“, sagt Ramy.

Wo die Hamas das Sagen hat

Seit rund fünf Monaten besucht Mohammad wieder die Schule. Anfangs ging es nur im Rollstuhl. Seit Ärzte ihm die Metallplatten aus dem Oberschenkel entfernt haben, kann er aber wieder gehen. Knapp 20 Minuten zu Fuß sind es bis zur Schule. Mohammad legt wegen seiner Verletzung mehrfach Pausen ein.

„Ich gehe zweimal die Woche zur Physiotherapie, mein Bein wird besser, aber ich kann es noch immer nicht wie vorher bewegen“, sagt er. Vor der Schule warten seine Mitschüler in einer Reihe vor einem Zaun aus Wellblech. Drinnen stehen zehn aus Holz gezimmerte Klassenzimmer und ein Büro. Im Hof verdecken Kunstrasen und gepflasterte Wege den staubigen Boden. Betrieben wird die Schule vom Bildungsministerium, das der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah untersteht. Faktisch hat aber weiterhin die radikalislamistische Palästinenserorganisation Hamas das Sagen im Gazastreifen, zumindest auf jenen 40 Prozent des Küstenstreifens, die nicht von Israels Armee kontrolliert werden.

Auf die Wände der Schule ist das Logo der türkischen Hilfsorganisation IHH gedruckt. Unterrichtet wird Englisch, Arabisch, Wissenschaft und Mathematik, von 10 Uhr bis 13 Uhr. Für Mohammad ein kostbares Stück Normalität. Laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef haben in dem vom Krieg verheerten Küstenstreifen rund 700.000 Kinder zwischen vier und 17 Jahren in den vergangenen drei Jahren keine Schule mehr besucht. Vier von fünf Schulen wurden demnach von israelischen Angriffen direkt getroffen. Viele werden bis heute als Notunterkünfte genutzt.

Zur Sache

Wiederholtem Protest internationaler Medien und des Verbands der Auslandspresse zum Trotz verbietet Israel nach wie vor jeden unabhängigen Zugang in den Gazastreifen. Für diese Reportage haben die palästinensischen Journalisten Seham Tantesh (Text) und Amjed Tantesh (Fotos) in Gaza recherchiert. Der Autor Felix Wellisch arbeitet seit mehreren Jahren mit ihnen zusammen.

Zweimal meldet sich Mohammad im Unterricht und liest Kärtchen mit englischen Worten vor. Er sei clever, sagt seine Englischlehrerin, aber ruhiger als seine Mitschüler.

Auf dem Weg nach Hause sagt Mohammad: „Ich habe oft Albträume von der Nacht, als das Haus über mir zusammengebrochen ist.“ Dabei wünscht er sich ganz andere Träume: „Ich hoffe immer, meine Eltern im Traum zu sehen.“

„Meine Frau und ich lassen ihn zwischen uns schlafen“, berichtet Großonkel Ramy Abu Mohsen. Das helfe dem Jungen. Er selbst sei mehrmals zu Beratungsstellen gegangen, um zu lernen, wie er Mohammad unterstützen könne. „Er ist stark, geht gerne zur Schule und spielt Fußball mit den Nachbarn. Aber es ist für ihn nicht einfach zu sehen, wenn mich meine Tochter vor seinen Augen umarmt.“

Überforderte Ärzte

Gut zehn Kilometer südlich versucht der Leiter der psychiatrischen Abteilung des Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhauses in Chan Junis, Arafat Abu Maschajech, traumatisierten Kindern zu helfen. „Es fehlt an Personal, und es gibt kaum noch Einrichtungen für psychische Gesundheit“, sagt der Arzt im weißen Kittel, dem die Erschöpfung anzusehen ist. Er habe zwölf Mitarbeiter, die derzeit etwa 2000 Fälle pro Monat bewältigten. Andere müsse er abweisen.

Weit verbreitete Symptome bei Minderjährigen im Gazastreifen seien sozialer Rückzug, Bettnässen, Stottern, ständiges Weinen oder Gereiztheit. Hinzu kämen wie bei Mohammad Albträume und extreme Anhänglichkeit. Das ständige Surren von Drohnen und Quadrocoptern der israelischen Armee löse oft Panik aus. Geschätzt mehr als 75.000 Menschen sind im Gazakrieg ums Leben gekommen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO und dem Palästinensischen Gesundheitsministerium fehlen derzeit aufgrund der israelischen Blockade 46 Prozent der grundlegenden Arzneimittel. Psychopharmaka seien sowieso knapp, sagt Abu Maschajech. Noch immer seien zudem viele der Kinder unterernährt.

Israel nimmt noch mehr Land

Die israelische Armee hat ihre Stellungen seit vergangenem Oktober, als die Waffenruhe begann, grob mit gelben Betonquadern markiert. Immer wieder verschieben Soldaten diese weiter in Richtung der noch bewohnten Gebiete. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu will laut Medienberichten die Kontrolle von derzeit 60 auf 70 Prozent des Gebietes ausweiten. Seine rechtsextremen Koalitionspartner fordern offen, den gesamten Gazastreifen einzunehmen und die Bevölkerung zu vertreiben. Die Bevölkerungsdichte auf dem verbleibenden Gebiet wüchse damit auf rund 20.000 Menschen pro Quadratkilometer, etwa fünfmal so hoch wie in Berlin.

Wiederaufbau? Erst müsse die Hamas ihre Waffen niederlegen, argumentiert die israelische Regierung. Die von den USA und der EU als Terrorgruppe eingestufte, 1987 gegründete Palästinenserorganisation, die 2006 die Macht im Gazastreifen an sich riss, weigert sich jedoch. Und so bleibt der Alltag ein Kampf ums Überleben. Regenfälle im Winter lassen unbehandeltes Abwasser in Zeltsiedlungen fließen. Im nun begonnenen Sommer finden viele kaum Schutz vor der Hitze.

Zu den Zehntausenden zivilen Opfern gehören auch Tuqa Abu Al Chair und ihre Familie. Tuqa ist gerade 18 Jahre alt geworden. Sie war 15, als israelische Soldaten sie mit ihrer Schwester und der Großmutter aus ihrem Zuhause in Al Zeitun im Osten von Gaza-Stadt zerrten und die Familie verschleppten. „Es war das Ende meiner Kindheit“, sagt die junge Frau heute. Sie sitzt beim Gespräch mit dieser Zeitung im grünen Pullover im Wohnzimmer eines in Teilen zerstörten Hauses, das die Familie im westlichen Al Zeitun gemietet hat. Eine Wand fehlt, die Decke wirkt, als könne sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Das alte Haus liegt unerreichbar hinter der Gelben Linie.

„Einfach das Feuer eröffnet“

Anfang Dezember 2023 nahm die israelische Armee ihr altes Viertel ein. Fünf Tage lang habe sie sich mit 18 Menschen in einem engen Flur versteckt, während draußen geschossen wurde, sagt Tuqa. „Als Soldaten die Türe aufrissen, haben wir geschrien: ,Hier sind Kinder und Frauen!’ Sie haben trotzdem das Feuer eröffnet“, sagt Tuqa. Ihr dementer Großvater sei in den Kopf und die Brust getroffen worden. Auch zu diesem Vorfall sagten die israelischen Streitkräfte dieser Zeitung auf Nachfrage, ihnen lägen keine Informationen vor.

Die Soldaten hätten ihren Vater und die Männer festgenommen und sie mit verbundenen Augen gefesselt. „Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt, unter mir auf den Boden geschossen und gefragt, ob ich etwas über bewaffnete Kämpfer weiß.“ Sie sei zusammengebrochen und habe geweint. Später habe ein Soldat sie alleine in den Keller gebracht und sie für zwei Stunden zu entführten israelischen Geiseln und bewaffneten palästinensischen Gruppen befragt. „Als ich nichts gesagt habe, hat er gedroht, mich zu vergewaltigen.“

Tuqa ist gerade 18 Jahre alt geworden. Sie war 15, als israelische Soldaten sie aus ihrem Zuhause in Al Zeitun im Osten von Gaza
Tuqa ist gerade 18 Jahre alt geworden. Sie war 15, als israelische Soldaten sie aus ihrem Zuhause in Al Zeitun im Osten von Gaza-Stadt zerrten. Jetzt lebt die Familie im Westen der Stadt in einem teilzerstörten Gebäude.

Am nächsten Morgen, dem 9. Dezember, seien sie auf Lastwagen über die Grenze gebracht worden. Nachdem man sie von ihrer Großmutter und der Schwester getrennt und ihr Telefon und Schmuck abgenommen habe, sei sie nach Jerusalem gebracht worden. Dort habe sie mehrere Stunden in der Kälte stehen müssen, bevor man sie ins „Anatot“-Gefangenenlager im israelisch besetzten Westjordanland gebracht habe. „Es war dreckig und voller Insekten dort und das Licht wurde niemals ausgeschaltet.“ Ein Bericht mehrerer israelischer Menschenrechtsorganisationen wie Acri und Hamoked von Dezember 2024 beschreibt ähnliche Zustände: „Die Haftbedingungen im Anatot-Camp sind illegal und kommen Folter gleich.“

Es folgt laut Tuqa eine 55-tägige Odyssee durch ein weiteres Gefängnis bei Haifa und das berüchtigte Gefangenenlager Sde Teiman in der Negev-Wüste. Tuqa sei mit 15 die jüngste Gefangene gewesen, wie sie erzählt. Schläge, Schlafentzug und kaum Nahrung beschreibt sie als Alltag.

Skandal um Internierungen

Die Armee hat Sde Teiman mittlerweile geschlossen. Nach dem 7. Oktober 2023 wurden dort zeitweise bis zu 4000 Palästinenser festgehalten, viele ohne offizielle Anklage. Auch israelische Soldaten haben gegenüber mehreren Medien Vorwürfe erhoben. Laut der „New York Times“ wurde sogar damit „geprahlt, Gefangene zu schlagen“. Laut einem Bericht der israelischen Menschenrechtsorganisation Physicians for Human Rights im vergangenen November starben zwischen Oktober 2023 und August 2025 mindestens 94 palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen.

In Sde Teiman wurden weibliche Gefangene laut Tuqa gezwungen, über Stunden zu knien, ohne sich zu bewegen oder miteinander zu sprechen. Aus dem benachbarten Trakt der männlichen Gefangenen habe sie Schreie gehört. „Mein erster Gedanke war stets: Vielleicht ist es mein Vater oder mein Bruder“, sagt sie.

Zurück vereint

Nach 55 Tagen wurde das Mädchen demnach zusammen mit ihrer Großmutter und Schwester über den Grenzübergang Kerem Schalom gebracht und zurück in den Gazastreifen entlassen. Heute ist die Familie wieder vereint. Tuqa steht im Hof des neuen Zuhauses und kümmert sich um ihre kleinen Geschwister und eine junge Bananenstaude, die dort zwischen Trümmern aufwächst. Dass ihre älteren Geschwister ihr Studium aufgeben mussten, weil ihr Vater ohne Arbeit die Studiengebühren nicht mehr bezahlen kann, macht ihr Sorgen.

Ihre eigene Ausbildung will Tuqa aber nicht einfach abhaken. Sie lädt sich in einem nahe gelegenen Café Studienmaterial und Lehrvideos herunter, liest und lernt, wenn sie Zeit findet. Ihr Traum ist es, erst die Schule zu beenden und dann Krankenschwester zu werden.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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