Expertinnen-Interview
AfD-Erfolg in Rheinland-Pfalz: „Junge wenden sich den Rändern zu“
Frau Heinze, Rheinland-Pfalz galt in den vergangenen Jahrzehnten als politisch eher ruhiges, stabiles Land, wo radikale Parteien wenig Chancen hatten. Nun erzielte die AfD hier ihr bestes Ergebnis in einem westlichen Bundesland. Was ist da passiert?
Dass es nun ausgerechnet Rheinland-Pfalz getroffen hat, würde ich von der Bedeutung her nicht überbewerten. Auch der Stimmenzugewinn gegenüber der letzten Wahl ist noch vergleichsweise überschaubar. Man muss sehen, dass die AfD seit der letzten Landtagswahl bundespolitisch enorm zugelegt hat. Das gilt einerseits für ihre Themen, die an Bedeutung gewonnen haben. Andererseits ist die AfD inzwischen für viele Menschen eine ganz normale Partei geworden, das sieht man nun auch in Baden-Württemberg und eben in Rheinland-Pfalz.
Laut Umfragen unter AfD-Wählern wählen inzwischen mehr Menschen die AfD aus Überzeugung denn aus Enttäuschung über andere Parteien. Die Zeit der AfD als Protestpartei ist offensichtlich vorbei.
Das ist schon seit einigen Jahren so, nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern bundesweit. Die AfD hat es zunehmend geschafft, sich eine stabile Stammwählerschaft aufzubauen, die sich auch von Skandalen wie zuletzt den Vorwürfen der Vetternwirtschaft nicht abschrecken lässt.
Warum ist das so?
Diese Wählerinnen und Wähler sind der Überzeugung, dass die AfD die einzige für sie wählbare Partei ist, dass die anderen Parteien keine Wahloption mehr darstellen. Die Protestwähler finden sich immer noch, ihr Anteil ist aber sehr klein geworden. Der Großteil sind überzeugte Wähler, die mit dem Programm und auch dem Personal der AfD übereinstimmen.
Thema Nummer eins der AfD ist die Zuwanderung. Die steht aber auf der Liste der wichtigsten Themen gar nicht mehr ganz vorn. Wird die AfD inzwischen auch wegen anderer Themen gewählt?
Nach wie vor ist für die AfD Migration das beherrschende Thema. Aber die Partei hat in den vergangenen Jahren versucht, sich thematisch breiter aufzustellen. Inzwischen wird ihr auch bei Themen wie innere Sicherheit oder Wirtschaft eine relativ hohe Kompetenz zugeschrieben. Selbst bei Themen wie Bildung und Klima, die anfangs fast keine Rolle für die AfD gespielt haben, schneidet sie inzwischen relativ gut ab.
Unter jungen Wählern erreichte die AfD am Sonntag mit die höchsten Zuwächse, wurde in dieser Altersgruppe stärkste Partei. Ist Rechts-Sein der neue politische Jugendtrend?
So sieht es zumindest bundesweit aus. Vor allem ist es der neue Trend, sich nicht mehr den Volksparteien CDU und SPD anzunähern. Stattdessen gibt es eine Polarisierung. So hat die AfD bei den Jungen am stärksten abgeschnitten, aber auch die Linke hat in dieser Altersgruppe überdurchschnittlich gepunktet. Junge Wählerinnen und Wähler wenden sich also eher den Parteien an den politischen Rändern zu.
"Auffällig ist, dass die AfD die Partei ist, von der 21 Prozent der unter 35-Jährigen sagen, sie habe die besten Antworten auf Zukunftsfragen."
Ist das eher ein Ausdruck des Protests, oder kommen da die Ängste junger Menschen zum Ausdruck?
Auch hier gibt es unterschiedliche Ursachen. Zum einen gibt es bei jungen Menschen politische Einstellungen und Erwartungen, die von der AfD, aber auch von der Linken bedient werden, beispielsweise mit Blick auf Zukunftsängste, auf die Themen Bildung und Wehrpflicht. Zugleich sehen wir, dass die anderen Parteien nicht besonders gut bei jungen Menschen ankommen. Auffällig ist, dass die AfD die Partei ist, von der 21 Prozent der unter 35-Jährigen sagen, sie habe die besten Antworten auf Zukunftsfragen. Mit Abstand folgt bei dieser Frage die Linke mit 13 Prozent, erst dann folgen CDU und SPD. Die jungen Menschen glauben also nicht mehr an die politischen Angebote der Volksparteien. Das wird in Zukunft noch eine größere Rolle spielen.
Auffällig ist auch der hohe Anteil der AfD unter Arbeitern, wo die Partei inzwischen weit vor der SPD liegt. Was macht diese Partei für Arbeiter so attraktiv?
Diesen Trend sehen wir in ganz Europa. Was die Attraktivität betrifft, geht es zum einen um die sozioökonomischen Forderungen der AfD, etwa im Bereich Arbeit und Wohnen. Das wird kombiniert mit soziokulturellen Themen wie einer strikteren Migrationspolitik. Diese Kombination macht die AfD attraktiv. Dabei greift die Partei nicht nur bestehende Ängste auf, sondern verstärkt diese ganz gezielt.
Zur Person
Anna-Sophie Heinze ist an der Universität Trier Akademische Rätin am Lehrstuhl für „Westliche Regierungssysteme – Das politische System der Bundesrepublik Deutschland“. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Themen Populismus, radikale und extreme Rechte.


