Landau
Ideensammelsurium für die Innenstadt
Am Anfang steht die Wolke. Bei einer Expertenanhörung zur Zukunft der Innenstadt im April 2021 konnten Zuhörer Begriffe einspeisen, was sie für wichtig halten, um Landau lebendig zu halten. Je nach Häufigkeit der Nennung tauchen die Schlagworte in besagter Wortwolke auf. Da stehen dann neben den am höchsten priorisierten und wenig überraschenden Schlüsselbegriffen Aufenthaltsqualität und Gastronomie Dinge wie Fußverkehr, Fahrräder, wenig Autos oder Autofreiheit, aber auch Gegenpole wie Parkplatz in der Innenstadt und Parkplätze. Alles wie immer also.
Es geht aber auch ohne Ideologie. Die Landauer konnten ohne Denkverbote, wie betont wird, konkrete Vorschläge machen, was ihnen fehlt oder was sie für attraktivitätssteigernd halten. Die Übernahme ins Papier bedeutet aber nicht, dass diese Vorschläge auch umgesetzt werden. Ideen und Anregungen können auch jetzt noch per Mail an die Wirtschaftsförderung eingespeist werden, und es soll auch Arbeitskreise, Infostände, Runde Tische, Kümmerer und einen Innenstadtbeauftragten geben, um den Prozess am Leben zu halten.
Mehr Grün und mehr Wasser
Ganz konkret werden im Strategiepapier mehr Grün, vertikale Gärten oder sogar Gemüsegärten in der Innenstadt vorgeschlagen. Für mehr Aufenthaltsqualität sollen schattige Sitzgelegenheiten sorgen, am besten mit Trinkwasserspendern und Bücherschränken wie im Südpark für Ausleihe und Tausch von Lektüre.
So wie es bereits eine Wanderbaumallee gibt, die schon länger in der Königstraße Wurzeln geschlagen hat, sind nun auch ein Pop-up-Spielplatz beziehungsweise eine Wander-Spielstation vorgeschlagen, plus Wasserspielmöglichkeiten für Kinder. Leerstände sollten als Pop-up-Geschäfte zwischengenutzt, mit Kunst und Kultur befüllt oder zu Wohnungen umgebaut werden; Selfie- oder Fotopoints sollen dazu beitragen, die Schönheit Landaus hinaus in die Welt zu tragen.
Lieferdienst mit Lastenrädern
Auslöser aller Überlegungen ist der Einzelhandel, der in Landau zwar noch ganz gut aufgestellt ist, generell aber wegen der Konkurrenz aus dem Internet schwächelt. Als Gegenmaßnahme werden einheitliche, aber auch flexiblere Öffnungszeiten gefordert. Letzteres muss man wohl als längere oder zumindest spätere Öffnungszeiten nach Ende der allgemeinen Arbeitszeit interpretieren, was für inhabergeführte Geschäfte eine Herausforderung darstellt.
Der örtliche Handel soll dabei unterstützt werden, selbst digital zu werden. Das sieht auch ein Förderprogramm des Bundes vor. Den Einkauf vor Ort würden aber auch Abholboxen für vorbestellte Waren, ein Lieferdienst mit Fahrrädern (gibt es schon dank Verleger Knecht) und Schließfächer zum Zwischendeponieren von Einkäufen attraktiver machen.
Ein begehbarer Online-Shop
Ein ehrgeiziger Vorschlag stammt aus Mönchengladbach: Dort diente in einem Modellprojekt ein leerstehender, nett möblierter Laden dazu, vorab bestellte Waren anzuprobieren und mitzunehmen oder sofort zurückzuschicken. Über einen „digitalen oder intelligenten“ Spiegel können die Kundinnen bei der Anprobe mit Freundinnen kommunizieren und sich von einem beteiligten Café eine Erfrischung bringen lassen. Ahaus in Nordrhein-Westfalen geht mit seinem „Aufhaus“ noch einen Schritt weiter: Das Geschäftshaus versteht sich als begehbarer Online-Shop, fungiert als Marktplatz für alle örtlichen Händler, ist rund um die Uhr geöffnet und kommt dank Apps ganz ohne Personal aus.
Neben dem Einzelhandel gilt die Gastronomie als wichtiger Frequenzbringer, leidet allerdings unter Fachkräftemangel. Wie man sie stärken kann, bleibt eher vage. Denkbar wären ein Gutschein- oder Rabattsystem, die „Ausweisung eines zentralen Standortes, an dem Gastronomen tageweise im Wechsel To-Go-Verkauf anbieten“, ein Weinstand, der reihum von verschiedenen Weingütern gepachtet werden kann, oder Mitmach-Aktionen wie Grillen auf der Straße.
Lehren aus der Gloria-Krise
Vielfältige Funktionen wie Dienstleistungen, Wohnen, Handel, Gastronomie und Veranstaltungen halten die Innenstadt lebendig, können aber auch zu Konflikten zwischen Ruhebedürftigen und Ausgehwilligen führen – Stichwort Gloria-Krise. Das Thema ist bereits in Arbeit mit einem Bebauungsplan, der Vergnügungsstätten in der Innenstadt ermöglicht, aber auch steuert. Innovative Konzepte sollen gefördert werden, beispielsweise urbane Produktion, Start-ups, Eventgastronomie und Kunsthandwerk. Reallabore oder Experimentierräume könnten dazu dienen, neue Konzepte auszuprobieren.
Beim Thema Verkehr und Erreichbarkeit hat das Papier nicht viel zu bieten, außer einer Grünen Welle mit Tempoangabe, wie in Heidelberg. Ansonsten wird all das aufgelistet, was ohnehin gemacht werden muss und/oder schon in Arbeit ist. In diesem Kapitel taucht auch ein App-gestütztes Parkleitsystem wieder auf. Neu sind ein Verleih von Lastenrädern oder Velomobilen (Räder mit Dach). Bürger haben sich zudem kostenlose Busse an Samstagen gewünscht – andere allerdings auch den vierspurigen Ausbau des Westrings unter Verzicht auf Parkplätze.
Mehr Gäste durch zentralen Wohnmobilplatz
Auch beim Tourismus bleibt das Strategiepapier dünn. Eine Idee sind zentrale Wohnmobilstellplätze, die mehr zahlungskräftige Gäste in die Stadt bringen könnten und mit denen Neustadt sehr gute Erfahrungen gemacht hat. An freien Fassadenflächen könnten Kurzfilme gezeigt werden, und eine digitale Infotafel könnte Stadtbesucher mit aktuellen Infos versorgen. Ansonsten tauchen dort Mitbringsel mit Landau-Motiv auf und Rikscha-Touren.
Beim Thema Sicherheit und Ordnung wird ein Innenstadt-Sheriff nach dem Vorbild Neustadts angeregt, der für Ordnung in der Fußgängerzone sorgt. Im Handlungsfeld Freizeit, Sport, Kunst und Kultur wird vorgeschlagen, den Rathausplatz zum Freiluftkino zu machen und Klaviere vor Geschäften oder Restaurants aufzustellen, um Spontankonzerte zu ermöglichen. Transportable Ausstellungs- oder Veranstaltungscontainer stehen im Konzept, sind aber längst beschlossene Sache – beispielsweise für die Landauer-Kutsche(n). Vielleicht stand Mainz mit seinem Marktfrühstück Pate bei dem Vorschlag eines regelmäßigen Frühschoppen-Events.
Treffpunkte ohne Konsumzwang
Unter dem Punkt „Innenstadt für alle“ werden kostenlose Handyladestationen angeregt, Mittagstische und Begegnungsstätten, ein Bewegungsparcour für ältere Menschen, mehr Toiletten, Lern-Cafés, konsumfreie Treffpunkte, „Aufenthaltsräume ohne sich verdrängt zu fühlen“ und kostengünstige Räumlichkeiten für Vereine und Initiativen. Im Kapitel Digitalisierung wird mehr freies WLan in der Innenstadt angeregt, beim Thema Wohnen wünscht sich jemand Flächen für Tiny-Houses, beispielsweise in Baulücken.
Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklung bei der Seibel-Ruine am Stiftsplatz ist eine Anregung aus Kreisen der Bürgerschaft interessant – beziehungsweise das, was die Verwaltung davon hält. Der Vorschlag lautet, gemeinsam mit mehreren Gebietskörperschaften eine Resolution zu verfassen, dass Eigentümer leerstehender Häuser enteignet werden können. Wie berichtet, droht Oberbürgermeister Dominik Geißler mit einem solchen Schritt. Dazu schreibt die Verwaltung: „Enteignung scheint nicht der richtige Weg bzw. nicht die richtige Formulierung“.
