Grünstadt
Architekt im Interview: Herr Neff, wird Grünstadt immer hässlicher?
Herr Neff, ein historisches Haus in Grünstadts Fußgängerzone soll abgerissen werden. Sie warnen deshalb vor einem leichtfertigen Umgang mit Bauten, die das Stadtbild prägen. Läuft da was falsch in Ihrer Heimatstadt?
Ich weiß nicht, wie schlecht der Zustand dieses konkreten Hauses ist und wie der Ersatz aussehen soll. Und ich will auch nicht dem Eigentümer zu nahe treten – oder den Kolleginnen oder Kollegen, die den Neubau planen. Aber ganz allgemein wird immer noch sehr leichtfertig mit dem Baubestand in unseren Innenstädten umgegangen, und das ist schade – gerade in Grünstadt. Da ist längst nicht jedes Haus in bestem Zustand. Trotzdem gibt es einige ältere Häuser, die die Chance hätten, die Identität dieser Stadt zu formen.
Was macht gerade dieses Haus aus? Hat es Qualitäten, die Sie als Fachmann besonderes beeindrucken?
Ich kenn’ es natürlich nur von außen. Möglicherweise passt der Zuschnitt der Innenräume nicht mehr zu heutigen Bedürfnissen, und die Bausubstanz wird marode sein. Aber die Steinmetzarbeiten aus Sandstein über dem Eingang, die sind schon schön. Und auch diese klar gerasterte Fassade mit den Gauben, mit den Sandstein-Einfassungen der Fenster – das schaut so aus, wie man sich ein typisches Nordpfälzer Innenstadt-Haus vorstellt.
Und so typisch oder so schön sind nur ältere Häuser?
Jede Epoche kann gute Häuser, kann schöne Häuser hervorbringen. Und das müssen noch nicht einmal besondere Häuser sein. Oft sind ganz einfache Häuser die guten Häuser – weil sie funktionieren. Und weil sie für lange Zeit konzipiert wurden, auch wenn man da zur Bauzeit noch gar nicht so viele Worte drum gemacht hat. Auch in der Nachkriegszeit sind gute Bauten entstanden, und es entstehen auch heute gute Bauten. Es soll ja auch nicht heißen, dass gar nichts Neues entstehen soll. Aber es ist schade, wenn etwas Gutes da ist und es wegfällt. Wenn man zu schnell zu viel aus einer gewachsenen Struktur wegnimmt, dann verliert eine Stadt ihr Stadtbild – zumal Neubauten dann leider doch oft gesichtslos sind.
Aber historische Anwesen werden nie so energieeffizient sein wie Neubauten. Müssen die alten Gemäuer nicht ohnehin weg, damit wir das Klima retten?
Das ist ein Denkfehler, der leider immer noch oft gemacht wird. Man vergisst die graue Energie. Ich versuch’ das mal einfach zu erklären. Da wurde mal ein Haus gebaut, egal zu welcher Zeit. Und dafür wurde viel Energie aufgewendet. Wenn man jetzt abreißt und neu baut, braucht man dafür wieder jede Menge Energie – zum Beispiel für den Beton. Das neue Gebäude muss schon sehr lange stehen, um diesen Effekt durch größere Energieeffizienz im Verbrauch wieder reinzuholen. Immer nur abreißen und neu bauen ist daher gar nicht nachhaltig.
Gibt es in Grünstadt viele Ecken, in denen gute Architektur einfach abgerissen worden ist?
Das ist eine gute Frage ... Ich bin 27 Jahre alt, meine eigene Erinnerung reicht also nicht so arg weit zurück. Aus Erzählungen weiß ich, dass es früher viele ganz enge Gassen gegeben haben muss. So wie heute vielleicht noch die Bingerlochgasse in der Vorstadt. Aber das hat man dann irgendwann als sehr negativ aufgefasst, und das hatte, glaube ich, auch seine Berechtigung. Es gibt alte Häuser, die keinerlei Wohnqualität bieten, die heutigen Standards einfach nicht mehr gerecht werden. Aber ich würde sowieso viel lieber sagen, was sich in Grünstadt positiv entwickelt hat.
Danach wollte ich ja auch als Nächstes fragen. Also: bitte!
Am Schillerplatz fällt mir ein denkmalgeschütztes Haus ein, das vor einigen Jahren saniert wurde – obwohl es, so wie ich das mitbekommen habe, doch in einem sehr desolaten Zustand gewesen ist. So etwas bringt doch immer positiven Input für eine Innenstadt. Jetzt ist Gastronomie drin, das zieht wieder Leute in die Stadt. So kleine Leuchttürme können dazu beitragen, dass sich auch die Umgebung positiv entwickelt. Noch ein gutes Beispiel ist das Weinhaus Moser. Das ist meine ganze Kindheit, meine ganze Jugend hindurch leergestanden und immer weiter heruntergekommen. Jetzt ist es saniert, mit Gästezimmern und so. Wenn es mehr solcher Projekte in der Stadt gäbe, würde es einen allgemeinen Aufschwung bringen – auch touristisch. Aber zu einer Sanierung gehört natürlich auch immer viel Herz.
So unterm Strich: Ist Grünstadt, seit Sie es kennen, eher schöner oder immer hässlicher geworden?
Es ist schon schöner geworden. Es gibt ein paar Ecken, die sich echt gemacht haben. Da gehört auf alle Fälle auch der Leininger Oberhof dazu, dessen Sanierung war für die Stadt extrem positiv. Und die der alten Lateinschule. Aber es gibt weitere Stellen in der Stadt, von denen ich sagen würde: Um die ist es schon schade. Zum Beispiel das ehemalige Musikschulgelände am Peterspark. Da bin ich als Kind zur Musikschule gegangen, jetzt steht sie schon sehr lange leer. Das würde sich doch anbieten, um da gute Architektur zu schaffen.
Es würde sich ja vielleicht auch anbieten, dass Sie in Grünstadt gute Architektur schaffen. Aber jetzt sitzen Sie in München. Warum?
Es hat sich einfach so ergeben. Ich hab’ in Grünstadt Abitur gemacht, bin dann aber zum Studieren nach München gegangen. Und dort habe ich mich auch selbstständig gemacht. Aber ich verfolge noch viel, was in meiner Heimatstadt passiert. Und so zwei, drei kleinere Sachen habe ich in Grünstadt auch schon beruflich gemacht. Das kann auch gerne noch mehr werden. Es ist ja nicht mehr wie vor 15, 20 Jahren, dass Entfernung so ein großes Thema ist. Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die deutschlandweit oder zumindest in ganz Süddeutschland planen. Mit Teams und Videokonferenzen geht das heute sehr viel leichter, auch mit Behörden und Bauherrn. Man kann sich da problemlos abstimmen und hat ja dann auch vor Ort sein Netzwerk.
Zur Person
Jacob Neff hat 2018 am Leininger-Gymnasium Abitur gemacht und dann Architektur an der TU München sowie an der ENSA Toulouse studiert. Mittlerweile ist er Architekt mit eigenem Büro in München: www.neff-jensen.de.