Vorderpfalz
Geburtshilfe: Was bieten die Häuser in der Region – und ist eine Fusion sinnvoll?
„Für mich wäre das ein logischer Schritt“, sagt Hans-Friedrich Günther zur Fusion der Geburtshilfen. Er ist Geschäftsführer des Städtischen Klinikums, mit 1000 Betten und 3500 Beschäftigten das zweitgrößte Krankenhaus im Land. Ein Grund, der dafür spreche, die Geburtshilfen im St. Marien zu bündeln, sei die hohe Fachkompetenz in dessen Perinatalzentrum, das auf Früh- und Neugeborene spezialisiert ist. Ein weiterer Grund sei die vergleichsweise geringe Anzahl von Geburten im eigenen Haus. 338 waren es im Vorjahr. Das ist gerade mal etwa ein Fünftel des Aufkommens im St. Marien in der Gartenstadt – 1525 Kinder kam hier 2022 zur Welt, darunter viele Zwillings- und Drillingsgeburten –, wo zudem eine Kinderklinik angeschlossen ist. Das Einzugsgebiet der Geburtshilfe des 400-Betten-Hauses mit 1300 Beschäftigten ist weitaus größer als das im Klinikum mit seinen zwei Kreißsälen und 22 Betten. Schwangere kommen aus dem gesamten Rhein-Neckar-Raum, von der Bergstraße, aus Rheinhessen, von der Weinstraße, aus Vorder- und Südpfalz ins Marienkrankenhaus.
Onkologie würde gestärkt
Vor diesem Hintergrund werde auch die Zusammenlegung der Geburtshilfe unter dem Dach des St. Marien geprüft – ohne dass bereits ein Urteil gefallen sei. Günther zufolge wird der Aufsichtsrat am 30. März eine Entscheidung darüber treffen, ob die Geburtshilfe des Klinikums schließt. Im Gegenzug könnte durch eine Konzentration auf die onkologische Versorgung die Gynäkologie gestärkt werden. Wie das Votum für die Fusionspläne ausfällt, ist noch offen. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) als Vorsitzende hat in der Vergangenheit schon durchblicken lassen, dass ein Maximalversorger für sie durchaus über eine Geburtshilfe verfügen sollte. Zumal nicht jede Frau ihr Kind in einem christlich geprägten Krankenhaus wie dem St. Marien zur Welt bringen möchte.
Kritik von Hebammen
Kritik an den Plänen kommt aus der Kommunalpolitik und vom Hebammenlandesverband. Dessen Vorsitzende Ingrid Mollnar beklagt, dass die Verwaltung des Klinikums „mitten im Babyboom Wege gehe, dem Versorgungsauftrag mit stationärer Geburtshilfe zu entrinnen“. Immerhin seien die Geburtenzahlen in Rheinland-Pfalz gestiegen: von 30.089 (2009) auf 38.647 (2021). Die Hebammen hoffen dem Verband zufolge auf den Fortbestand der Geburtshilfe – auch wegen der familiären Atmosphäre. „Wir gewährleisten ein Stück Wahlfreiheit – gerade für Frauen, die sich in den großen Kliniken verloren fühlen“, berichteten sie Mollnar. Klinikumchef Günther betont: Um den Job fürchten müsse keine der zwölf Hebammen. Das St. Marien biete allen betroffenen Mitarbeiterinnen eine Übernahme an, die gewährleiste dass die Tarifvergütung gleich bleibe und niemand schlechter gestellt werde.
Spezialist mit hohem Standard
Auch Marcus Wiechmann, Geschäftsführer der St. Dominikus Krankenhaus und Jugendhilfe gGmbH, die Träger des St. Marien ist, ist überzeugt: Von einer Zusammenlegung der Geburtshilfen würden alle Schwangeren in Ludwigshafen profitieren. Als Perinatalzentrum mit dem höchsten Standard – Level 1 – biete man mit einem hochqualifizierten Team eine Rundumversorgung von werdenden Müttern und ihren Kindern. Bei Komplikationen könnten notwendige Schritte sofort vor Ort erfolgen. „Schwangere müssen das Krankenhaus nicht wechseln“, betont Wiechmann. Für den Notfall befinde sich ein voll ausgestatteter OP direkt im Kreißsaal. Es gibt fünf Kreißsäle mit direktem Anschluss an die Früh- und Neugeborenenintensivstation mit eigener Mannschaft. Zum Team der Geburtshilfe gehören 39 Hebammen, 35 Pflegekräfte und 20 Ärzte, die Wochenbettstation hat 30 Betten, die Vorgeburtsstation 15. Die Fokussierung einzelner Krankenhäuser auf spezifische Felder ergibt aus Wiechmanns Sicht gerade in Ludwigshafen mit mehreren Kliniken Sinn.
Frankenthal: Familiäre Atmosphäre
Kurze Fahrwege für Schwangere und deren Angehörige sowie eine familiäre Atmosphäre: Damit will die Stadtklinik Frankenthal im Wettbewerb um Patienten punkten. Immerhin gibt es im Umkreis von wenigen Kilometern unter anderem in Worms, Grünstadt, Ludwigshafen und Mannheim gleich mehrere Entbindungsmöglichkeiten. Die 14 Hebammen, die zum Teil nur tageweise im Dienst sind, könnten sich individuell um die Frauen kümmern, sagt Chefarzt Marc Sütterlin, zu dessen Team elf Ärzte gehören. Große Häuser, wie sie in Mannheim und Speyer nach Fusionen entstanden sind, gerieten stellenweise an Kapazitätsgrenzen, sagt der Gynäkologe, der auch Leiter der Universitätsfrauenklinik in der Quadratestadt ist. Angesichts von Klinikschließungen und damit verbundenen Versorgungsproblemen in anderen Regionen des Landes sei eine wohnortnahe Versorgung ein Plus. Frankenthal könnte aus seiner Sicht von einer Fusion in Ludwigshafen profitieren: Etliche Hebammen hätten ihm signalisiert, dann an die Stadtklinik zu wechseln, berichtet Sütterlin.
Die Geburtenzahl an de Elsa-Brändström-Straße ist in den zurückliegenden Jahren stetig gesunken und lag 2022 bei 317. Zum Vergleich: 2018 kamen in den beiden Kreißsälen 424 Kinder zur Welt. Zum Einzugsgebiet gehören angrenzende Gemeinden des Rhein-Pfalz-Kreises sowie benachbarte Stadtteile Ludwigshafens. Neugeborene sind hier bei der Mutter untergebracht (Rooming-in), auf Station gibt es sechs Zweibett-Zimmer, davon zwei fest als Familienzimmer.
Als einfache Geburtsklinik (Perinatalzentrum Level 3) werden hier Frauen ab der 36. Schwangerschaftswoche aufgenommen. Früh- und Zwillingsgeburten können nicht versorgt werden, die Stadtklinik hat keine Kinderintensivstation. Neben Geburtsvorbereitungskursen und Elterninformationsabenden alle 14 Tage montags, 18 Uhr, gibt es unter anderem Tragetuch- und Geschwisterkurse.
Speyer: Großes Einzugsgebiet
In Speyer hat sich das Thema mit den zwei Entbindungsstationen schon lange erledigt: Auch das St.-Vincentius-Krankenhaus hatte von 1949 bis 1990 eine Geburtshilfe betrieben, dann aber eingestellt, weil keine Nachfolge für zwei zuständige Belegärzte gefunden wurde. Seither ist das Diakonissen-Krankenhaus der eindeutige Platzhirsch in der Geburtshilfe – heute als Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus mit einer Ausstrahlung weit über die Domstadt hinaus. In der gerade vorgestellten Liste der bundesweit größten Geburtskliniken ist es 2022 von Platz acht auf Platz drei vorgerückt: Nur noch an je einem Klinik-Standort in Frankfurt und Berlin haben mehr Babys das Licht der Welt erblickt. Die 3533 Geburten im Vorjahr – fast zehn Babys im Tagesmittel – lagen deutlich über dem Wert von 3148 im Vor-Corona-Jahr 2019 und um 57 Prozent über den 2251 von vor zehn Jahren.
Es ist ein entsprechend großes Team, das sich unter anderem in neun Kreißsälen und vier Vorwehenzimmern um Schwangere und Säuglinge kümmert: 43 Ärzte, 40 Pflegekräfte, 62 Hebammen, ein Dutzend Medizinische Fachangestellte und mehrere Hauswirtschaftskräfte sowie 46 Klinikbetten sind der Geburtshilfe zugeordnet. Rund 70 Prozent der Gebärenden kommen laut Diakonissen aus einem Umkreis von 20 Kilometern, immerhin rund 1000 werdende Mütter aber auch aus einem Gebiet teilweise deutlich darüber hinaus. Ein starkes Plus an Geburten hatte es in Speyer zum Beispiel gegeben, als vor einigen Jahren die Geburtshilfe im Germersheimer Krankenhaus geschlossen worden war und Beleghebammen nach Speyer wechselten.
Die Beliebtheit des Krankenhauses in diesem Bereich hat mit dem Angebot zu tun – das sich bei der großen Nachfrage entsprechend aktuell halten lässt. „Als Perinatalzentrum des Level 1 betreuen wir jede Phase der Schwangerschaft, auch Mehrlings- und Früh- und Risikogeburten. Unser Leistungsangebot umfasst zudem eine umfassende Pränataldiagnostik“, so der Träger, der auch eine eigene Hebammenschule betreibt. Gerade bei sogenannten Risikoschwangerschaften ist die angeschlossene Kinderklinik mit Frühchenversorgung ein wichtiges Argument für viele Eltern.