Pfälzerwald
Stadt vs. Natur: Wieso ein Leben im Wald nicht automatisch glücklicher macht
Man muss die Stadt nicht verteufeln, um festzustellen: Sie verlangt dem Menschen einiges ab. Das noch junge Forschungsfeld der Neurourbanistik untersucht an der Schnittstelle von Stadt- und Gesundheitsforschung, wie urbane Räume auf Emotionen, Verhalten und psychische Gesundheit wirken. Dass Großstadtleben nicht nur inspiriert, sondern auch stresst, gilt inzwischen als erwiesen. Studien belegen sogar, dass Menschen in Großstädten im Schnitt unglücklicher sind als Menschen auf dem Land und ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen haben. Eine aktuelle Untersuchung zeigt zugleich das Gegenmittel: Schon kurze Aufenthalte in der Natur können Stress, Angst und depressive Verstimmungen messbar lindern. Besonders stark wirken demnach Wälder.
Elmstein hätte in dieser Rechnung also gute Karten. Denn der Wald ist in der 2500-Seelen-Gemeinde keine reine Kulisse, sondern Lebensraum. Frische Luft gibt es dort reichlich, Schatten auch, Vogelstimmen sowieso. Hitzestau, Sirenen, Leuchtreklamen und nächtliches Dauerrauschen dürften im Pfälzerwald auf jeden Fall seltener für schlaflose Nächte sorgen als in der Großstadt. Und auch die Gemeinschaft, von der Ortsbürgermeister Rene Verdaasdonk bei einem Spaziergang durch den Ortsteil Speyerbrunn schwärmt, klingt nach einem Gegenentwurf zur urbanen Vereinzelung: Man kennt sich, man hilft sich, man wird eher zu oft gegrüßt als übersehen. „Der Blutdruck der Menschen, die hier leben, ist sicher um einiges niedriger als bei Menschen in der Stadt“, sagt Verdaasdonk.
Eine Frage der Perspektive
Aber sind die Elmsteiner deshalb automatisch glücklicher? Gesünder? Gelassener? So einfach ist es nicht. Der romantische Blick auf das Leben im Pfälzerwald sollte nicht verstellen, dass auch die Nähe zur Natur ihren Preis hat. Das Leben zwischen Bäumen ist nicht automatisch das bessere Leben, so wenig, wie die Stadt automatisch krank macht. Wer in Elmstein wohnt, gewinnt Ruhe, Raum und Natur. Er bekommt aber auch ausgedünnte Busfahrpläne, Funklöcher, weitere Wege und die Erfahrung, dass Nahversorgung keine Selbstverständlichkeit ist, sondern manchmal ein Projekt, auf das man warten muss.
„Es muss zum eigenen Lebensstil passen“, sagt Elmsteins Ortsbürgermeister, der beide Welten kennt. Für den einen ist es der Bäcker um die Ecke, die Tram vor der Tür, das Kino in Laufweite. Für die andere der Waldweg hinterm Haus, das Vereinsfest am Wochenende, die Stille nach Sonnenuntergang. Beides kann Freiheit sein. Beides kann eng werden. Manche träumen in der Stadt vom Pfälzerwald und ziehen irgendwann tatsächlich hin. Manche wachsen im Dorf auf und suchen später das Glück in der Stadt. Und manche sind genau dort richtig, wo sie geboren wurden.
