Speyer
Bistum: Betroffenenbeirat sieht Missbrauchsstudie als Meilenstein
Dass ihm die große Aufmerksamkeit der Medien Unbehagen verursacht, das ist Bernd Held am 9. Mai im Saal des Speyerer Priesterseminars St. German anzumerken. Tags zuvor hat Historikerin Sylvia Schraut an der Universität Mannheim den ersten Teil der Studie zu sexuellem Missbrauch und Gewalt in Einrichtungen der katholischen Kirche in Pfalz und Saarpfalz vorgestellt. Nun reagiert das Bistum bei einer Pressekonferenz auf deren Inhalt. Held, der Vorsitzende des Betroffenenbeirats, sitzt neben Bischof Karl-Heinz Wiesemann, hört dessen Bitte um Verzeihung und Bekenntnis zur Verantwortung. Seine wichtigste Botschaft bei der Pressekonferenz: Wer Ähnliches erlebt habe, wie das in der wissenschaftlichen Arbeit Geschilderte und Analysierte, möge sein Schweigen brechen.
Einen guten Monat später ordnet Bernd Held mit etwas Abstand im Gespräch mit der RHEINPFALZ die beiden aufregenden Tage Anfang Mai als Meilenstein auf dem Weg ein, der auch seiner ist: Der 59 Jahre alte Saarländer ist in der Diözese Speyer die Stimme derjenigen, denen Geistliche und Mitarbeiter der Kirche Leid angetan haben – körperlich und seelisch. Er teilt mit denjenigen, die über die Jahre ihre Vorwürfe zu Protokoll gegeben haben vor allem ein Schicksal: dass vielen von ihnen zunächst nicht geglaubt wurde. „Uns kann jetzt niemand mehr nachsagen, wir spinnen“, hält Held fest.
„In keiner Personalakte“
Ein großer Stein sei ihm und anderen im Betroffenenbeirat vom Herzen gefallen, weil die Veröffentlichung der Teilstudie zwei Jahre nach dem Start dieses Aufarbeitungsprojekts auch einen Sieg im Rennen gegen die Zeit darstellt: Viele seiner Mitstreiter seien älter und hätten nicht mehr warten wollen oder können, sagt Bernd Held. Die Betroffenen – und nur sie – verfügten über das in der Studie zusammengetragene und dokumentierte Wissen, weil sich „das in keiner Personalakte findet“. Auch wenn für ihn und andere Insider auf den rund 470 Seiten mit Bezug auf die geschilderten Fälle und die benannten Schulen und Heime „nichts unbedingt Neues“ stehe, sei er bei der Lektüre immer wieder ins Stocken geraten.
Das Team um Wissenschaftlerin Schraut habe auf Basis von Akten und Interviews Strukturen und Netzwerke aufgezeigt, die Missbrauch teils über Jahrzehnte hinweg begünstigt, ermöglicht und vertuscht hätten. Das „schwarz auf weiß“ festgehalten zu haben, sei der bleibende Wert dieser Studie. Denn Helds tiefe Überzeugung ist nach Jahren des Engagements für Betroffene, „Prävention funktioniert nur durch Aufarbeitung“. Das bedeutet: Wer verhindern will, dass sich Vergleichbares wiederholt, muss die Vergangenheit kennen.
Kein „verbaler Kniefall“
Die Resonanz auf die Studie, die von der Unabhängigen Aufarbeitungskommission in Auftrag gegeben und vom Bistum finanziert wurde, ist nach Helds Darstellung überwiegend positiv. Bis in die Priesterschaft hinein seien aber auch Widerstände spürbar und Stimmen hörbar, die dem Schutz der Institution das Wort redeten. Bernd Held betont deshalb: „Wir machen nicht die Kirche kaputt!“ Wirkung hat die wissenschaftliche Arbeit nach seinem Eindruck vor allem bei den Verantwortlichen gezeitigt. Rückblende in den Mai: Bischof Wiesemann etwa sei für ihn deutlich merkbar „emotional angefasst“ gewesen. Er habe dessen Statement insofern auch nicht als „verbalen Kniefall“ empfunden. Er, Held, trage seine Geschichte seit fast 50 Jahren mit sich herum: „Da ist man froh, wenn eine ehrliche Entschuldigung kommt.“
Der Wunsch des Beirats und der UAK, dass Betroffene ihr Schweigen brechen und sich bei Ihnen und der Kontaktstelle des Bistums melden, hat sich in den Wochen nach der Veröffentlichung bereits erfüllt. Es gingen weiterhin Meldungen neuer Betroffener und Hinweise auf neue Beschuldigte ein, berichten Bernd Held und Wolfgang Schwarz, Vorsitzender der Aufarbeitungskommission. Der 71 Jahre alte ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete und Kriminalbeamte aus der Südpfalz führt das Gremium seit Mitte Mai.
„Viele wussten Bescheid“
Der Wert des vorliegenden Zwischenberichts besteht für Schwarz einerseits darin, dass – für jedermann nachlesbar – die als „Hotspots“ bezeichneten Schwerpunkte von Gewalt und sexuellem Missbrauch benannt seien. Wichtiger als das „Was“ sei aber das „Wie“ – also die Suche nach Strukturen. Die 15 von Schraut aufgeworfenen Fragen beträfen zum Teil die Arbeit der Kommission und helfen beim Setzen künftiger Akzente. Wie wichtig ist dann noch der für 2027 angekündigte zweite Teil der Studie? Die darin geplante Analyse konkreter Fallkonstellationen werde hoffentlich Gründe fürs Wegschauen liefern. „Viele wussten Bescheid – und haben trotzdem Augen und Ohren verschlossen“, sagt Schwarz.
Ein zentraler Punkt für Schwarz bleibt das Thema Gedenkkultur – und hier insbesondere die Frage, wie mit der Aberkennung von Ehrungen oder der Umwidmung von Straßen oder Plätzen umzugehen ist. Der UAK-Vorsitzende und Bernd Held haben eine klare Meinung dazu: „Sobald Namen verschwinden, verschwindet die Tat, verschwinden die Betroffenen.“ Erläuternde Zusatztafeln wie im Fall des Kardinal-Wetter-Platzes in Landau seien eine Möglichkeit. Eine andere ist im Internet zu besichtigen: Auf der Internetseite des Bistums veröffentlichte Nachrufe auf beschuldigte Kleriker wie Alfons Henrich, früherer Leiter des Jugenddorfs St. Josef in Queichheim, sind inzwischen mit einem ergänzenden Hinweis auf die Studie versehen.