Landau
Kardinal-Wetter-Platz behält seinen Namen
Nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl im Januar 2022 schwebte eine Frage über der Landauer Pfarrei Mariä Himmelfahrt: Wie geht man mit dem nach Kardinal Friedrich Wetter benannten Platz um? Mittlerweile haben sich die Verantwortlichen der Gemeinde um Dekan Axel Brecht, Gemeindereferent Artur Kessler zusammen mit dem Pfarreirat und dem Betroffenenbeirat um dessen Vorsitzenden und Sprecher Bernd Held, zu einer Entscheidung durchgerungen. Am Sonntag haben die Gemeinde und Vertreter von Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der Katholischen Kirche diese im Gottesdienst wie angekündigt vorgestellt. In Kürze: Pfarrei und Pfarreirat haben beschlossen, dass der Platz weiterhin nach Kardinal Wetter benannt bleibt. Das Schild bleibt, aber es wird eine ergänzende Tafel aufgehängt. Der Platz vor der Marienkirche gehört der Kirche, sie kann das frei entscheiden.
Wetter bestreitet Fehlverhalten
Der Hintergrund: Dem mittlerweile 95-jährigen Friedrich Wetter wird Fehlverhalten im Kontext sexuellen Missbrauchs in 21 Fällen in den Jahren 1982 bis 2007 als Erzbischof von München von der Anwaltskanzlei attestiert. Vorwurf: Er habe von Missbrauchstaten gewusst, aber nichts unternommen. „Nennenswerte Aktivitäten des damaligen Erzbischofs Kardinal Wetter in Richtung der Täter sind, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, nicht ersichtlich“, heißt es in dem Gutachten. Ihm wird ein Desinteresse an Personalangelegenheiten vorgeworfen, ein auf Missbrauch bezogenes Problembewusstsein sei „nicht feststellbar“. Ein Austausch mit den Geschädigten hinsichtlich ihrer Belange sei ebenfalls nicht festzustellen. „Dieses Defizit“ wird im Gutachten als „besonders schwerwiegend“ eingestuft, da während Wetters bis 2008 andauernder Amtszeit der sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche immer stärker ins Bewusstsein „der allgemeinen und der kirchlichen Öffentlichkeit gelangte“.
Wetter, so die Gutachter weiter, mangele es an Einsicht. „Eine auch nur ansatzweise kritische Selbstreflexion des seinerzeitigen Handelns seitens des damaligen Erzbischofs Kardinal Wetter ist jedoch auch heute nicht erkennbar.“
Wetter bestreitet Fehlverhalten seinerseits mit Ausnahme von einem Fall. Da habe er eine Fehlentscheidung getroffen, was ihm von Herzen leid tue. Die Fakten der 21 Fälle belegten „keinesfalls pauschal ein ,Fehlverhalten in 21 Fällen’“, teilte Wetter in einer Stellungnahme Ende Januar vergangenen Jahres mit. Der Kardinal hat im Februar vergangenen Jahres die Ehrenbürgerwürde der Stadt Landau zurückgegeben. Er wolle nicht, „dass durch die Auseinandersetzungen um meine Person der Friede der Stadt gestört wird“.
Beirat: Täter nicht aus Schusslinie nehmen
Zunächst hatte Brecht angekündigt, die Ergebnisse des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Speyer abwarten zu wollen, bevor eine Entscheidung bezüglich des Platzes vor der Landauer Marienkirche getroffen wird. Ein Zeitplan, der nicht mehr haltbar war, wie Brecht betont. Zum einen, weil das Gutachten erst in diesem Jahr in Auftrag gegeben wurde. Zum anderen, weil der Kontakt mit den Betroffenen die Perspektive verändert habe, wie Kessler einräumt.
Für diese spricht Held. Und klar: Der erste Impuls sei gewesen, ein Abhängen des Schilds zu fordern. Aber: Wenn das Schild weg wäre, wäre der Name des Täters weg. Mit dem Namen des Täters verschwände die Erinnerung an die Tat und infolgedessen auch die an das Leid der Betroffenen, argumentiert Held. Man wolle aber gar nicht den Täter aus der Schusslinie nehmen, sondern eben ein ergänzendes Schild aufhängen. Auf dieser zusätzlichen Hinweistafel soll, wie Brecht ausführt, auf die Verdienste, aber auch auf das Versagen eingegangen werden. Denn Wetter habe als Mensch, wie alle Menschen, Gutes und weniger Gutes getan – die schweren Fehler im Umgang mit sexualisierter Gewalt sollen benannt werden. Der Platz solle so zu einem Gedenkort für die Betroffenen werden und die Erinnerungskultur aus deren Sicht unterstützen und fördern.
Wiesemann: Vorbildlicher Umgang
Bischof Karl-Heinz Wiesemann sei den Verantwortlichen „dankbar für ihre sensible und verantwortungsvolle Entscheidung zur Zukunft des Kardinal-Wetter-Platzes“, teilt er mit. Leitend bei der Entscheidung sei die Perspektive der Betroffenen sexualisierter Gewalt gewesen, „nicht der Schutz der Kirche und das Ansehen ihrer Amtsträger. Diesen fundamentalen Perspektivwechsel, weg von der Institution Kirche hin zum Blickwinkel der Betroffenen, möchte auch ich als Bischof von Speyer mit aller Kraft weiter vorantreiben“. Durch die Entscheidung werde „das unermessliche und allzu lange nicht gesehene Leid von Missbrauchsbetroffenen ins Zentrum gestellt, ohne die Erinnerung an die Schuld und das Versagen der Institution Kirche und ihrer Amtsträger einfach auszulöschen.“ Unrecht werde beim Namen genannt, betont der Bischof des Bistums Speyer weiter, ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. „Damit kann der Weg der Pfarrei Landau zum Vorbild für die Erinnerungskultur im ganzen Bistum und für einen angemessenen Umgang mit dem Thema Missbrauch in anderen Pfarreien werden.“
