Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Professorin zu Missbrauch im Bistum Speyer: Datenschutz hilft den Tätern

Dunkle Zeiten: In den 50er- und 60er-Jahren waren katholische Heime und Schulen im Bistum Speyer Schauplatz von Gewalt und sexue
Dunkle Zeiten: In den 50er- und 60er-Jahren waren katholische Heime und Schulen im Bistum Speyer Schauplatz von Gewalt und sexuellem Missbrauch.

Welche Strukturen haben Gewalt und Missbrauch im Bistum begünstigt? Historikerin Sylvia Schraut forscht zu dieser Frage. Wir haben sie gefragt, warum sie sich das antut.

Frau Professor Schraut, was Sie für den ersten Teil Ihrer Studie zu Gewalt und sexuellem Missbrauch im Bistum Speyer gehört und gelesen haben, kann niemanden kaltlassen. Wie schwer ist es, das rein wissenschaftlich zu betrachten?
Jetzt beim ersten Band war es gar nicht so schwierig. Wir haben intensiv den Kontakt zum Betroffenenbeirat gepflegt, dort immer klargelegt, was wir machen wollen und wie wir es machen wollen. Wir haben zudem versucht, sowohl in der Unabhängigen Aufarbeitungskommission als auch im Betroffenenbeirat Vertrauen aufzubauen, dass wir selbstverständlich auf der Seite der Betroffenen sind, aber trotzdem eine unabhängige Studie schreiben. Wir sind unseren eigenen analytischen Weg gegangen – bei gleichzeitiger Loyalität mit den Betroffenen.

Was hat Sie daran gereizt, den Auftrag der Aufarbeitungskommission zu übernehmen?
Für mich war das keine leichte Entscheidung. Ich bin 2020 als Professorin in Rente gegangen und hatte beschlossen, keine Wissenschaft mehr zu machen. Ich wollte mich mit Gleichstellungspolitik und -arbeit beschäftigen. Dann kam die Anfrage. Ich habe vier Wochen gebraucht, mich zu entscheiden – für mich ist das lang. Ich habe mich gefragt: Wer soll’s sonst machen? Ich bin alt genug. Ich bekomme keine Karriereprobleme. Ich habe ein wissenschaftliches Standing. Ich weiß, was ich tue. Und ich habe die Souveränität meiner Forschungserfahrung, meines Alters, um mich potenziell mit jedem anlegen zu können. Ich habe auch keine negativen Erfahrungen mit der Kirche. Man sollte solch eine Aufgabe nicht übernehmen, wenn man selbst etwas abarbeiten muss.

Sie gehen mit direkten Beschuldigten, mit Verantwortlichen in Heimen und mit Organisationsversagen hart ins Gericht ...
... darf ich Sie unterbrechen? Finden Sie, dass ich hart ins Gericht gehe?

Leitet seit 2023 das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung an der Uni Mannheim: die Historikerin Sylvia Schraut.
Leitet seit 2023 das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung an der Uni Mannheim: die Historikerin Sylvia Schraut.

Es gibt sehr starke Aussagen in der Studie zu einigen Aspekten – beispielsweise zum Homburger Johanneum und der Rolle des Ordens der Hiltruper Missionare dort.
Ich finde mich überhaupt nicht hart – was hart ist, sind die Tatsachen. Deswegen sage ich: Ich habe weder mit den Kirchenleuten, noch mit den Orden oder anderen irgendetwas abzuwickeln. Aber: Tatsachen sind Tatsachen. Ich muss sie nicht beschönigen. Ich muss sie nicht aufbauschen und nicht skandalisieren. Wenn beispielsweise ein Heim Anfragen aller Betroffenen zurückweist, dann ist das kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. In der Studie gibt es viele Feststellungen. Dass die als hart empfunden werden, das wundert mich.

In Leserbriefen zur Berichterstattung über die Studie zeigt sich eine große Bandbreite an Meinungen und Sichtweisen. Ein Verfasser behauptet, in säkularen Heimen sei es in den 1950er- bis 1970er-Jahren ähnlich zugegangen wie in den kirchlichen.
Das stimmt auch.

Gibt es dazu belastbare Erkenntnisse?
Ja, es gibt Studien dazu. Es ist im genannten Zeitraum in allen Heimen das Gleiche. Je mehr Untersuchungen dazu jetzt auch im weltlichen Bereich laufen, desto mehr wird sich das bestätigen. Der Unterschied besteht darin, dass die Fallhöhe in der Kirche höher ist. Wenn Sie Ihr Kind in ein kirchliches Internat geben, erwarten Sie eine bestimmte Wertorientierung. Wenn Sie großes Vertrauen in die Institution Kirche haben und dann mitkriegen, dass dieses Vertrauen missbraucht wird, ist das Erschrecken größer als bei Vorfällen im weltlichen Bereich – obwohl das Gleiche passiert ist.

Die Bistumsleitung, Bischof Karl-Heinz Wiesemann und Generalvikar Markus Magin, hat sehr betroffen auf die Studie reagiert. Es gibt eine gemeinsame Bitte um Verzeihung von drei Heimen. Wie beurteilen Sie diese offiziellen Verlautbarungen?
Ich finde Bischof Wiesemann und Generalvikar Magin sehr glaubwürdig. Ich nehme auch den drei Heimleiterinnen die Betroffenheit ab, die sie zum Handeln getrieben hat. Ich denke andererseits aber: „Leute, ihr habt es doch eigentlich gewusst. Wieso nehmt ihr jeden Übergriff, den ihr gemeldet bekommt, als individuellen Einzelfall und zieht keine Rückschlüsse auf die Struktur?“ Ich glaube bei Wiesemann und Magin dennoch absolut, dass sie sich nicht in irgendeiner Weise medienwirksam verhalten. Der Bischof hat viele Gespräche geführt mit Betroffenen, der Generalvikar kennt einen Großteil der Aussagen, die dem Bischöflichen Rechtsamt vorliegen.

Die früheren Träger des Johanneums in Homburg, die Hiltruper Missionare, sehen keinen Grund, auf die Studie zu reagieren. Wie kommt das bei Ihnen an?
Es steht in der Studie nichts drin, was nicht vorher schon bekannt war. Es ist nur systematisch in einen Zusammenhang gebracht worden. Insofern war die Aussage, da stehe nichts Neues drin, zwar richtig. Besonders empathisch hat sich dieser Orden aber gegenüber Betroffenen noch nie verhalten.

Die Feststellung des Ordens, das Johanneum komme nur am Rande vor, trifft nicht zu.
Wenn Sie es allein an der Seitenzahl festmachen, wirkt das Johanneum vielleicht marginal. Der Orden hat inzwischen eine eigene Studie in Auftrag gegeben. Was dabei zusätzlich herauskommt, weiß ich nicht. Zumindest hat der Bearbeiter die Akten des Ordens zur Verfügung gestellt bekommen. Die fehlende Empathie ist aber in meinen Augen ein Kennzeichen vieler Orden. Weil ihnen angeblich das Geld fehlt, um Opfer zu entschädigen, gehen sie auf Distanz.

Als Bistum könnte man sagen: Das sind Orden päpstlichen Rechts, damit haben wir nichts zu tun.
Eine große Streitfrage. Das jeweilige Bistum hat „nur“ eine Aufsichtspflicht. Aber diese Pflicht ist in Speyer und wohl auch in anderen Bistümern nicht wahrgenommen worden. Man könnte darüber streiten, wie intensiv muss Aufsicht sein. Die Orden haben aber auch nicht gesagt: „Hereinspaziert.“ Gerade in den 2020er-Jahren haben sich die Orden mit Rückendeckung aus Rom wieder eine Unabhängigkeit für ihre Arbeit erkämpft, die für mich nicht akzeptabel ist. Es reicht nicht aus, wenn Orden einen Pater oder eine Schwester zum Arbeiten in ein Bistum schicken, dem Personalamt lediglich mitzuteilen, mit der Person sei alles in Ordnung.

Sie haben bei der Vorstellung Ihrer Arbeit am 8. Mai auf das Thema Datenschutz hingewiesen und ein Kapitel zurückgezogen. Schmälert das aus Ihrer Sicht den Wert Ihrer Erkenntnisse?
Nein, das war ein Kapitel von 15 bis 20 Seiten, in dem spezifische Konstellationsanalysen auf Gemeindeebene kurz angedeutet wurden. Das war noch nicht das Thema dieser Strukturanalyse. Möglicherweise wären einzelne Betroffene erkennbar gewesen. Wir wollten niemanden unfreiwillig outen.

Hilft Datenschutz mehr den Opfern oder mehr den Tätern?
Mehr den Tätern, eindeutig. Datenschutz ist für mich als Historikerin immer ein Problem, aber wir haben in Deutschland eine Situation, die Individualrechte potenzieller Täter sehr hoch bewertet und nicht fragt: Gibt es ein Schutzbedürfnis gegenüber den Betroffenen? Heute ist der Datenschutz so umfassend, dass Historiker in 100 Jahren über das 21. Jahrhundert nichts mehr forschen können. Ich finde, das ist eine Katastrophe.

Im zweiten Teil der Studie wollen Sie Tatkonstellationen in den Mittelpunkt stellen. Wie konkret dürfen Sie werden? Wie abstrakt müssen Sie bleiben?
Schwierig. Ein paar dieser Analysen, die wir planen, betreffen Tote, bei denen der Datenschutz nach einer gewissen Zeit erlischt, höchstens noch Verwandte Ansprüche stellen können. Bei einem Kleriker kann es keine offiziellen Nachkommen geben. Das heißt: Diese Frage stellt sich nicht. Schwieriger sind Studien zu lebenden Beschuldigten – Geistliche oder Ehrenamtliche. Die werden sich selbst natürlich erkennen – egal, wie gut wir sie anonymisieren. Es kann insofern passieren, dass der eine oder andere meint, er müsse klagen. Ich kläre gerade mit der Rechtsabteilung der Uni Mannheim, wie wir uns davor schützen können.

Sie haben bestätigt: Eine Rolle wird der Fall des früheren Generalvikars und Offizials Rudolf Motzenbäcker spielen. Was macht ihn so besonders?
Motzenbäcker ist nach dem Zweiten Weltkrieg bereits in der Verwaltung des Bistums Speyer aktiv. Er schreibt selbst in dieser Zeit, er habe jede Personalakte angesehen. Also er hat einen massiven Überblick. Dann wird er nach seiner Promotion für zehn Jahre Generalvikar. In dieser Zeit sind die Missbrauchszahlen am höchsten. Danach ist er bis 1995 Offizial – zuständig für alle kirchenrechtlichen Verfahren. Er ist eine Schlüsselfigur und jemand mit viel Macht. Als Generalvikar hat er offenbar in mehreren Fällen bei Beschuldigten die Akten gesäubert, sodass ein Gerichtsprozess oder eine Strafanzeige darin nicht mehr auftauchten. Außerdem gibt es drei voneinander unabhängige Meldungen, die ihn selbst des sexuellen Missbrauchs beschuldigen. Vielleicht melden sich noch weitere Betroffene.

Ich habe den einen oder anderen Klarnamen gegoogelt, den Sie in der Studie nennen. Da finde ich immer noch wohlwollende Nachrufe auf diese Personen – veröffentlicht vom Bistum. Kann das sein?
Das Bistum ist an dieser Frage dran. Und da kommt wieder der Datenschutz ins Spiel. Bei Leuten, die schon geoutet sind, ist es kein Problem, aktiv zu werden, in anderen Fällen aber schon. Arbeiten, die solche Fragen betreffen, sind langsam und manchmal aus der Sicht des Betroffenenbeirats oft zu langsam. Aber es tut sich etwas: Ehrungen werden aberkannt oder Veröffentlichungen zurückgezogen.

Hat die Auseinandersetzung mit dem Leid der Betroffenen Ihre Haltung zu Kirche als Institution und zu Religion allgemein verändert?
Nein, ich hatte vor der Studie eine freundliche Distanz zur katholischen Kirche der Gegenwart und die ist geblieben.

Zur Person

Die gebürtige Mannheimerin Sylvia Schraut war bis zu ihrer Emeritierung 2020 Professorin für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. In ihrer wissenschaftlichen Laufbahn hatte die 71-jährige Historikerin Lehraufträge an den Unis in Mannheim, Tübingen, Bochum und Basel. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Industrialisierung, Urbanisierung, Migration, Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie Bildung, politische Gewalt und Terrorismus. 2023 hat sie die Leitung des Forschungsprojekts zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Speyer übernommen. Am 8. Mai ist als erster Teil der Studie eine 470 Seiten starke Strukturanalyse erschienen. In zwei Jahren soll die Arbeit mit der Beschreibung und Analyse von Tatkonstellationen abgeschlossen sein. Betroffene, die Informationen über ihre Geschichte an die Forscherinnen weitergeben möchten, können sich über die E-Mail-Adresse projekt.speyer@uni-mannheim.de melden.

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