Landau / Pirmasens / Landstuhl RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauch und Gewalt: Katholische Heime räumen Versagen ein

Mit dieser Broschüre für Haupt- und Ehrenamtliche will das Bistum Speyer den Umgang mit sexualisierter Gewalt verbessern.
Mit dieser Broschüre für Haupt- und Ehrenamtliche will das Bistum Speyer den Umgang mit sexualisierter Gewalt verbessern.

„Für die schrecklichen Versäumnisse und Untaten“ der Vergangenheit bitten drei katholische Einrichtungen im Bistum Speyer bei den Betroffenen öffentlich um Verzeihung.

Obwohl viele der Vorwürfe seit einigen Jahren bekannt und auch Namen von Beschuldigten öffentlich benannt sind: Die Veröffentlichung der Studie von Mannheimer Wissenschaftlern um die Historikerin Sylvia Schraut zu Gewalt und sexuellem Missbrauch im Bistum Speyer nach 1946 hat Anfang Mai die katholische Kirche in Pfalz und Saarpfalz geschockt. Bischof Karl-Heinz Wiesemann und Generalvikar Markus Magin haben einen Tag nach der Präsentation bei einer Pressekonferenz um Entschuldigung für die Taten von Priestern, Ordensleuten und Mitarbeitern der Kirche gebeten. Am Donnerstag haben die Leiterinnen von drei Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe nachgezogen.

Renate Gerlich (Nardinihaus Pirmasens), Gabriele Becker (Jugendwerk St. Josef Landau-Queichheim) und Beate Czodrowski (Caritas-Förderzentrum Nikolaus von Weis Landstuhl) bitten in ihrer gemeinsamen Erklärung um Verzeihung „für die schrecklichen Versäumnisse und Untaten, die in der Vergangenheit geschehen sind“. Weiter heißt es: „Wir bitten um Vergebung bei allen Betroffenen, die in unseren Einrichtungen in der Vergangenheit Unrecht und Leid erfahren haben.“

„Tief beschämend“

In der Studie werden die drei Einrichtungen beziehungsweise ihre organisatorischen Vorläufer gemeinsam mit dem inzwischen aufgelösten Konvikt St. Ludwig und dem ebenfalls nicht mehr existierenden Kinderheim Engelsgasse (beide in Speyer) und dem Gymnasium Johanneum im saarländischen Homburg als „Hotspots“ von Gewalt und sexuellem Missbrauch vor allem in den 1950er- bis 1970er-Jahren bezeichnet. Die rund 470 Seiten dicke Untersuchung schildert teils äußerst detailliert die Übergriffe selbst und die Strukturen, die Missbrauch begünstigt, ermöglicht und vertuscht haben.

Zu den dort getroffenen Aussagen erklären die Leiterinnen: „Es wird deutlich, dass Menschen, die den Schutz von Kindern zur wichtigsten Aufgabe hatten, nicht nur versagt haben, sondern manche unter ihnen selbst zu Beschuldigten wurden – weil sie Taten verübt, weggeschaut oder vertuscht haben.“ Das sei „tief beschämend und eine schreckliche Wirklichkeit, die nicht ungeschehen gemacht werden“ könne. Sie heben vor allem hervor, dass Betroffenen nicht geglaubt worden sei: „Es wurde nicht wahrgenommen, welch erschütterndes Leid den Kindern und Jugendlichen zugefügt wurde.“

Transparenz versprochen

Gerlich, Becker und Czodrowski wollen interne Prozesse anstoßen, „wie wir mit den Untaten der Vergangenheit umgehen“. Es gehe dabei um Formen des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Das Ziel laut dem Statement: „für die Gegenwart und die Zukunft ein präventives Handeln entwickeln“. Ein Aspekt dabei sei Transparenz: „Neben der zeitnahen Bearbeitung der Anträge zur Anerkennung des Leids wird den Betroffenen die Möglichkeit gegeben, ihre Akten an einem von ihnen gewünschten Ort einzusehen.“

Schutzkonzepte würden auf Grundlage der Ergebnisse der Studie geprüft und angepasst. Die Einrichtungen sollten „ein sicherer Ort und ein sichernder Ort für alle“ sein. Das Bistum unterstütze, dass die drei Einrichtungen die Erklärung veröffentlicht hätten, sagte eine Sprecherin. Das Johanneum in Homburg ist organisatorisch nicht an die Diözese angebunden. Insofern sei offen, ob dort eine Reaktion auf die Studie geplant sei. 2018 hatten ehemalige Schüler ein Mahnmal aufgestellt. Ein Vertreter des früheren Trägers, der Hiltruper Missionare, hatte bei diesem Anlass um Vergebung gebeten.

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