Gewalt
Trauer und Wut nach tödlicher Attacke auf Bahn-Mitarbeiter in Landstuhl
Es ist ein Satz, der klingt, als würde man die Arbeit in einem Kriegsgebiet beschreiben: „Wir akzeptieren es nicht länger, dass man sich als Zugbegleiter in Lebensgefahr begibt, sobald man seine Schicht antritt.“ Das hat Martin Burkert, der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, nach dem Angriff auf den 36-jährigen Zugbegleiter Serkan C. gesagt. Dieser war am Montagabend in einem Regionalexpress in Landstuhl (Kreis Kaiserslautern) von einem 26-Jährigen durch mehrere Faustschläge gegen den Kopf so schwer verletzt worden, dass er am Mittwochmorgen im Uniklinikum Homburg verstarb.
Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis starb er in Folge erheblicher stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Kopf an einer Hirnblutung, wie die Staatsanwaltschaft Zweibrücken mitteilt. Der Zugbegleiter wohnte in Ludwigshafen, nach Informationen der RHEINPFALZ ist er alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Beim mutmaßlichen Täter handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft um einen 26-jährigen griechischen Staatsbürger, der in Luxemburg wohnt. Dieser sei ohne Fahrkarte im RE 4131 von Landstuhl in Fahrtrichtung Homburg unterwegs gewesen und sei gegen 17.30 Uhr aufgefordert worden, den Zug zu verlassen. Hierauf habe der Beschuldigte den Zugbegleiter angegriffen. Dieser habe das Bewusstsein verloren, sei noch im Zug wiederbelebt worden und ins Krankenhaus gebracht worden. „Weitergehende rechtsmedizinische und kriminaltechnische Untersuchungen dauern an. Ebenso werden gesicherte Videoaufnahmen aus dem Zug ausgewertet. Hintergrund der Tat und Motivlage des Beschuldigten sind Gegenstand der Ermittlungen“, teilt Staatsanwalt Felix Huth mit. Die Anteilnahme und die Betroffenheit sind groß. Evelyn Palla, die Vorstandschefin der Deutschen Bahn, erklärt: „Heute ist ein schwarzer Tag für alle Eisenbahnerinnen und Eisenbahner im Land.“
Täglich werden Bahn-Mitarbeiter angegriffen
Gewalt gegen Mitarbeiter der Bahn ist an der Tagesordnung. Vergangenes Jahr wurden im Schnitt täglich fünf Bahn-Mitarbeiter im Dienst körperlich angegriffen, vier wurden bedroht, wie das Bundesinnenministerium im Januar auf eine Anfrage des Linken-Politikers Dietmar Bartsch mitteilte. Dieser spricht von einer „Verrohung“ der Gesellschaft. Zwischen Januar und Oktober 2025 wurden knapp 3000 Mitarbeiter der Bahn Opfer von Straftaten, in der Hälfte der Fälle handelte es sich um Körperverletzung.
Dass ein Angriff tödlich endet, sei in Rheinland-Pfalz noch nicht vorgekommen, sagt Lars Kreer, Geschäftsstellenleiter der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in Mainz. „Man muss sich mal überlegen, wie viel Aggression jemand aufbringt, wenn er jemanden anderen mit den Fäusten so schlägt, dass er stirbt.“ Kreer ist fassungslos und traurig – aber auch wütend. Denn es ist für den Gewerkschafter ein Tag, an dem auf brutale Weise bestätigt wird, dass die Forderungen nach mehr Sicherheit für das Personal auf der Schiene berechtigt sind. Der Landesverband der Gewerkschaft EVG hat schon 2018 eine Doppelbesetzung mit zwei Zugbegleitern in den Abendstunden und an Wochenenden gefordert – und schon seinerzeit von einer steigenden Anzahl an Gewalttaten gesprochen. Zudem müsse mehr Sicherheitspersonal in den Zügen mitfahren, fordert Kreer: „Wir arbeiten in einem Brennpunktgeschäft.“
Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer mit Sitz in Frankfurt bestätigt das: „Das gesellschaftliche Klima wird zunehmend rauer, die Gewaltbereitschaft nimmt definitiv zu. Dabei ist besonders erschreckend, dass die Schwere der Vorfälle ansteigt.“ Das Zugpersonal im Regionalverkehr ist dabei nach Angaben der Deutschen Bahn von körperlichen Übergriffen überproportional häufig betroffen. Zahlen zu den einzelnen Bundesländern gibt das Unternehmen nicht heraus.
Viele Fälle werden nicht angezeigt
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft hat bereits im Mai 2024 bundesweit 4000 Beschäftigte zum Sicherheitsgefühl befragt. Eines der Ergebnisse: „Acht von zehn Befragten sind bereits Opfer eines verbalen oder körperlichen Übergriffs geworden.“ Mehr als ein Drittel der Befragten gibt jedoch an, dass sie Übergriffe überhaupt nicht mehr melden würden, weil sie das Gefühl hätten, es würde sich an der Situation eh nichts ändern. Gewerkschafter Kreer sagt, wenn ein Mitarbeiter einen Vorfall melde, werde das bei den Zugunternehmen in der Statistik notiert.
Wenn der Betroffene wolle, dass der Vorfall auch rechtlich verfolgt werde, müsse er selbst aktiv werden und den Vorfall bei der Polizei zur Anzeige bringen. Kollegen hätten allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Staatsanwaltschaften die Fälle nicht ausermittelten oder die Verfahren einstellten. Hinzu komme, dass mitunter viele Monate vergingen, bis es zum Verfahren komme und sich die Angegriffenen, die als Zeugen vor Gericht aussagten, unwohl und eingeschüchtert fühlten, wenn sie den Angreifern im Saal gegenübersäßen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer findet, dass bei Übergriffen gegen Bahn-Mitarbeiter in jedem Fall ermittelt werden müsse.
Der Regionalverkehr ist ein sogenannter „bestellter Markt“ – das heißt: Landkreise, Städte und Land schließen sich in einem Zweckverband zusammen und schreiben Verkehrsleistungen aus. Dazu gehört auch die personelle Ausstattung in den Regionalzügen. Für die Pfalz ist der Zweckverband Öffentlicher Personennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd mit Sitz in Kaiserslautern zuständig. Zur Personalausstattung in den Regionalexpress-Zügen und der S-Bahn heißt es von Zweckverband: In den Süwex-Regionalexpress-Zügen fahre immer ein Zugbegleiter mit. Dass Sicherheitspersonal mit an Bord ist, sei im derzeit gültigen Vertrag (2014 bis 2029) allerdings nicht vorgeschrieben. Bei den S-Bahnen gelte vor 19 Uhr eine „Zugbegleiterquote“ von 25 Prozent. Nach 19 Uhr müsse in jedem Zug ein Schaffner mitfahren. Für die S-Bahnen würden „Kontingente an Begleit- und Sicherheitspersonalen finanziert, die für besonders problematische Züge eingesetzt werden können“.
Was bringen Bodycams?
Seit Mitte 2024 können sich Zugbegleiter in der Region Kameras umhängen, mit denen gefährliche Situationen aufgezeichnet werden. Die Nutzung dieser Bodycams ist freiwillig – doch man sieht in der Pfalz sehr selten Schaffner, die eine der 50 für die Großregion zur Verfügung gestellten Kameras mit sich führen. Wie oft diese Kameras – deutschlandweit sind 1350 Bodycams ausgegeben worden – seit Einführung eingeschalten wurden, um Aufzeichnungen vorzunehmen, dazu gibt es von der Pressestelle der Bahn keine Auskunft. Allgemein lasse sich sagen, dass erste Erfahrungen mit den Kameras gut seien. Das bestätigt der Mainzer Gewerkschafter Kreer: Allein die Möglichkeit, dass man aufgezeichnet werde, lasse den ein oder anderen vielleicht nochmal darüber nachdenken, ob er die Situation eskalieren lassen wolle, sagt er – mit der Einschränkung, dass Menschen, die betrunken oder psychisch erkrankt sind, sich auch nicht von einer Kamera beeindrucken lassen. Jeffrey Harm, Geschäftsstellenleiter der EVG Baden-Württemberg mit Sitz in Mannheim, die für den Bereich Rhein-Neckar zuständig ist, sagt: Wenn eine Situation zu heftig werde, sollten sich die Zugbegleiter zurückziehen, den Lokführer und die Bundespolizei informieren.
Nicht nur die Mitarbeiter in den Zügen, auch die Bundespolizisten sind fortwährend Gewalt ausgesetzt: Wie das Bundesinnenministerium mitteilt, werden täglich 30 Bundespolizisten Opfer einer Straftat. Im Zeitraum von Januar bis Ende Oktober wurden 9329 Fälle registriert, in den meisten Fällen (7529) handelte es sich um Widerstand gegen die Beamten, es gab knapp 3000 tätliche Angriffe. Mit Blick auf Rheinland-Pfalz berichtet die Bundespolizeidirektion Koblenz, dass es im vergangenen Jahr 70 tätliche Angriffe auf Bundespolizisten im Land gegeben habe, in 82 Fällen sei Widerstand gegen Beamte geleistet worden.


