Neustadt
Serie 750 Jahre: Klemmhof und Co.: Wie sich die Innenstadt in den 70er-Jahren verändert hat
Mitte der 1960er-Jahre beginnt ein für Neustadt entscheidendes und einschneidendes Kapitel seiner Stadtgeschichte. Die an vielen Stellen marode und mit veralteter Infrastruktur ausgestattete Altstadt soll modernisiert werden. Einen entsprechenden Grundsatzbeschluss fasste der Stadtrat 1964 unter Oberbürgermeister Wolfgang Brix. Man wurde mit dem Vorhaben der Altstadtsanierung sogar zum bundes- und landesweiten Pilotprojekt. Die vielen historischen Gassen und der weiterhin vorhandene Bestand geschichtsträchtiger und unter Denkmalschutz stehender Gebäude sind heute ein Beleg dafür, dass die Stadtpolitik das Projekt insgesamt recht behutsam angegangen ist. Schätze aus der Vergangenheit sollen sehr wohl bewahrt und nicht alles dem Trend des Zeitgeistes geopfert werden. Allerdings sind bis zum Abschluss dieser Sanierungsepoche im Jahr 1980 auch Dinge entschieden worden, über die heute viele die Köpfe schütteln: Stichworte sind dabei Klemmhof und die heutige Hertie-Ruine. Pluspunkte gibt es dagegen für den autofreien Marktplatz und die Fußgängerzone. Werfen wir exemplarisch mal einen Blick auf diese vier Themen:
Klemmhof
Der Klemmhof samt Elwetritschebrunnen sind aus der Neustadter Innenstadt nicht wegzudenken und das große Gebäude auch stadtbildprägend. Wer Bilder vom alten Bereich Klemmhof sieht, erkennt den Handlungsbedarf. Alles wirkt marode, eng, unhygienisch. Der alte Bestand wurde abgerissen, der Bau des Klemmhofs begann 1974. Die Stadt kaufte dazu 20.000 Quadratmeter an Grundfläche an, 220 Familien mussten in Ersatzwohnungen untergebracht werden. 50 Millionen Mark wurden in das Vorhaben investiert. Es entstand ein großer Wohn- und Bürokomplex mit einer Tiefgarage mit 480 Stellplätzen. 89 Wohneinheiten entstanden. Für Büros und Gewerbe inklusive Sparkasse und Stadtbücherei standen 7000 Quadratmeter zur Verfügung. Die Einweihung wurde mit Ehrengästen und voller Zuversicht gefeiert. Das moderne Gebäude entsprach ja dem Zeitgeist. Doch es folgten Probleme. Vor allem das Thema Grundwasser machte den Verantwortlichen zu schaffen und führte 2009 gar zum zwischenzeitlichen Auszug von 200 Bürgern, da der Komplex einsturzgefährdet war. Das Problem wurde aufwendig behoben. Die Bewohner fühlen sich offensichtlich wohl im Klemmhof. Allerdings hat sich die Ladenzeile nicht als Erfolgsfaktor erwiesen. Dort läuft ein aufwendiger Umbau in ein Kultur- und Tourismuszentrum. Ein enormes Projekt für die Wohnungsbaugesellschaft WBG, da sich immer wieder neue Probleme auftun. Die großen Erwartungen aus den 70er-Jahren haben sich sicher nicht erfüllt. Stattdessen versucht die Stadt alles, um den Komplex Richtung Zukunft umzugestalten und weg vom Schandfleck-Image zu kommen. So mancher Neustadter träumt derweil einfach von einem Abriss und Neustart – doch das scheidet aus Kosten- und Logistikgründen aus.
Fußgängerzone
Der Neustadter Stadtrat hat im März 2025 das Mobilitätskonzept 2030+ beschlossen, mit dem der Verkehr in Richtung Zukunft ausgerichtet und Radfahrer, öffentlicher Nahverkehr und Fußgänger gestärkt werden sollen und der Fokus nicht mehr so sehr auf den Autos liegen soll. Ganz neu sind solche Überlegungen nicht. Im Zusammenhang mit der großen Innenstadtsanierung kam in Neustadt auch das Thema Fußgängerzone zur Sprache. Anfang der 1970er-Jahre begann der Umbau, und die heute lange Hauptstraßenachse als Kernbereich der Fußgängerzone entstand. Das Projekt kostete 3,5 Millionen Euro. Kuriosität am Rande: Wer in den Zeitungsartikeln und Beiträgen der Chroniken von damals liest, erfährt, dass die Einrichtung der Fußgängerzone durchaus auch mit einer Portion Skepsis verfolgt worden ist. Speziell Geschäftsleute meldeten sich zu Wort und warnten, dass Kunden wegblieben, wenn sie nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Läden parken könnten. Kommt einem doch sehr bekannt vor. Das gilt auch für Überlegungen, wie die sanierten Altstadtgassen gestaltet werden sollen. Die Planer regten Grün und viele Pflanzen an. Auch das Thema ist brandaktuell: Spricht man heute aber wegen des Klimawandels darüber, war vor 50 Jahren der „Liebreiz“ das Hauptargument pro Stadtgrün. Die Fußgängerzone selbst wurde nach ihrer Fertigstellung gefeiert. In der RHEINPFALZ hieß es etwa: „Man hört die eigenen Schritte wieder; ein Erlebnis mitten in der Stadt, wo man daran gewöhnt ist, dass der Verkehrslärm das leise Stakkato schluckt.“
Marktplatz
Apropos Autos. Der Marktplatz wird von vielen als besonderes Neustadter Schmuckstück angesehen. Vor allem im Sommer, wenn die Plätze der Außengastronomie gut gefüllt sind und sich alles mit Rathaus, Stiftskirche und Fachwerk zu einem tollen Ensemble verbindet. Wer indes Fotos aus den 60er und 70er Jahren sieht, erkennt den Platz zwar wieder, weil er aufgrund der markanten Gebäude ja unverwechselbar ist. Aber der Betrachter staunt auch. Überall stehen dort Autos: Der Marktplatz war nämlich ein beliebter Parkplatz. Die Weihnachtsbaum-Tradition gab es damals übrigens auch schon. Die RHEINPFALZ berichtete und lichtete den stolzen Baum ab – dass er zwischen Blechkarossen fast verschwindet, daran störte sich damals offenbar kaum jemand. Vielmehr wird Anfang der 70er die Erneuerung der Fachwerk-Fassaden gelobt und dem Klemmhof-Projekt entgegengefiebert .... Seit 1978 ist der Marktplatz hingegen das, was er heute noch ist: ein autofreier Vorzeigeplatz in der Stadtmitte, also das Herzstück der historischen Altstadt. Bei der Umgestaltung wurden 1800 Quadratmeter Naturstein und 1200 Quadratmeter rote Sandsteinplatten verbaut. 2500 Bürger kamen zur Einweihung. OB Brix fand große Worte: „Wir haben diesen Platz geschaffen aus Liebe zu Neustadt.“
Hertie
Von Liebe kann man bei einem Projekt ein paar Meter entfernt zwar nicht reden, aber es zählte in den Jahren 1972/1973 ebenfalls zu den Vorhaben, die man in die Kategorie „großer Wurf“ einstufen wollte: der Karstadt-Bau. 25 Millionen Mark kostete das Kaufhaus, das dort baufällige alte Häuser ersetzte, inzwischen selbst längst Geschichte ist und inzwischen als Hertie-Ruine eine offene Wunde in der Stadtentwicklung ist – mit der frischen Hoffnung, dass die Stadt nach dem insolvenzbedingten Verkauf des Objektsals neuer Eigentümer den Betonklotz abreißen und das Areal Bachgängel neu entwickeln kann. Stadtentwicklung hört eben nie auf und muss immer auch wieder Fehler korrigieren. Im November 1973 hörte sich das alles noch anders an, wie der damaligen RHEINPFALZ-Berichterstattung zu entnehmen ist. Stolz wird verkündet, dass der Karstadt-Konzern (inzwischen selbst ein Sanierungsfall) nun auch eine Filiale in der Pfalz habe. 500 Mitarbeiter waren damals bei Karstadt Neustadt beschäftigt. Zur Eröffnung strömten Tausende Kunden. Die Stadtspitze lobte den Investor laut RHEINPFALZ überschwänglich und war überzeugt, dass dieser „erste größere chirurgische Schnitt im Herzen dieser Stadt dazu beitragen soll, den Kreislauf der Innenstadt zu stärken“.
Die Serie
Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir deshalb auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.
Bisher erschienen:
Wie Neustadt das Stadt-Privileg bekam
Wie Neustadt vor 100 Jahren sein Jubiläum feierte
Auf den Spuren der Unistadt Heidelberg