Neustadt
Serie 750 Jahre: Wie Neustadt zu Gas, Strom und Kanalisation kam
Gas-Versorgung
Man kann die Begeisterung förmlich spüren, die Anfang 1861 in den Redaktionsstuben der Neustadter Zeitung geherrscht haben musste. Am 8. Februar wurde berichtet: „Heute Abend leuchtete zum ersten Mal das Gas in den Laternen der Stadt“. Eine bahnbrechende Neuigkeit, an die sich die Stadtgesellschaft auch nur vorsichtig heranwagte. Denn in der aktuellen Meldung wird gleich noch erklärt, dass die Laternen nur kurze Zeit gebrannt hätten. Aber die Stadtverantwortlichen seien mit der Probe so zufrieden gewesen, „dass wohl morgen die definitive Gas-Beleuchtung der Stadt eintreten dürfte“.
Gerhard Berzel hat in den 1988 erschienenen „Neustadter Skizzen“ viele dieser Entwicklungsschritte dokumentiert. Wie sehr die Gasversorgung – die heute wegen Ukraine-Krieg und Klimaneutralität eher kritisch beäugt wird – damals für Aufregung sorgte, hielt die Neustadter Zeitung auch mit ihrer Ankündigung fest, dass Gas nicht nur die Straßenlaternen erleuchten soll, sondern auch wenige Tage in den Privathäusern geplant sei. Gas sorgte indes nicht nur für Euphorie, es brachte auch Geschäftsmodelle an den Abgrund. Das veranschaulicht eine Anzeige, die Berzel für sein Buch ausgewählt hat: „Kein Schwindel“, steht in der Überschrift, geworben wird für „Astralöl“, das für „bestes und billiges Licht“ sorge. Aber es gibt auch Anzeigen der Gasanstalt Neustadt. Es entstand ein neuer Markt, den die Anbieter für sich erobern wollten.
Die politischen Weichen in Sachen Gasversorgung hatte der Stadtrat 1859 gestellte, indem eine Gaskommission gebildet wurde, die die Gründung der Gasanstalt vorbereitete. Deren Gründungsversammlung fand dann im März 1860 statt – die Geburtsstunde der heutigen Stadtwerke. Das alte Gaswerk befand sich übrigens an der Ecke von Hohenzollern- und Konrad-Adenauer-Straße. Stichwort Geld. Trotz anfänglicher Begeisterung informierte die Neustadter Zeitung im September 1864, dass sich das Neustadter Gaswerk im pfalzweiten Vergleich „am schlechtesten rentiert“. Es war aber nur eine kleine kritische Zwischenbilanz. Danach ging es aufwärts, und die Stadt übernahm die Gasanstalt 1866.
Kanalisation
Kaum war das Thema Gasversorgung überstanden, kam der nächste emotionale Brocken auf die politisch Verantwortlichen zu: der Bau einer Kanalisation. Von hitzigen Debatten im Stadtrat wird bei Gerhard Berzel berichtet. Warum? Weil es um jede Menge Geld ging. Der Pfälzische Kurier bezifferte die Investitionskosten im Juni 1897 auf 400.000 Mark. Mit 14 Ja- und zehn Nein-Stimmen wurde der Bau einer städtischen Kanalisation beschlossen. Wie heute müssen Kommunen also jede Menge Geld investieren und ringen intensiv darum, ob die Ausgaben sein müssen. Und noch etwas erinnert an heute: Dass sich Neustadt mit dem Thema Kanalisation befasste, lag nicht zuletzt an der verheerenden Hochwasserkatastrophe von 1882 – aktuell werden ja Katastrophen- und Hochwasserschutzpläne aufgrund der Erfahrungen der Flut im Ahrtal überarbeitet.
1897 war aber nicht nur der Rat uneinig bei der Frage, ob eine Kanalisation nun gut oder schlecht ist. Auch die Bürger stritten eifrig miteinander. Ein Arzt warb in der Neuen Bürgerzeitung für die Investition und spitzte seine Formulierungen so zu: Der Untergrund der Stadt sei nichts anderes als eine „große Abortgrube“. Es sei die wichtigste Aufgabe, dafür die zu sorgen, „dass der alte Unrat fortgeschafft wird“. Aber die Gegner meldeten sich ebenfalls, verwiesen auf die immensen Kosten und meinten, man müsse künftig eben in „dichte Abfallgruben“ investieren. Der Zwist gipfelte im Juli 1897 in eine Bürgerversammlung, die schließlich die Kanalisation beziehungsweise die dafür nötige Darlehensaufnahme ablehnte.
Es dauerte dann bis in die 1920er-Jahre, ehe das Thema wieder angepackt und dann auch umgesetzt wurde. Diesmal mit viel Rückendeckung. Es gehe um „Sauberkeit der Stadt und Gesundheit der Bevölkerung“. Nichts sei wichtiger, hieß es nun. 1926/1927 ging es los mit dem Kanalbau in Hintergasse, Zwerggasse, Metzgergasse und Kunigundenstraße. Das Klärwerk entstand in der Branchweilerhofstraße. Dieses gibt es aber nicht mehr, dafür wurde in den 1970er-Jahren in Lachen-Speyerdorf für 12,5 Millionen Mark das Zentralklärwerk für die Stadt Neustadt errichtet. Ein Schreiben des Bürgermeisteramts aus dem Jahr 1926 zeigt, dass sich viele Themen in den 100 Jahren gar nicht geändert haben. Auf Anregung eines Bürgers teilte das Rathaus damals nämlich mit, dass man in den Straßen mit den Kanalisationsbaustellen künftig aus Sicherheitsgründen die ganze Nacht Licht brennen lasse ...
Strom
1892 und 1893 wurden die Weichen für die Elektrifizierung gestellt. Die Elektrizitäts-Aktiengesellschaft in Nürnberg übernahm die Zentrale der Haardter Beleuchtungsgesellschaft und baute 1894 an der Gimmeldinger Straße ein Elektrizitätswerk. 1895 bekamen die ersten Straßen elektrische Leitungen. Was auch mit einer abermaligen Umstellung der Straßenbeleuchtung einherging: Strom löste Gas ab. In der Maximilianstraße brannten ab 1995 elektrische Straßenlaternen. 1896 ein Durchbruch in den Verhandlungen zwischen Stadt und Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: die Stromversorgung für ganz Neustadt rückte näher. Die Neustadter Zeitung informierte am 10. September 1896: „Gestern hat man in der Landauer Straße mit dem Legen des Kabels für die elektrische Beleuchtung begonnen.“
1922 kaufte die Stadt das Elektrizitätswerk für rund 1,32 Millionen Mark. Die Stadt erwarb zudem an der Speyerdorfer Straße ein ehemaliges Industriegelände, auf dem ein modernes Elektrizitätswerk gebaut wurde. Der Stromverbrauch stieg indes enorm an, sodass 1925 mit den Pfalzwerken ein Lieferungsvertrag geschlossen wurde, da die Neustadter Anlagen nicht ausreichten. Der Vertrag sah vor, dass der gesamte Strom von den Pfalzwerken kam. Das eigene E-Werk sollte nur noch Spitzenzeiten abdecken und bei Störungen in Betrieb gehen. Mitte der 1930er-Jahre wurde die Eigenerzeugung ganz eingestellt und das überflüssig gewordene E-Werk schließlich verkauft.
Als die Stromversorgung etabliert war, galt sie als Zeichen von Wohlstand, was vom Werbemarkt genutzt wurde. In einer Anzeige hieß es – man mag heute schmunzeln: „Jeder Ehemann hat die Pflicht, seiner Frau das Leben so angenehm wie möglich zu machen und das geschieht am besten, indem er alles im Hause elektrisch einrichten lässt.“ Eine andere Anzeige bewirbt die Vorzüge von Strom ziemlich drastisch: „Wer seine Kinder liebt, verwendet nur elektrisches Licht. Keine Explosionen, Brände, Vergiftungen, Zündhölzer.“
Die Serie
Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir deshalb auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.
Bisher erschienen:
Wie Neustadt das Privileg bekam