Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel 750 Jahre Stadtrechte: Neustadt auf den Spuren der Unistadt Heidelberg

Ehrwürdiges Gebäude, lange Geschichte: das Casimirianum.
Ehrwürdiges Gebäude, lange Geschichte: das Casimirianum.

Neustadt läuft Heidelberg den Rang ab? Das hätten manche Pfälzer sicher gerne. Zumindest für ein paar Jahre machte das Herz der Weinstraße dem großen Uni-Standort Konkurrenz.

Wer mit überzeugten Mußbachern ins Gespräch kommt, hört früher oder später den Hinweis, dass man im Norden Neustadts ja ein stolzes Hochschuldorf sei. Die Mußbacher profitieren davon, dass das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) seinen Campus am Rande des Weindorfs hat und dort seit Jahren Studenten ihr Fachwissen rund um Wein, Weinbau und Weinwirtschaft vertiefen können. Dort werden aber insgesamt nur etwa 250 Studenten unterricht – die natürlich zu Neustadt gehören und zu Semesterbeginn auch immer von der Stadtspitze begrüßt und durch die Innenstadt geführt werden. Aber ein richtiges studentisches Leben sucht man in Neustadt eher vergebens.

Dabei war Neustadt schon einmal Hochschulstandort. Und da spielt das DLR durchaus ebenfalls eine Rolle. Denn zu ihm zählt auch das Staatsweingut mit seinem Versuchsanbau. Dieser Anbau reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück – also in die Zeit von Kurfürst Johann Casimir, der für seine Lieblingssorte Gänsfüßer (ein Rotwein) 1584 sogar eine Verordnung erließ. Diese besagte, dass Gänsfüßer-Reben nur entfernt werden dürfen, wenn mit derselben Rebsorte nachgepflanzt wird. Der beim Adel beliebte Wein setzte sich dennoch nicht durch, weil die Trauben spät reiften. Der Anbau taugte also nicht für die Masse. Am DLR wird sich aber weiter mit dem Gänsfüßer beschäftigt.

Heutiger Eigentümer: Stiftskirchengemeinde

Und Johann Casimir hat im 16. Jahrhundert Neustadt noch eine Besonderheit beschert, die heute ebenfalls vor allem unter Experten noch bekannt ist: eine Universität. Standort war das Casimirianum – ganz in der Nähe des Rathauses. Eigentümer des Gebäudes in der Ludwigstraße ist heute die protestantische Stiftskirchengemeinde. Gemeinsam mit dem protestantischen Kirchenbezirk werden regelmäßig Veranstaltungen angeboten. Wer möchte, kann sich im Casimirianum auch trauen lassen. Und dort werden jedes Jahr auch die neuen Weinlegenden gekürt. Das Casimirianum zählt also zu den Neustadter Institutionen, ist aus Stadtbild und Stadtleben nicht wegzudenken.

Das mit der Universität ist nicht mehr so bekannt: 1578 gründete Pfalzgraf Johann Casimir in Neustadt eine calvinistische Universität. Es war ein vergleichsweise kurzes Hochschul-Gastspiel, denn schon nach sechs Jahren kehrte der Unibetrieb wieder zurück nach Heidelberg. Aber immerhin eine kurze Epoche, die laut verschiedenen Forschern durchaus für Renommee sorgte. Berichte über ein damaliges Studentenleben sind nicht vorhanden. Man weiß also nicht, ob so mancher Student mal Casimirs geliebten Gänsfüßer probierte oder das Leben in Neustadt mehr genoss als auf der anderen Rheinseite in Heidelberg.

Urkunde nur mit Handschuhen anfassen

Aber Schätze rund um diese Epoche gibt es dennoch. So hat Patricia Joder im Stadtarchiv Zugang zur Original-Stiftungsurkunde mit der Unterschrift von Johann Casimir. Das Dokument lagert für gewöhnlich im Safe. Wird es doch mal hervorgeholt, darf es nur mit Handschuhen angefasst werden. Damit der historische Schatz bloß keinen Schaden nimmt. Denn diese Erinnerungsstücke sind extrem wichtig, da die Hochschulzeit ja schon so lange zurückliegt.

Echte Rarität im Museum: die Original-Stiftungsurkunde.
Echte Rarität im Museum: die Original-Stiftungsurkunde.

Viele alte Schriften zeigen: Diese sechs Jahre haben es durchaus in sich. So beschäftigt sich auch ein Autor anlässlich des 550. Geburtstags der Uni Heidelberg mit der Neustadter Episode. Dass es diese gab, lag an Glaubensstreitigkeiten im 16. Jahrhundert. Nachdem der calvinistische Kurfürst Friedrich III. 1576 gestorben war, setzte sein Sohn Ludwig VI. als sein Nachfolger auf das lutherische Bekenntnis. Für Professoren und Studenten der Uni Heidelberg bedeutete dies, dass sie sich vom Calvinismus lossagen sollten. Pfalzgraf Johann Casimir schuf in diesem Kontext Neustadt als Ausweichuniversität für diejenigen, die die entsprechende Unterschrift verweigerten und dann die Uni Heidelberg verlassen mussten.

Herausgeber der Neustadter Bibel

Historiker betonen, dass Neustadt zur bedeutendsten calvinistischen Hochschule wurde. Zu den Professoren zählte etwa der Orientalist Jakob Christmann, der nach seiner Rückkehr nach Heidelberg dort noch Karriere machte und 1602 sogar Rektor der Universität wurde. David Pareus war Theologe und spielt für die Stadt noch heute eine wichtige Rolle, da er 1587/1588 die Neustadter Bibel herausbrachte. Ein Exemplar der dritten Auflage kann im Stadtmuseum Villa Böhm besichtigt werden. Die Besonderheit: Pareus versah die von Martin Luther übersetzte Bibel mit Kommentaren. Als weiterer bekannter Name wird der Theologe Zacharias Ursinus genannt. Er hatte 1563 den Heidelberger Katechismus herausgegeben, der als Lehr- und Unterrichtsbuch in Kirche und Schule diente. Ursinius verstarb jedoch früh und wurde seinerzeit in der Stiftskirche beigesetzt.

Dass das Casimirianum heute wieder ein prächtiger Teil der Neustadter Altstadt ist, ist der umfassenden Sanierung von 1981 bis 1995 zu verdanken. Es waren aufregende Zeiten, in denen intensiv um Kosten und das Ausmaß der Arbeiten gerungen wurde. Da Risse aufgetaucht waren, war eine umfassende Sanierung nötig. Heute sind alle froh über diese Schritte. Das Casimirianum spielte übrigens auch nach der Uni-Episode noch mal eine ganz wichtige Rolle. Im 19. Jahrhunderte entstand dort aus einer Lateinschule heraus das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium. Das älteste Gymnasium der Stadt ist inzwischen aber längst im Böbig zu finden.

Die Serie

Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir deshalb auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.

Bisher erschienen: Wie Neustadt das Privileg bekam; Wie Neustadt vor 100 Jahren sein Jubiläum feierte

Die Stiftungsurkunde ist komplett erhalten – einschließlich der Unterschrift von Johann Casimir.
Die Stiftungsurkunde ist komplett erhalten – einschließlich der Unterschrift von Johann Casimir.
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