Neustadt
Wie Neustadt vor 100 Jahren sein Jubiläum feierte
Der 15. August 1925 ist kein normaler Samstagabend in Neustadt. Während sich langsam die Dunkelheit über die Stadt senkt und nur vereinzelt Sterne zwischen den Wolken zu sehen sind, wird es in den Straßen immer lebhafter. Unzählige Menschen sind auf den Beinen, erklimmen den Viehberg und andere Aussichtspunkte auf der Hambacher Höhe. Auch in der Ebene drängen sich die Leute. Es sind nicht nur Neustadter, auch Besucher „aus der ganzen Vorderpfalz und darüber hinaus“, berichtet der „Stadt-Anzeiger“.
Die Menschen warten auf ein besonderes Schauspiel: Dafür wird die elektrische Beleuchtung in den Straßen der Stadt gelöscht. Gegen 22 Uhr ist dann so weit: Die Villen und anderen markanten Gebäude an den West- und Nordhängen der Stadt werden beleuchtet, abwechselnd rot und grün. „Zunächst wird das Auge festgehalten durch eine rotglühende Perlenkette, die sich am Kübelweg entlang bis hinauf in den Haardter Wald zieht“, berichtet der „Stadt-Anzeiger“. Die Beleuchtung wird auch bis nach Gimmeldingen und Mußbach weitergeführt. Der Weinbietturm erstrahlt in rotem Schein.
Plötzlich singt die Menge
Kurz darauf setzt ein Feuerwerk ein, das zunächst mit einem vielstimmigen Ah! und Oh! quittiert wird. „Dann aber war’s mucksmäuschenstill“, berichtet der Reporter des „Stadt-Anzeigers“. „In stummer Andacht“ hätten die Menschenmassen etwa fünf Minuten verharrt, um danach inbrünstig zu singen: „O Pfälzer Land, wie schön bist du!“ Nach etwa zehn Minuten ist das Lichterspiel vorbei, die Straßenlaternen werden wieder angeschaltet.
Die spektakuläre Beleuchtung am Samstagabend war der Auftakt zu einem Festwochenende, an dem Neustadt, das damals noch den Beinamen „an der Haardt“ trug, 650 Jahre Stadtrechte feierte.
Der Sonntag war vollgepackt mit allerlei Veranstaltungen. Im Zentrum stand ein historischer Festzug am Nachmittag, für den man sich den Einzug des Pfalzgrafen Johann Casimir mit den Heidelberger Professoren in Neustadt als Vorbild nahm. Das spielte auf die Gründung des Casimirianums (1578) als Ausweichuniversität für Wissenschaftler an, die gegen den Willen des neuen Kurfürsten Ludwig VI. dem reformierten Bekenntnis treu blieben.
Mehr als 50 Festwagen und Gruppen
Die Stadt war für den Festzug mit unzähligen Fahnen, Blumen und Girlanden geschmückt. Die Spitze des Zugs bildeten die Turner. Die Turmgesellschaft Neustadt hatte die Feierlichkeiten nämlich mit einem Turnfest ergänzt und damit auch ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Mehr als 700 Turner waren dafür gekommen und hatten sich vormittags noch in Wettkämpfen gemessen, was ihnen laut „Stadt-Anzeiger“ anzusehen war: „erhitzt und staubig“ seien sie. Was folgte, war eine „großartige Pracht historischer Kostüme und Gruppen“, notierte die Zeitung weiter. Zunächst folgten Fanfarenherolde zu Pferd, die vom Einzug Johann Casimirs kündeten. Vor dem Pfalzgrafen, beziehungsweise vor dessen Darsteller, tanzte ein übermütiger Hofnarr hin und her. Es folgten die Heidelberger Professoren und dann Reiter, Landsknechte und Bürgerinnen und Bürger. Mehr als 50 Festwagen und Gruppen mit Blumenkorso zählt die offizielle Festschrift auf. Der „Pfälzische Kurier“ sagte voraus, dass Neustadt und die auswärtigen Besucher „noch lange im Banne dieses großartigen Festzuges stehen“.
Am Sonntag stand zudem ein Staffellauf durch die Stadt auf dem Programm und ein Promenadenkonzert. Der ADAC richtete eine Geschicklichkeitsfahrt aus. Der Sieger in der Kategorie Motorrad gewann ein Kaffeeservice, der geschickteste Wagenlenker erhielt neben einem Silberpokal zwölf Kannen Motoröl. Auf den Gewinner im Langsamfahren warteten sechs Likörbecher.
„Wie in der Großstadt“
Das Festwochenende löste große Begeisterung aus, glaubt man dem „Stadt-Anzeiger“. Der hatte sein Fazit direkt schon an den Beginn seines Berichts gestellt. Die Veranstaltungen zum Jubiläum könnten sich in jeder Großstadt sehen lassen. „Das behaupten nicht nur wir“, hieß es in dem Artikel, „das ist vielmehr von Leuten ausgesprochen worden, die vielfach in Großstädten ähnlichen Arrangements beigewohnt haben.“ Bestätigt worden sei es zudem von Großstädtern, die an dem Wochenende zu Gast in Neustadt waren.
Aus Anlass des Jubiläums wurde eine städtische Ehrenmedaille in Silber geprägt. Eine Seite zeigt das kaiserliche Siegel Rudolf von Habsburgs, des Verleihers der Stadtrechte, die andere das damalige Stadtwappen. Erstmals verliehen wurde die Medaille 1931, an die Neustadter Stadträtin und Frauenrechtlerin Eugenie Abresch.
Die Serie
Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.
Im ersten Teil unserer Serie ging des um die Verleihung der Stadtrechte: Wie Neustadt an das Privileg kam