Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Tod auf der Titanic: Die Liebesgeschichte von Ida und Isidor Straus

Das Wrack der Titanic liegt in knapp 3800 Metern Tiefe. Das Bild aus dem Jahr 2003 zeigt den Bug des Schiffes, das 1912 auf dem
Das Wrack der Titanic liegt in knapp 3800 Metern Tiefe. Das Bild aus dem Jahr 2003 zeigt den Bug des Schiffes, das 1912 auf dem Atlantik einen Eisberg rammte und sank.

Die Geschichte von Isidor und Ida Straus führt von Otterberg nach New York und endet mit dem Tod auf der Titanic. Warum die Erinnerung an das Paar bis heute lebendig ist.

Am Abend des 14. April 1912 ist der Himmel über dem Atlantik sternenklar. Es ist Neumond, die See liegt ungewöhnlich ruhig – und genau das erschwert die Sicht. Gegen 23.40 Uhr streift die RMS Titanic auf ihrer Jungfernfahrt von Southampton nach New York einen Eisberg. Rund zweieinhalb Stunden später versinkt das damals größte Passagierschiff der Welt am frühen Morgen des 15. April im eiskalten Wasser. Auch 114 Jahre nach dem Untergang ranken sich Legenden um das 269 Meter lange Schiff der White Star Line, die Katastrophe und das in rund 3800 Metern Tiefe liegende Wrack, das für viele als „letzte überlebende Augenzeugin der Katastrophe“ gilt und „noch immer Geschichten zu erzählen“ hat, sagte Titanic-Experte Parks Stephenson. Trotz der vielen menschlichen Tragödien, die der Untergang der Titanic mit sich brachte, sind auch Geschichten von Liebe und Mut überliefert.

Isidor und Ida Straus waren 41 Jahre lang verheiratet. Auf der Titanic fanden sie gemeinsam den Tod.
Isidor und Ida Straus waren 41 Jahre lang verheiratet. Auf der Titanic fanden sie gemeinsam den Tod.

Eine Geschichte ist die von Isidor und Ida Straus, die zu den rund 1500 Opfern des Unglücks gehörten – nur knapp 700 Menschen überlebten. Straus war Millionär, bis zu seinem Tod Miteigentümer des US-Kaufhauses Macy’s und für kurze Zeit Mitglied des US-Repräsentantenhauses. Die letzten Stunden im Leben des Paares gelten bis heute als Symbol für Aufopferung, unerschütterliche Treue und Liebe, sagt Joan Adler, Direktorin der „Historical Straus Society“ in New York.

Die Gesellschaft erforscht die Geschichte jüdischer Auswanderer in den USA und versucht, die Erinnerung an die Verdienste der Straus-Familie lebendig zu halten.

Zwischen Pfalz und New York: Der amerikanische Traum

Die Spuren der Familie Straus führen ins westpfälzische Otterberg im Landkreis Kaiserslautern. Das Geburtshaus von Isidor Straus in der Hauptstraße wurde 1748 erbaut. Isidor Straus, Sohn von Lazarus Straus, wurde knapp 100 Jahre später am 6. Februar 1845 geboren. „Isidor und seine Brüder Nathan und Oscar Solomon gehören wohl zu den weltweit bekanntesten Otterbergern“, sagt Harald Forsch. Er pflegt die Internetseite Otterberg24.de, die sich unter anderem mit Besonderheiten in der Geschichte der Wallonenstadt befasst. Nathan Straus war Miteigentümer des Kaufhauses Macy’s, Oscar Salomon Straus war amerikanischer Diplomat und Anfang des 20. Jahrhunderts unter Präsident Franklin D. Roosevelt der erste Jude in einem US-Kabinett.

Isidor Straus wurde 1845 in Otterberg geboren. Sein Geburtshaus in der Hauptstraße wurde vor mehreren Jahren grundlegend saniert
Isidor Straus wurde 1845 in Otterberg geboren. Sein Geburtshaus in der Hauptstraße wurde vor mehreren Jahren grundlegend saniert.

Das Anwesen befindet sich seit 1874 – Forsch hat auf der Internetseite einen Scan der Verkaufsurkunde eingestellt – nicht mehr im Eigentum der Straus-Familie. Vor rund zehn Jahren wurde die Sanierung des Hauses abgeschlossen, das heute als Büro- und Wohngebäude dient. „Nach der Renovierung des Gebäudes wurden mehrere Gedenktafeln angebracht“, ergänzt Forsch. Diese zeigen das Ehepaar Isidor und Ida Straus, eine Aufnahme der Titanic sowie Infos zum Gebäude, das zudem Teil der historischen Stadtführung ist. Ida Straus ist Namensgeberin für eine Straße in der westpfälzischen Kleinstadt.

Am Straus-Haus in Otterberg sind sind mehrere Gedenktafeln angebracht.
Am Straus-Haus in Otterberg sind sind mehrere Gedenktafeln angebracht.

Isidor Straus wanderte 1854, zwei Jahre nach seinem Vater, aus der Pfalz aus – wie so viele, die in Amerika eine Zukunft suchten, die ihnen Europa nicht mehr versprach. Joan Adler beschreibt den späteren Multimillionär als „ernsthaften Mann, der sich seiner Familie und seiner Arbeit mit ganzer Hingabe widmete“. Er sei ehrgeizig gewesen, aber nicht „im Sinne von Reichtums- oder Ruhmsucht“, sondern getrieben von „dem Wunsch, Gutes zu tun und hart dafür zu arbeiten“.

Die Hauptsgeschäftstelle von Macy’s in New York. Isidor und Nathan Straus wurden 1896 alleinige Inhaber.
Die Hauptsgeschäftstelle von Macy’s in New York. Isidor und Nathan Straus wurden 1896 alleinige Inhaber.

Zunächst versuchte die Familie, in Georgia geschäftlich Fuß zu fassen, ehe sie 1865 nach New York zog – und in den Folgejahren zu einem Musterbeispiel des amerikanischen Traums wurde. Mit ihrem Unternehmen „L. Straus & Sons“ etablierten sich Straus und sein Bruder Nathan im Einzelhandel und wurden zu wichtigen Handelspartnern des New Yorker Kaufhauses Macy’s. 1874 eröffneten sie dort eine Abteilung, in der sie Porzellan, Kristall, Glas und Silber verkauften. „Binnen eines Jahres erwirtschaftete die Abteilung 60 Prozent des Umsatzes des gesamten Kaufhauses“, schildert Adler. 1888 wurden die Brüder Teilhaber von Macy’s und 1896 alleinige Inhaber. Sie trieben die Expansion des Unternehmens voran, ließen am New Yorker Herald Square ein neues Stammhaus bauen und legten den Grundstein für das, was einmal als „das größte Geschäft der Welt“ bekannt wurde. Zudem betrieb die Familie später weitere Geschäfte, unter anderem in Berlin.

Die Schicksalsnacht auf der Titanic

Nachdem Isidor und Ida Straus den Winter in Frankreich verbracht, Verwandte in Deutschland besucht und Stationen in Paris und London gemacht hatten, gingen sie am 10. April 1912 in Southampton an Bord der Titanic. Auf dem Schiff bezog das Paar eine Suite der ersten Klasse. Noch am Tag des Unglücks schickte Isidor Straus seinem Sohn Jesse ein Telegramm mit den Worten: „Tolle Reise, tolles Schiff, fühlen uns wohl.“ Es war das letzte Lebenszeichen, das die Kinder von ihren Eltern erhielten.

Das Foto zeigt die Titanic, wie sie zu ihrer Jungfernfahrt im April 1912 aus dem Belfaster Hafen geschleppt wird.
Das Foto zeigt die Titanic, wie sie zu ihrer Jungfernfahrt im April 1912 aus dem Belfaster Hafen geschleppt wird.

Regisseur James Cameron zeigt das Paar am Ende des Filmes aus dem Jahr 1997 Arm in Arm im Bett liegend. Das Zimmer wird von eindringendem Wasser geflutet – eine fiktive Szene, die das unzertrennliche Band zwischen beiden gut verdeutlicht. Doch was geschah wirklich? Macy-Mitarbeiter John Bardenoch war auf dem Schiff Carpathia, das die Titanic-Überlebenden aufnahm. Er befragte die Augenzeugen und schickte einen vierseitigen Brief an Percy, den zweiten Sohn von Ida und Isidor Straus, sagt Adler. Nachdem das Schiff den Eisberg gerammt hatte, war schnell klar, dass nicht alle Passagiere gerettet werden können. Deshalb sollten die Rettungsboote bevorzugt mit Frauen und Kindern gefüllt werden. Ida Straus weigerte sich, in Rettungsboot 8 einzusteigen und überließ den Platz ihrer Bediensteten Ellen Bird. Sie überreichte ihr zudem ihren Pelzmantel und soll gesagt haben: „Den werde ich nicht benötigen.“

Die Titanic war 269 Meter lang. Damals war sie das größte Passagierschiff der Welt.
Die Titanic war 269 Meter lang. Damals war sie das größte Passagierschiff der Welt.

Später stieg Ida Straus in das vorletzte Rettungsboot ein, das zu Wasser gelassen wurde – in der Annahme, ihr Mann würde ihr folgen. Der 67-Jährige wollte das sinkende Schiff jedoch nicht in dem Wissen verlassen, dass so viele weitere Frauen und Kinder an Bord dem Tod überlassen werden sollten. „Ida Straus weigerte sich, ihren Mann zu verlassen und stieg wieder aus“, so Adler. Sie habe 41 Jahre lang mit ihm gemeinsam gelebt und wolle, wenn nötig, auch gemeinsam mit ihm in den Tod gehen. Zuletzt wurde das Paar Arm in Arm an Deck gesehen.

Abschied, Erinnerung – und ein Auktionsrekord

Isidor Straus’ Leiche wurde einige Tage später geborgen; die gebürtige Wormserin Ida Straus blieb verschollen. An einer Trauerfeier in New York nahmen der „Straus Historical Society“ zufolge mehr als 40.000 Menschen teil. Um an die unerschütterliche Liebe des Paares zu erinnern, wurde wenige Monate nach ihrem Tod ein Komitee gegründet, das einen Park planen sollte – den Straus Park in New York gibt es noch heute. Isidor Straus’ Überreste wurden 1928 in das Straus-Mausoleum auf dem New Yorker Woodlawn-Friedhof verlegt. An einer Wand hinter der Grabstätte wurde die Inschrift angebracht: „Many waters cannot quench love – neither can the floods drown it“ („Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen – auch keine Fluten können sie ertränken“).

Die goldene Taschenuhr von Isidor Straus wurde im November 2025 durch das Auktionshaus Henry Aldridge And Son für mehr als zwei
Die goldene Taschenuhr von Isidor Straus wurde im November 2025 durch das Auktionshaus Henry Aldridge And Son für mehr als zwei Millionen Euro versteigert und ist somit das bisher teuerste, versteigerte Titanic-Erinnerungsstück.

Bei Isidor Straus’ Leichnam wurden unter anderem Bargeld und Schmuck gefunden. Einige seiner Gegenstände befinden sich Adler zufolge bei der „Historical Straus Society“. Andere Erinnerungsstücke sind in Privateigentum, zum Beispiel eine goldene Taschenuhr, die im November für Aufsehen sorgte. Ein Familienmitglied, sagt Adler, ließ die Uhr durch das Auktionshaus Henry Aldridge & Son versteigern. Die 18-karätige Taschenuhr – sie blieb um 2.20 Uhr stehen, dem Zeitpunkt des Untergangs – wechselte für mehr als zwei Millionen Euro den Eigentümer.

Isidor Straus hatte die Uhr zu seinem 43. Geburtstag von seiner Frau Ida erhalten, berichtet das Auktionshaus auf seiner Internetseite. Mehrere Nachfragen der RHEINPFALZ zum bisherigen und neuen Eigentümer ließ das Auktionshaus unbeantwortet. Adler bedauert, dass die Uhr versteigert wurde. „Ich habe sie in den 1990er-Jahren mal gesehen. Sie ist wirklich wunderschön.“ Ungeachtet dessen bestätigen die hohen Summen für Titanic-Artefakte Adlers Eindruck, dass das Interesse an der Familie – und an allem, was mit der Titanic zu tun hat – wohl nie nachlassen wird.

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