Neustadt
Wie die ersten Frauen im Stadtrat bekämpft wurden
„Diese Roheit ist eine Beleidigung für die ganze Frauenwelt.“ Große Empörung spricht aus der Anzeige, die die liberale DDP vor der Neustadter Stadtratswahl am 18. April 1920 veröffentlichte. Es war eine besondere Wahl. Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt – und somit die Möglichkeit für Frauen, Ratsmandate anzustreben. Das tat in Neustadt die 56-jährige Lina Böckler für die DDP. Offensichtlich zum Missfallen eines anderen Kandidaten, eines Herrn Ernst vom Gewerbebund. Das ist zumindest in der Anzeige zu lesen, die in Gerhard Berzels Buch „Neustadter Frauen im Zeichen ihrer Zeit“ zu finden ist. Demnach sagte Ernst über Böckler, sie verstehe von Kommunalpolitik so viel „wie eine Ratte, die auf dem Speicher herumspringt“. Die DDP rief die „Frauen und Wählerinnen“ jedenfalls zu Konsequenzen auf: „Keine Stimme diesem Ernst und Genossen, welche die Mitarbeit der Frau so höhnisch von sich weisen.“
Böckler schaffte es in den Stadtrat, genauso wie die 39-jährige Katharina Kost für die Bayerische Volkspartei (Zentrum), die Partei der Katholiken, und Eugenie Abresch (54), die für die nationalliberale Deutsche Volkspartei in den Rat einzog. Nach der Frauenrechtlerin, die sich auch stark karitativ engagierte, ist seit 2019 eine Straße in Branchweiler benannt.
Bei der ersten Sitzung des neugewählten Stadtrates am 30. April spielte dann zumindest in der Berichterstattung des „Generalanzeigers“ keine große Rolle mehr, dass nun Frauen dabei waren. Er wurde nur erwähnt, dass der Bürgermeister hoffe, dass die Frauen „mildernd in die Debatten“ eingreifen.
„Dem nervenzerrütteten Manne ein Heim bieten“
Dass die Mitarbeit der Frauen von da an akzeptiert gewesen sei, lässt sich aber nicht sagen. Dazu findet sich in Berzels Buch ein Artikel des „Stadt- und Dorfanzeigers“ vom 2. Dezember 1924. Berichtet wird über eine Versammlung, bei der sich besagter Herr Ernst dafür rechtfertigte, dass auf der Wahlliste des Gewerbebunds „kein Fräulein und keine Frau“ stehe. Man bestreite nicht das Wahlrecht der Frauen und auch nicht die Gleichberechtigung mit den Männern, versicherte der Stadtrat scheinbar treuherzig. Das Gegenteil sei der Fall. Seine Begründung: „Wir halten die deutsche Frau, wir halten die deutsche Jungfrau, viel zu gut und viel zu edel dafür, als daß wir es fördern könnten, diese edlen Frauenseelen im wüsten Streite der Parteien sich gegeneinander befehden zu sehen.“
Und dann gibt sich Ernst als – nun ja – Frauenversteher zu erkennen. Denn es sei sogar so, dass es für manche Frauen „eine der allerunangenehmsten Aufgaben ist, ihr durch das Gesetz verbürgtes Wahlrecht auszuüben“. Die deutsche Frau habe es in den meisten Fällen als „ihre edelste Aufgabe gefühlt, deutsche Hausfrau, deutsche Mutter zu sein“. Die edelste Aufgabe sei, „dem deutschen Staate körperlich gesunde, geistig frische Jugend zu erhalten, dem nervenzerrütteten Manne ein frohes, gemütliches Heim zu bieten, an Seite von Mann und Kind ein deutsches, harmonisches Familienleben zu schaffen“. Daraus folgte für Ernst die logische Konsequenz: Einer Frau, die nach diesem Vorsatz lebe, werde gar keine Zeit bleiben, im Stadtrat oder in Parteien zu wirken.
Rat bald wieder ohne Frauen
In der Folge würdigt er zwar Abreschs soziales Engagement. Aber als Stadträtin sieht er sie nicht. Denn das bringe Pflichten, „in Fragen der Entwicklung unserer Stadt ein selbständiges entscheidendes ja oder nein zu sagen. Und da dünkt es mich, als ob die Vertreterinnen der Frauen doch nicht die notwendige Erfahrung hätten (...) und durch die Abgabe ihrer Stimmen doch manchmal sehr schädigend wirken können“.
Zusammengefasst lautet Ernsts Argumentation also so: Politik ist nichts für Frauen, weil man sie davor schützen muss, sie davon keine Ahnung haben, sie Schaden anrichten, sie sich ohnehin nicht beteiligen wollen und sowieso genug Arbeit mit Haushalt und Kindern haben.
Man kann auch nicht sagen, dass die Frauen in Neustadt in den 1920er-Jahren politisch durchstarten konnten. Abresch schaffte noch eine zweite Amtszeit, danach gab es bis 1946 keine Frauen mehr im Stadtrat. Aktuell sind übrigens 17 von 44 Ratsmitgliedern weiblich.
Äußerungen wie die des Herrn Ernst müssen sie von den Ratskollegen nicht befürchten. Dessen Nachfolger beim Gewerbebund haben kürzlich mit Johanna Kunzendorff sogar eine Frau aus den eigenen Reihen zur Beigeordneten gewählt. Der Gewerbebund heißt heute FWG.
Die Serie
Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir deshalb auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.
Bisher erschienen:
Wie Neustadt zu den Stadtrechten kam
Wie Neustadt vor 100 Jahren sein Jubiläum feierte
So kamen Gas, Strom und Kanalisation in die Stadt
Auf den Spuren der Unistadt Heidelberg