Interview
Neustadt in internationaler Weinforschung angekommen
Herr Durner, wie erschöpft sind Sie nach den fünf Konferenztagen?
Beim Kongressabschluss am Donnerstag, als wir im Saal mit allen Teilnehmern drei Rieslinge verkostet haben, fiel uns ein großer Stein von Herzen. Alles war nach Plan gelaufen. Das Team hatte am Ende ein sehr breites Grinsen auf den Lippen. Mit dem Wort „Glücksgefühl“ würde ich beschreiben, wie wir uns nach den fünf Tagen „In Vino Analytica Scientia“ gefühlt haben. Die Stimmung am Donnerstagnachmittag, als wir abgebaut haben, war fröhlich, ausgelassen und entspannt. Am Abend sind wir mit neuem Wissen, Genugtuung und Freude nach Hause gegangen.
Wie erschöpft waren Sie, als der Kongress begonnen hatte?
Bei der Eröffnung stand uns die Anspannung im Gesicht. Nach einjähriger, detailreicher Planung musste alles perfekt sein. Es wurde eine Website entwickelt, eine Online-Registrierung aufgesetzt, ein Konferenzbüro mit italienischen, französischen, deutschen Mitarbeitern eingerichtet. Es wurden Flyer produziert, Verhandlungen mit der Stadt Neustadt, der TKS, Catering-Unternehmen, Hotels, Busunternehmen geführt. Es gab Gespräche mit Sponsoren und Unterstützern. Sechs Exkursionen zu 16 Betrieben wurden geplant und Weine für Empfänge zusammengestellt.
Was war die größte Herausforderung?
Die Programmplanung. Wir haben eine Ausschreibung gemacht, und Wissenschaftler aus 25 Nationen haben uns ihre Manuskripte geschickt. Ein 20-köpfiges Team hat die Einreichungen bewertet. 81 Vorträge bekamen einen Zuschlag. Diese mussten dann inhaltlich passend in einen Zeitplan gebracht werden. Als der Präsident der „In Vino Analytica Scientia“, Professor Fulvio Mattivi aus Trentino, Italien, am Sonntagmittag ans Mikrofon trat und den Kongress eröffnete, wurde uns bewusst, dass die Planungsphase vorbei ist und die Arbeit Früchte trägt.
Was war Ihre größte Sorge?
Während den Planungen war Corona das Schreckgespenst. Wir haben darauf gesetzt, Vortragende, die kurzfristig nicht kommen konnten, per Videoschalte live ins Konferenzprogramm einzubinden. Was sich in Zeiten von Videokonferenzen simpel anhört, ist in einem großen Saal, mit Kongressprogramm und Zeitunterschieden von Kalifornien bis Neuseeland nicht ganz einfach. Im laufenden Programm sollten es dann 14 Vorträge werden, die per Videoschalte stattfanden. Dank eines großartigen Teams an Technikern und Regisseuren und ausreichender Internet-Bandbreite hat alles reibungslos funktioniert. Wegen der chaotischen Situation an Europas Flughäfen sind einige Teilnehmer verspätet eingetroffen. Der immer voller werdende Saal war aber dann eine Erlösung.
War das Galadinner auf dem Hambacher Schloss sehr emotional?
Es war ein Höhepunkt. Die Geburtsstätte unserer Demokratie wurde an diesem Abend zur geschichtsträchtigen Herberge für fast 250 Menschen aus 23 Nationen. Beim Sektempfang standen Franzosen neben Deutschen, Italiener neben Sloweniern, Portugiesen neben Spaniern. Es gab keine Grenzen, keine kulturellen Hürden, nur Wertschätzung und Anerkennung. In einem ruhigen Augenblick wurde uns klar, dass das Europa ist. So wie es sein soll: friedlich, einig, zusammen stehend und aufgeschlossen.
Wie steht Neustadt im Vergleich dar?
Die „In Vino Analytica Scientia“ brachte mit ihrem Deutschland-Debüt ziemlich hohe Standards von den vorherigen Austragungsorten mit. Diese waren unter anderem Montpellier, Melbourne, Salamanca und Bordeaux. Die Teilnehmer hatten hohe Erwartungen. Jeder internationale Wissenschaftskongress wird danach bewertet, wie hoch die Qualität der Beiträge ist und wie diese ins Programm einbettet sind. Ich denke, dass die Erwartungen der Teilnehmer getroffen und bei manchen Teilnehmern sogar übertroffen wurden. Im Vergleich mit anderen internationalen Kongressen war die Qualität in Neustadt sehr hoch.
Faszinierend war, wie Ihre jungen Helfer Hunderte Lunchboxen für die Exkursionen zu einer Wand aufgebaut haben. Wer hat alles geholfen?
Ein Team aus Promovierenden, Studierenden und Mitarbeitenden unserer Einrichtung unterstützte den Ablauf. Gemeinsam mit dem Saalbau-Team haben sie die Technik gestemmt und waren für den Getränke- und Essensservice zuständig. Die Teilnehmer waren beeindruckt, wie freundlich, professionell und engagiert die Helfer bei der Sache waren. Die Freude und der Teamgeist waren zu spüren und viele Teilnehmer waren voll des Lobs für die jungen Helfer.
So mancher der Wissenschaftler war schon in Geisenheim. Wurde der Weincampus nun bekannter?
Die „In Vino Analytica Scientia“ ist in erster Linie für ganz Wein-Deutschland von zentraler Bedeutung. Die wissenschaftlichen Errungenschaften aus Neustadt und aus Geisenheim stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich zu einem gemeinsamen, fundierten Forschungsbeitrag Deutschlands. Für das internationale Publikum geht es nicht um Neustadt oder Geisenheim. Die Konferenz hat eindrucksvoll gezeigt, dass wir eine sehr ausgeprägte Weinkultur haben, die sich vor allem in Riesling und Spätburgunder widerspiegelt. Den Teilnehmern wurde bewusst, dass wir ein attraktives Land für Forschung, Innovationen und Entwicklungen sind. Das hilft uns, Neustadt und Geisenheim, internationale Kooperationen weiter auszubauen und Barrieren im internationalen Austausch von Studierenden und Arbeitskräften weiter abzubauen.
Was bringt ein solcher Kongress der Weinregion Pfalz insgesamt?
Unmittelbar nehmen die Teilnehmer natürlich ihre guten Eindrücke mit nach Hause und tragen sie somit in die ganze Welt. Neustadt, die Pfalz und ganz Wein-Deutschland wurden durch die „In Vino Analytica Scientia“ ein Stück weit bekannter. Entscheidend ist aber die Transferarbeit der wissenschaftlichen Einrichtungen. Neue Erkenntnisse aus der ganzen Welt, die dazu beitragen werden, Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu finden, wurden im Saalbau vorgestellt und debattiert. Mit den neuen Erkenntnissen im Gepäck gilt es den Transfer in die Praxis zu gestalten.
Transfer in die Praxis bedeutet?
Die Weinbautage, viele andere Regionaltagungen, unsere Fachberater und die Fachmedien bieten eine solide Infrastruktur für diesen Transfer. Die Neustadter Weinforscher sind sehr gut darin, Wissen zu schaffen und weiterzugeben. Unsere Region, andere Regionen und die gesamte Weinbranche Deutschlands werden sehr lange von der „In Vino Analytica Scientia“ profitieren.
Wo wird nach Neustadt getagt?
2024 an der University of California in Davis und 2026 vermutlich wieder in Frankreich. Der Saalbau hat sich aber als hervorragende Tagungsstätte erwiesen. Für internationale Weinkongresse mit anderen Schwerpunkten kommt Neustadt also ganz sicher in Betracht. Wer weiß, vielleicht gibt es ja bald einen internationalen Weintourismus-Kongress im Saalbau.
Zur Sache
Dominik Durner lehrt und forscht als Professor für Lebensmitteltechnologie und Oenologie am Weincampus Neustadt, den er zudem leitet. Für die internationale Fachkonferenz „In Vino Analytica Scientia“ hatte sich der Weincampus 2017 beworben. Vom 3. bis 7. Juli wurde sie im Saalbau veranstaltet.

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