Interview
Weinwissenschaftler: „Wir trinken hier auch in 25 Jahren noch Riesling“
Herr Fischer, Sie haben 250 Weinwissenschaftler und Experten aus der ganzen Welt, unter anderem aus den USA, Australien, Südafrika und Chile erstmals zu einer Fachkonferenz zu Gast in Neustadt. Zum Abschluss am Donnerstag gibt es eine Riesling-Weinprobe. Ist das mutig oder warum muss sich die wichtigste deutsche Rebsorte nicht verstecken?
Es ist der ausdrückliche Wunsch unseres Präsidenten, Fulvio Mattivi aus Italien gewesen, den Riesling in den Vordergrund zu stellen, weil es die ikonische Rebsorte Deutschlands ist. 45 Prozent des weltweiten Riesling-Anbaus findet hier in Deutschland statt. Deshalb ist es nicht mutig, sondern eine Selbstverständlichkeit, den Riesling ins Schaufenster zu stellen.
Der deutsche Wein galt einst als süß. Wie ist seine Reputation heute?
Viele der Besucher, die vorrangig aus Frankreich, Spanien und Italien kommen, sagen, dass sie bisher ganz wenig deutschen Wein getrunken haben. Sie sind sehr offen und sie sind begeistert von den trockenen, kräftigen und ausdrucksstarken Weinen etwa von Rebsorten wie Riesling, Chardonnay oder Weißburgunder und Spätburgunder. Das vermeintlich schlechte Image steckt häufig nur in den Köpfen der Deutschen. Wir sind international ein hoch angesehenes Weinland mit tollen Weinen.
In der Pfalz spielt der Riesling auch eine Hauptrolle beim Nationalgetränk Schorle. Warum bilden gerade diese Weißweinsorte und ein klassisches Mineralwasser mit Kohlensäure ein so starkes Duett?
Es gibt keine zweite Sorte mit einer so starken Säurewahrnehmung wie der Riesling mit seiner mineralischen Säure. Nun kommen die zwei deutschen Spezialitäten Riesling und Mineralwasser zusammen, die meisten anderen Länder bevorzugen ja stilles Wasser. Durch die Kohlensäure wird die Säure des Rieslings belebt. Dazu kommt, dass der Riesling nicht ganz so aromaintensiv in der Nase ist. Und das ist gut so, denn die Kohlensäure verstärkt die Wahrnehmung des Weinaromas. Wenn man einen Gewürztraminer oder einen holzgereiften Chardonnay nehmen würde, würde das viel zu anstrengend in der Nase. Das Blumige oder auch das Holz würden uns quasi in der Nase überwältigen. Das wäre nicht mehr erfrischend. Und das sollte eine Schorle ja sein.
Wie erklären Sie sich, dass Schorle gerade hier eine Institution ist, Wasser im Weißwein aber in anderen Regionen und Ländern kaum üblich ist und deshalb auch dementsprechend schmeckt?
Erstes ist das Thema Mineralwasser wirklich ein deutsches Thema. Zweites ist es so: Je heißer es ist, desto eher muss man den Wein ja auch verdünnt trinken, um nicht zu viel Alkohol aufzunehmen. Die Pfälzer Weine sind in ihrem Alkoholgehalt auch schon immer etwas kräftiger gewesen. Daher gab es auch eher die Notwendigkeit, den Wein etwas zu verdünnen. Natürlich sind die Pfälzer bekanntermaßen auch besonders durstig, daher ist die Schorle eine Besonderheit der Pfalz.
Der Riesling kann so unglaublich viel, vom leichten Sommerwein bis hin zum Eiswein und macht auch als Winzersekt eine gute Figur. Haben Sie einen Tipp für diesen Sommer, welche Gerichte durch einen passenden Riesling eine besondere Note erhalten?
Ich würde einen trockenen Riesling Kabinett oder einen leichteren Riesling aus dem Jahrgang 2021 kombinieren mit einem Pastagericht mit beispielsweise in Butter gebratene Zucchini – mit viel Knoblauch drüber und etwas Parmesankäse. Das ist großartig mit einem duftigen Riesling. Das wäre mein Tipp für den Sommer.
Sich wandelnde klimatische Verhältnisse dürften den Weinbau weltweit beschäftigen. Sind durch den Klimawandel neue Riesling-Anbaugebiete in der Welt dazugekommen?
Es sind nicht viele Gebiete dazu gekommen. In den USA nimmt der Riesling-Anbau zu. Es ist aber so, dass in neuen Anbauländern wie den Niederlanden, Dänemark und England die Vegetationsperiode für den Riesling immer noch zu kurz ist. Sie pflanzen eher Piwis an, also pilzresistentere Sorten. Im Elsass, Deutschland und Österreich bleibt der Riesling noch am stärksten. Riesling ist eine auch schwierige Rebsorte, weil die Beeren eine sehr dünne Haut haben, die leicht aufplatzt. Es ist keine Rebsorte für Beginner. Das wissen die Winzer in den neuen Weinbauländern auch.
Gibt es in Deutschland Weinanbaugebiete, in denen der Riesling mit dem Klima an seine Grenzen kommt? Trinken wir in Rheinland-Pfalz auch in 25 Jahren noch den pfiffigen Weißwein?
Ich stehe mit meinem Namen und den Kollegen vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz dafür, dass wir auch in 25 Jahren hier noch Riesling trinken werden. Die Winzer und wir experimentieren, wie wir den Weinbau verändern müssen, damit der Riesling bestehen kann. Anders sieht es bei den Steillagen an der Mosel, im Rheingau und am Mittelrhein aus. Da fehlt es manchmal an der Tiefe des Bodens, um das Wasser zu speichern. Die Steillagen sind die Sorgenkinder beim Riesling. Wir kommen an Grenzen, aber auch dort werden die Winzer versuchen, sich zu adaptieren. Aber es kann auch sein, dass dort künftig mal ein Sryah oder ein Carbernet Franc stehen wird.