Neustadt
Das „Who is who“ der Weinforschung
Die Französin
Chantal Maury hat viel Erfahrung mit der Vino Analytica Scientia. Sie ist seit Jahren dabei, hat die Tagung selbst schon mal mitorganisiert und gehört jetzt dem Kongress-Komitee an. Die 49-Jährige lehrt und forscht an der École d’Agriculture in Angers. Fünf Jahre lang werden dort Weinbau-Studierende für ihre Examen fit gemacht. „Es geht darum, den Winzern dabei zu helfen, ihre Prozesse und damit ihre Weine zu verbessern“, fasst Maury ihre Aufgabe mit einfachen Worten zusammen. Im Fokus stünden sowohl die Trauben als auch die Wein-Analytik. Sie selbst ist darauf spezialisiert, Analyseverfahren zu entwickeln, bei denen die Traube nicht zerstört werden muss. Jetzt in Neustadt zu sein, sei großartig. Sie besucht die Region zum ersten Mal und ist auch sehr gespannt auf den Abstecher zum Weincampus: „Das ist eine der Touren, die ich sofort ausgewählt habe, als das Programm vorgestellt wurde.“ Klasse sei bereits die Riesling-Verkostung am Montagabend gewesen, sagt die Sommelière mit WSET-Abschluss, des Wine and Spirit Education Trust, der seinen Sitz in London hat. Ob der Riesling auch ihr Lieblingswein ist? „Ich habe keinen Favoriten, es gibt so viele unterschiedliche Weine, die alle toll sind, das wäre nicht fair, da einen zu benennen“, sagt sie lachend. Um dann aber doch damit herauszurücken, dass ihr beim Tasting zwei Tropfen besonders gut geschmeckt haben: ein Chardonnay vom Weingut Stachel in Maikammer und ein Haardter Herrenletten-Riesling von Müller-Catoir.
Der Chilene
Alvaro Pena-Neira ist nicht zum ersten Mal in Europa. Vor über 25 Jahren hat er in seinem Heimatland Chile Agrarwissenschaft studiert. Damals, so erzählt er, habe es aber noch keine Weinbau-Sparte gegeben. Also wechselte er nach Spanien, um dort weiterzustudieren und letztlich über chemische Prozesse im Wein zu promovieren. Vier Jahre hat er in Spanien gelebt, und dabei auch so manchen Abstecher in die Nachbarländer unternommen, bevor er zurückging an die Universität von Santiago de Chile und dort eine Professur annahm. „Ich liebe Deutschland“, meint er, und schon damals sei klar gewesen, „dass ich noch mal kommen muss“. Dazu hat er aktuell Gelegenheit, wobei ihn Neustadt ziemlich begeistert: Die Landschaft, die schönen Dörfer und auch die Kernstadt mit ihrer Geschichte seien sehr beeindruckend. Als Großstädter ist er davon überzeugt, „dass Neustadt genau die richtige Größe hat, um ein gutes und ruhiges Leben zu führen“. Beim Wein ist der 51-Jährige besonders vom Riesling angetan, der so viele verschiedene Nuancen besitze und nie langweilig werde. In seiner Heimat spiele er zwar keine so große Rolle wie beispielsweise der Sauvignon. „Aber wir bauen da immer mehr Riesling entlang der Küste an, wo das Klima kälter ist.“
Die Italienerin
Wie vermutlich fast alle der 250 Wissenschaftler im Saalbau ist Daniela Fracassetti, Professorin an der Universität Mailand, schon grundsätzlich glücklich, weil sie so viele Kollegen in Präsenz treffen kann. Zumal diese Fachkonferenz eine der zwei weltweit bedeutendsten sei. Auch sie gehört zu den regelmäßigen Konferenzteilnehmern, online, wie während der Pandemie, sei das natürlich nicht so anregend gewesen. Nach Deutschland kommt sie regelmäßig, weil ihr Fachbereich mit der Hochschule Geisenheim zusammenarbeite, es einen Studienaustausch gebe. Doch auch der Weincampus ist ihr nicht fremd – wegen des engen Forschungskontakts zu Professor Ulrich Fischer. Die 40-Jährige, die ihre berufliche Leidenschaft auch mit einem Tattoo auf der Schulter – Weintrauben und eine chemische Formel – nach außen trägt, freut sich darauf, Neustadt und die Region näher kennenzulernen. Und sie gibt zu, dass vor allem „sparkling wine“ – also Sekt, Champagner und Secco – zu ihren Favoriten zählt. Ebenso aber der Passito, was sie näher erklären muss: Er wird aus Rosinen hergestellt, und je nachdem, wie viel Wasser bei der Produktion zugegeben wird, gebe es sowohl trockene als auch liebliche Varianten. Nach der Konferenz muss die Italienerin gleich wieder zurück. Aber: Ein australischer Kollege komme mit und verbringe noch das Wochenende in Italien. „Auch das ist toll, dass hier so viele Experten nicht nur aus Europa, sondern von sehr viel weiter weg vertreten sind.“
Der Spanier
Wein-Aromen lautet das Spezialgebiet von Ricardo Lopez, Professor an der Universität von Saragossa. Welche chemischen Prozesse tragen dazu bei und wie können diese beeinflusst werden, formuliert er seine Aufgabe für Laien verständlich. Um sofort zu ergänzen: „Natürlich geht es dabei nicht um künstliche Zusätze wie bei Cola.“ Sondern zum Beispiel darum, wie lange Trauben am Weinstock bleiben müssen. Heidelberg, Mainz, Frankfurt hat er vor diesem Juli schon besucht, den Weincampus Neustadt kennt er durch die wissenschaftliche Zusammenarbeit ebenfalls. Jetzt aber folge auf die Theorie die Praxis, sagt er mit einem Schmunzeln, wobei ihm bislang – neben der Neustadter Architektur – vor allem die vielen Kastanienbäume bei Hambach aufgefallen sind. Für jemanden wie ihn, der aus einer sehr trockenen Region Spaniens komme, sei das viele Grün beeindruckend. Auch der 52-Jährige ist ein heimlicher Riesling-Liebhaber. Diese Weinsorte überrasche geschmacklich immer wieder und werde sogar besser, wenn sie etwas länger in der Flasche liege. Typisch für Saragossa sei der Grenache, ein Rotwein, dessen Trauben bestens für das heiße Klima geeignet seien. Und mit einem kleinen Augenzwinkern fügt der Wissenschaftler an: „Außerdem ist er erschwinglich, fünf, sechs Euro kostet die Flasche.“
Der Australier
Von „Down Under“ ist David Jeffrey an die Weinstraße gekommen. Der 50-Jährige ist Professor an der Universität von Adelaide, wo das Australian Personal Council Training Centre for Innovative Wine Production angesiedelt ist. Jeffrey hat Chemie studiert – und kam bei der Suche nach einem geeigneten Job zur Oenologie – wo er heute als Experte sowohl Studierende als auch Winzer im Blick hat. Was ihn stolz macht: Neben den Europäern sei Australien einer der größten Wein-Exporteure weltweit, „sogar vor den USA“. Das sei auch vielen deutschen Emigranten zu verdanken, die aus ihrer Heimat das Wissen und Rebstöcke mitgebracht hätten. Hahndorf nahe Adelaide sei eine der ersten deutschen Siedlungen gewesen, 1839 gegründet von Lutheranern. Apropos Lutheraner: Wie sein Kollege Lopez will Jeffrey noch das Hambacher Schloss besuchen, kennt aber bereits eine andere geschichtsträchtige Burg in Deutschland: die Wartburg. Unumwunden macht der Australier dann noch ein Geständnis: „Ich sollte es vielleicht nicht zugeben, aber ich trinke mehr Bier als Wein.“ Was am geringeren Alkoholgehalt liegt, weil er oft noch Auto fahren müsse. Weincampus-Leiter Dominik Durner verspricht, ihn mit einer Alternative bekanntzumachen: Weinschorle. Er sei gespannt, meint Jeffrey, und hofft auf die klassische Pfälzer Mischung, „denn hier in Neustadt muss ich ja nicht fahren“.

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