Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Warum sich FDP-Fraktionschef Schell von Volker Wissing verraten fühlt

Da war die FDP-Welt noch weitgehend in Ordnung: Liberales Frühstück im Mai 2024 im Casa di Laul mit (von links) Thomas Schell, M
Da war die FDP-Welt noch weitgehend in Ordnung: Liberales Frühstück im Mai 2024 im Casa di Laul mit (von links) Thomas Schell, Minister Volker Wissing und Hans-Peter Eibes, Parteichef in Ludwigshafen.

Die Liberalen befinden sich im Jahr vor der Landtagswahl im freien Fall. Über die Gründe hat Steffen Gierescher mit Ludwigshafens FDP-Urgestein Thomas Schell gesprochen.

Herr Schell, Sie waren lange ein Fan der FDP-Galionsfigur Christian Lindner. Sind Sie es immer noch?
Nein.

Warum nicht mehr?
Weil er nicht in der Lage war, die Berliner Ampel aufrechtzuerhalten. Weil er nicht in der Lage war, Ruhe in das Regierungsbündnis zu bringen. Und weil er sich in der Öffentlichkeit immer wieder mit seinen Koalitionskollegen gestritten hat. Das war schlecht.

Raus aus dem Rampenlicht: Von Christian Lindner ist Thomas Schell enttäuscht.
Raus aus dem Rampenlicht: Von Christian Lindner ist Thomas Schell enttäuscht.

Lindner hat den Karren also gegen die Wand gefahren?
Alle drei Parteien haben den Karren gegen die Wand gefahren. Das war nicht nur Lindner, das waren letztlich sämtliche Regierungsmitglieder, einschließlich des Kanzlers.

Die Quittung folgte bei der Bundestagswahl. SPD, Grüne und FDP mussten heftige Einbußen hinnehmen. Die Liberalen sind an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und drohen nun von der politischen Landkarte zu verschwinden. Wie sehen Sie’s?
Wir wurden schon oft totgesagt. Die FDP wird sich wieder fangen, hat aber am 23. Februar das Ergebnis erhalten, das sie verdient hat. Ihre Außenperformance war katastrophal.

Die Ampel im Bund ist krachend gescheitert, für die Ampel in Rheinland-Pfalz ist die Landtagswahl 2026 die Nagelprobe. Schaffen die Liberalen den Wiedereinzug ins Mainzer Parlament? Laut Umfragen ist Ihre Partei auf zwei Prozent abgerutscht.
Ich bin mir sicher: Wir schaffen das.

Woraus speist sich Ihre Zuversicht?
Weil wir mit Daniela Schmitt eine sehr ausgleichende Person an die Spitze der Landespartei gewählt haben, die nicht polarisiert. Die Ministerin pusht die Themen Weinbau, Wirtschaft und Verkehr. Sie hat mit großen Firmenansiedlungen Erfolge vorzuweisen. Sie wird die Bürger davon überzeugen, dass die FDP in Rheinland-Pfalz regierungsfähig ist.

Für Thomas Schell eine Hoffnungsträgerin: die neue FDP-Landesvorsitzende Daniela Schmitt (52).
Für Thomas Schell eine Hoffnungsträgerin: die neue FDP-Landesvorsitzende Daniela Schmitt (52).

Schmitts Wahl war von einigen Störfeuern begleitet. Optimal war auch diese Außenperformance nicht.
Das hat vor allem Volker Wissing zu verantworten. Er war jahrelang FDP-Vorsitzender in Rheinland-Pfalz und hat die Partei von heute auf morgen verlassen. Dieser Schritt war ein Schlag ins Gesicht für alle Liberalen.

Ein Mann mit Haltung, sagen die einen über ihn. Als Fahnenflüchtigen beschimpfen in seine Kritiker. Zu welchem Lager zählen Sie?
Fahnenflüchtig hört sich viel zu pathetisch an. Ich fühle mich von Volker Wissing schlichtweg verraten.

Beim „Liberalen Frühstück“ in Ludwigshafen vor knapp einem Jahr standen Sie noch mit einem Glas Sekt neben ihm, den Arm hatten Sie um seine Schulter gelegt. Damals wurde der Bundesverkehrsminister von Ihnen und anderen Liberalen gefeiert.
Ich habe nach wie vor großen Respekt vor Wissing. Aber Lust, mich mit ihm auszutauschen, verspüre ich nicht mehr. Wenn man – wie ich – für den Spitzenkandidaten Wissing im Wahlkampf immer alles gegeben hat, bleibt man nun mehr als enttäuscht zurück nach seinem Parteiaustritt. Er hat weder Haltung noch Rückgrat gezeigt. Man muss solche Krisen auch ertragen können. Ich schätze seine Arbeit, insbesondere seine Leistung im Hochbaubereich, die von Erfolg gekrönt war. Das von ihm durchgesetzte Planfeststellungsbeschleunigungsgesetz kam vor allem der Sanierung der Ludwigshafener Hochstraße Süd zugute. Das hat er gut gemacht. Aber die FDP zu verlassen, nur weil sich die Ampel-Partner nicht verstehen, das ist für mich absolut inakzeptabel. Zumal er sich ja weiter zu den liberalen Werten der Partei bekennt. Für mich passt das nicht zusammen.

Womöglich war er von Christian Lindner genauso enttäuscht wie Sie?
Mag sein. Aber ich trete auch nicht aus der Kirche aus, nur weil ich mit manchen Entscheidungen nicht einverstanden bin. Als aktives Mitglied kann ich für Veränderungen kämpfen – ob in der Kirche, im Verein oder in der Partei. Wenn ich austrete, habe ich diese Möglichkeit nicht.

Wie gewinnt die FDP wieder an Profil?
Auf kommunalpolitischer Ebene ist das nach meiner Erfahrung fast unmöglich. Für das Wahlvolk ist entscheidend, was auf bundespolitischer Ebene passiert. Unsere Spitzenpolitiker repräsentieren die FDP. Ich hoffe, dass die Partei jetzt auf Menschen setzt, die nicht nur Verstand haben, sondern auch die Fähigkeit besitzen, zu verhandeln, sich loyal zu verhalten und diese Werte auch zu verkörpern.

Wem trauen Sie diese Rolle zu?
Dem bisherigen Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, Christian Dürr. Der kann das.

Könnte zur neuen Galionsfigur der Bundes-FDP reifen: Christian Dürr (48). Von seinen Qualitäten ist Thomas Schell überzeugt.
Könnte zur neuen Galionsfigur der Bundes-FDP reifen: Christian Dürr (48). Von seinen Qualitäten ist Thomas Schell überzeugt.

Wer kann Oberbürgermeister in Ludwigshafen? Aktuell sind mit Klaus Blettner von der CDU, Jens Peter Gotter von der SPD, Joachim Paul von der AfD und Martin Wegner, der als Unabhängiger antritt, vier Bewerber im Rennen für die Wahl am 21. September.
(denkt länger nach) Joachim Paul ist rechts sehr stramm unterwegs. Ihn will ich persönlich nicht kennenlernen. Die anderen Kandidaten sind mir völlig unbekannt. Insofern fällt es mir schwer zu beurteilen, ob einer von ihnen das Zeug hat, diese Stadt in die Zukunft zu führen. Unbegreiflich ist mir, wie zwei schwergewichtige Parteien wie die CDU und die SPD jeweils jemanden als Nummer eins präsentieren, den kaum einer kennt. Ich hoffe, dass sich am Ende ein Kandidat der demokratischen Mitte durchsetzt.

Wird die FDP eine Wahlempfehlung abgeben?
Haben wir nie gemacht – und das werden wir auch künftig nicht tun.

Warum nicht?
Weil FDP-Mitglieder und -Anhänger in ihrer Entscheidung frei sein sollen.

Bedauern Sie es, dass Amtsinhaberin Jutta Steinruck nicht mehr antritt?
Ja. Sie ist mir persönlich sympathisch, sie hat ein emphatisches Auftreten, sie ist ein Kind dieser Stadt, wirkt glaubwürdig und ist resolut, auch wenn sie sich mal im Ton vergreift. Außerdem kämpft sie energisch für das Überleben der Stadt und für die Demokratie im Stadtrat. Denn dieser hat aufgrund der Haushaltslage eigentlich nichts mehr zu melden und steht unter dem Diktat der Finanzaufsicht ADD. Dagegen wehrt sich Steinruck vehement und hat sich unserer Meinung angeschlossen, eine Klage gegen das Land zu prüfen. Sie ist mit Herzblut Ludwigshafenerin. Man spürt, dass sie es ehrlich meint.

Von ihr hält Thomas Schell viel: die scheidende Ludwigshafener OB Jutta Steinruck (62, parteilos).
Von ihr hält Thomas Schell viel: die scheidende Ludwigshafener OB Jutta Steinruck (62, parteilos).

In wenigen Tagen wird CDU-Chef Friedrich Merz vermutlich zum Kanzler gewählt. Ihr Kommentar?
Das ist eine Katastrophe. Alles, was er versprochen hat, bricht er und macht das Gegenteil.

Zur Person: Thomas Schell

Thomas Schell (61) gehört seit 2009 dem Stadtrat an. An der Spitze der Fraktion steht er seit 2012. Er ist seit 2005 FDP-Mitglied, verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Rheingönheim. Der auf Bau- und Architektenrecht spezialisierte promovierte Jurist betreibt mit mehreren Partnern eine Kanzlei in Ludwigshafen und spielt in seiner Freizeit Tennis und Klavier. Im Stadtrat hat die FDP zwei Sitze. Zur Fraktion gehört neben Schell Parteichef Hans-Peter Eibes. Die FDP Ludwigshafen hat 90 Mitglieder.

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