Interview
Historiker für Gorbatschow-Straße (mit Video)
Ohne Michail Gorbatschow wäre die Deutsche Einheit nicht möglich gewesen. Würden Sie das so unterschreiben, Herr Becker?
Auf jeden Fall. Er hat mit Helmut Kohl die entscheidende Brücke über die Mauer gelegt. Ohne Glasnost und Perestroika hätte es keine Deutsche Einheit und auch kein Ende des Kalten Kriegs gegeben. Und ohne „Gorbi“ hätte ich auch meine Frau nicht kennengelernt. Das war 1997 schon in der Ukraine. Zu diesem Zeitpunkt herrschte endlich Reisefreiheit. Dorthin zu reisen, war ja bis 1990 ohne ein riesiges Prozedere kaum vorstellbar.
Da höre ich heraus: Eine Straße oder Brücke in Ludwigshafen nach Gorbatschow zu benennen, halten Sie prinzipiell für eine gute Idee?
Da irren Sie sich nicht. Das habe ich auch in meinem Gutachten so geschrieben. Letztlich müssen das die Politiker in einem demokratischen Prozess entscheiden.
Was wäre der Charme einer solchen Würdigung im öffentlichen Raum?
Ludwigshafen bietet sich aus meiner Sicht eine massive Chance über die Person Helmut Kohl, den Vater der Einheit. Sein Name macht uns weltweit bekannt. Die Wiedervereinigung ist sein Vermächtnis, und ohne Gorbatschow wäre sie nicht möglich gewesen.
Da hatten noch andere ihre Hände im Spiel.
Natürlich haben auch ein George Bush senior, ein François Mitterrand und – etwas kritischer – eine Maggie Thatcher das Ganze begleitet. Aber die entscheidenden Weichen haben Gorbatschow und Kohl gestellt. Als ich von der Stadtverwaltung um eine Stellungnahme gebeten wurde, fand ich die Idee brillant. Dass die künftige und schon beschlossene Helmut-Kohl-Allee, also die neue Stadtstraße als Ersatz für die Hochstraße Nord, einmal auf eine Gorbatschow-Straße oder -Brücke führt, hätte für mich eine tolle Symbolik.
Das sehen nicht alle Fraktionen im Stadtrat so, weil sich Gorbatschow in seiner Zeit als Staatschef der Sowjetunion nicht nur mit Ruhm bekleckert beziehungsweise auch Dreck am Stecken hat.
Das ist zweifellos richtig. Aber da stelle ich die Gegenfrage: Welcher Mensch ist frei von Fehlern?
Wohl keiner. Aber es kommt ja auch darauf an, wie schwerwiegend und folgenreich die Fehler sind.
Gorbatschow kam als Generalsekretär der KPdSU an die Macht. Die vielen Verbrechen der Partei bis 1985 sind ihm kaum anzulasten. Ab 1986 hat er versucht, das System massiv zu reformieren. Nicht umsonst haben Hardliner versucht, ihn 1990 wegzuputschen.
Und der Vorwurf der Grünen im Rat, er sei für den Putsch in Litauen verantwortlich gewesen, also den Blutsonntag in Vilnius Anfang 1991?
Den halte ich an den Haaren herbeigezogen.
Warum?
Weil dort ein KP-Kader geputscht hatte, auf den er keinen Einfluss hatte. Gorbatschow war gegen eine Auflösung der Sowjetunion, aber er wollte ein demokratisches sozialistisches Land und ein Ende der stalinistischen Diktatur, wie sie bis 1985 geherrscht hat.
Ein Helmut Kohl, Stichwort schwarzer Koffer, war ja auch kein Engel.
Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich ein glühender Verfechter gewesen, eine Straße nach John F. Kennedy zu benennen. Wie wir alle wissen, war der damalige US-Präsident nicht nur lieb und nett. Er hatte viele Affären. Das war ein Problem für seine Frau, aber nicht für die Weltgeschichte. Jeder Mensch hat Sonnen- und Schattenseiten. Für mich ist es mit Blick auf eine Würdigung entscheidend, was diese Person für die Menschheit geleistet hat. Ich habe als junger Kerl auch für Che Guevara geschwärmt. Er hat vier Kinder in Kuba sitzen lassen, als er noch Bolivien gegangen ist. Dennoch ist er für viele, auch für seine Kinder, ein Held. Man muss das Kritische mit dem Positiven abwägen.
Also auch bei Kohl und Gorbatschow?
Ja. Bei der Auflösung der Sowjetunion hat Gorbatschow keine gute Rolle gespielt, und seine Position 2014 zur Annexion der Krim durch Russland war extrem schwach. Aber sagen Sie mir einen russischen Politiker, der das in der Öffentlichkeit damals anders beurteilt hätte, ohne zerrissen zu werden. Putins nüchternes Verhalten nach Gorbatschows Tod drückt die deutliche Distanz zwischen diesen Männern aus. Bei Kohl sehe ich die Lebensleistung, die Persönlichkeit und nicht die Spendenaffäre, obgleich sie ein schweres demokratisches Fehlverhalten war, das aber juristisch verfolgt worden ist. Das zeigt die Stärke unseres Systems. Ich halte Kohl und Gorbatschow wegen ihrer Lebensleistung für so wichtig, dass sich ihre Namen in einer Stadt wie Ludwigshafen widerspiegeln sollten.
Sie sind Mitglied der Straßenfindungskommission. Wie läuft das Prozedere einer Entscheidung ab?
Es gibt bisher noch keine Empfehlung, lediglich eine Debatte. Bisher ging es darum, ob die Stadt Straßennamen auch nach internationalen Persönlichkeiten benennen will, was ein Novum wäre. So wie ich den Stadtrat verstanden habe, gibt es dazu noch kein eindeutiges Votum. Wir sind in einem Entwicklungsprozess. Wenn man eine Gorbi-Straße will, dann braucht man dafür einen entsprechend repräsentativen Raum und keinen kleinen Weg irgendwo.
Es gibt auch Stimmen, die sagen, in der jetzigen Situation eines Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine kommt die Debatte über eine Namensgebung für einen ehemaligen Staatschef der Sowjetunion zur Unzeit. Wie sehen Sie das?
Ich bin Mitglied der ukrainischen Community. Darüber haben wir auch diskutiert. Da gibt es unterschiedliche Positionen, aber die meisten sind am Ende doch meiner Argumentation gefolgt. Die Ukraine ist unabhängig geworden am 24. August 1991. Das war auch eine Folge des Putschs gegen Gorbatschow. Das heißt: Ohne die von ihm eingeleiteten Reformen wäre es nicht so einfach gewesen fürs ukrainische Parlament, sich für unabhängig zu erklären. Was wir und ich kritisieren ist, dass Gorbatschow die Krim-Annexion nicht als politisches Verbrechen akzeptiert hat. Als KPdSU-Generalsekretär hat er den stalinistischen Apparat aufgelöst. Das sehe ich und das sieht auch die Community als positive Leistung.
Warum unterscheidet sich das Bild von Gorbatschow im Westen so fundamental von dem in seiner Heimat?
Das kann ich Ihnen nicht nur als Historiker erklären, sondern auch autobiografisch. Für meine Familie ist die Erinnerung an die Gorbatschow-Zeit die Zeit des in der Schlange Stehens wegen des Zusammenbruchs der Versorgung. Es wurde nicht erkannt, dass neben dem wirtschaftliche auch das politische System zusammengebrochen war. Die Menschen verbinden das mit der Kritik an Gorbatschow und nicht mit der Kritik am System. Das erschreckt mich ganz massiv. Da wird in der Rückschau ein verbrecherisches System glorifiziert und Gorbatschow für alles verantwortlich gemacht. Das ist höchst bedauerlich. Zumal Gorbatschow seit Lenin der erste KPdSU-Generalsekretär war, der auf der Straße gelaufen ist und sich nicht mit dicken schwarzen Limousinen durch die Gegend hat fahren lassen. Er war sehr volksnah. Er ist bei seiner Frau beerdigt und nicht an den riesigen Grabmälern am Kreml. Das sagt viel aus.
Und die Verehrung im Westen?
Hat nicht nur mit dem Fall der Mauer zu tun. Im Juni 1989 hat Gorbatschow vor über 10.000 Metallarbeitern in Dortmund eine bejubelte Rede gehalten. Neben der Begeisterung für die mögliche Deutsche Einheit gab es da eine Begeisterung für die Abrüstung und die Hoffnung einer Perspektive für einen demokratischen Sozialismus. Das haben wir heute in der Rückschau völlig verdrängt und denken immer nur an die „Gorbi, Gorbi“-Rufe. Für die Menschen in der damaligen DDR war Gorbatschow eine wichtige Leitfigur. Die wollten nicht unbedingt alle die Einheit, sondern eine demokratischere Gesellschaft.
Wann rechnen Sie mit einer politischen Entscheidung für oder gegen eine Gorbatschow-Straße?
Das hängt vom Tempo der weiteren Stadtplanung ab. Da haben wir noch einen längeren Prozess vor uns.
Und was sagen Sie denen, die kritisieren: Haben wir aktuell keine anderen Probleme, als über eine Gorbatschow-Straße zu diskutieren?
Dass eine demokratische Debatte auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten dazugehört. Man muss auch über den Tellerrand hinaus blicken. Als Großstadt muss sich Ludwigshafen entscheiden, ob sie sich auch ein internationales Flair geben oder sich auf die Stadtgeschichte begrenzen will. Solche Debatten sind wichtig.
Zur Person
Klaus Jürgen Becker, 59, ist in Bockenheim geboren, mit einer Ukrainerin verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt seit über 20 Jahren in Ludwigshafen. Seit 2006 ist der Historiker stellvertretender Leiter des Stadtarchivs, wo er seit 1997 tätig ist. Anfang Juli 2021 ist er für vier Jahre zum Stadtverbandsvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) gewählt worden.
Wie ist Ihre Meinung?
Sollte Ludwigshafen eine Gorbatschow-Straße oder -Brücke bekommen? Schreiben Sie uns per E-Mail an redlud@rheinpfalz.de.