Interview RHEINPFALZ Plus Artikel DGB: Aufklärung bei Amazon, Kampf gegen prekäre Jobs

„Da sind die Arbeitsverhältnisse – freundlich umschrieben – prekär“, sagt Klaus Jürgen Becker zu den Bedingungen im Frankenthale
»Da sind die Arbeitsverhältnisse – freundlich umschrieben – prekär«, sagt Klaus Jürgen Becker zu den Bedingungen im Frankenthaler Logistikzentrum des US-Onlineversandhändlers Amazon.

Klaus Jürgen Becker führt seit drei Wochen den Stadtverband des Deutschen Gewerkschaftsbunds – und hat viel vor. Den DGB will er aufrütteln, gegen prekäre Jobs vorgehen, Amazon-Beschäftigte besser aufklären und mehr Arbeitnehmer an Ludwigshafen binden. Von der Politik fordert er wie sein Kollege Rüdiger Stein baldige Reformen.

Herr Becker, warum ist ein Historiker wie Sie prädestiniert für den DGB-Chefposten in Ludwigshafen?
Becker: Aus zwei Gründen: Die acht Einzelgewerkschaften, die wir vertreten, kennen mich persönlich von Vorträgen und durch Artikel. Außerdem habe ich zum Teil die Lokalgeschichte dieser unterschiedlichen Gewerkschaften aufgearbeitet. Zweitens kann ich aufgrund meines historischen Wissens aktuelle Probleme relativ gut identifizieren und daher ganz konkrete Verbesserungsvorschläge machen.

Gutes Stichwort: Bei Ihrer Wahl sagten Sie, dass Ihnen die „Bewusstmachung gewerkschaftlicher Tradition“ ganz wichtig sei. Das hört sich so an, als ob man den Mitgliedern noch mal das Einmaleins der Gewerkschaftsarbeit beibringen müsste.
Becker: Das ist genau richtig formuliert. Früher war es so, dass Eltern und Großeltern in der Gewerkschaft organisiert waren und ihre Erfahrungen an Enkel oder Kinder weitergegeben haben. Heute sind die Eltern kaum noch in der Gewerkschaft und vermitteln in dieser Beziehung nichts mehr an die folgende Generation. Das ist das eine Problem.

Und das andere?
Becker: Die Bundesrepublik ist eine Wohlstandsgesellschaft, in der es für die Arbeitnehmer seit Jahrzehnten selbstverständlich war, dass sie einen Tarifvertrag erhalten – ohne dass man dafür einen großartigen Beitrag leisten muss. Diese Zeiten sind vorbei, weshalb ein Mehr an gewerkschaftlichem Engagement nötig ist. Das heißt: Wir brauchen wieder ein Mehr an Wir und ein gemeinsames solidarisches Handeln. Und: Die gewerkschaftliche Interaktion muss verstärkt werden. Wir stehen daher vor einem Neubeginn.

Die Corona-Krise hat die Arbeitswelt verändert. Sogenannte Minijobber, die auf 450-Euro-Basis arbeiten, gehören zu den Hauptverlierern. Wie kann der DGB ihnen helfen?
Becker: Die Menschen haben ja bisweilen drei oder vier Jobs gleichzeitig, um über die Runden zu kommen. Den Betroffenen muss man klarmachen, dass soziale Absicherungen nur zu erreichen sind, wenn sie sich in Gewerkschaften einbringen und mit uns an einem Strang ziehen. Das versuchen wir beispielsweise auch den Amazon-Beschäftigten zu erklären, deren schwierige Arbeitsverhältnisse einen großen Schwerpunkt für uns bilden. Das Beste wäre, wenn die Leute bereits in der Gewerkschaft sind, bevor sie einen Minijob beginnen. Das gibt Sicherheit und macht sie selbstbewusster in ihrem Auftreten. Das gilt auch für Reinigungskräfte oder Mitarbeiter anderer Branchen. Die wissen oft gar nicht mehr, was eine Gewerkschaft ist. Entsprechend ratlos sind sie, wenn Probleme auftauchen, weil sie keine Ahnung haben, an wen sie sich wenden können. Die Aufklärung beginnt über ein persönliches Gespräch. Solche Gespräche müssen wir als Gewerkschafter wieder häufiger führen.

Sie fordern Reformen von der Bundesregierung. Welche denn?
Stein: Wir haben speziell die Minijobs in den Blick genommen, weil wir in der Corona-Krise gesehen haben, dass das die ersten Leute waren, die entlassen worden sind. Diese prekärsten Beschäftigungsverhältnisse müssen künftig besser abgesichert, sprich: auf alle Fälle sozialversicherungspflichtig werden. Der zweite große Punkt ist die Sicherung der Renten, denn klar ist: Altersarmut wächst in Deutschland. Menschen im Alter müssen sich auf eine solide Rente verlassen können.

Aktuell sieht es so aus, als ob die nächste Bundesregierung von der CDU und den Grünen gestellt wird. Macht Ihnen diese Perspektive Hoffnung für die geforderten Reformen?
Becker: Ehrlich gesagt mache ich mir bei dieser Konstellation eher Sorgen. Wenn man etwa die steuerpolitischen Vorstellungen von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet sieht, dann sagt er ja schon ganz klar: Leistung soll sich lohnen.

Was gibt es daran auszusetzen?
Becker: Dass Laschet ignoriert, wer die Leistung in den vergangenen vier Jahren und speziell in der Corona-Zeit tatsächlich erbracht hat: Krankenschwestern, Pflegepersonal, Erzieherinnen oder Beschäftigte in Supermärkten. Gelohnt hat sich das bisher nicht für diese Gruppen, auch nicht im Öffentlichen Dienst. Da ist es eher kontraproduktiv, wenn Besserverdiener weitere Steuererleichterungen erhalten sollen. Konkrete Hilfe und Unterstützung brauchen doch die Menschen, auf deren Rücken die Pandemie lastet. Da erwarte ich mir von einer schwarz-grünen Regierung wenig.

Was wäre denn eine Wunsch-Regierung für die Gewerkschaften?
Stein: Wir als DGB sind überparteilich, schauen uns die Programme aber genau an und werden dazu auch alle Direktkandidaten befragen. Unsere Forderungen finden eher bei SPD, Linken oder Grünen Anklang. Von der Union würden wir uns wünschen, dass sie stärker auf Arbeitnehmerinteressen eingeht.

Werfen wir mal den Blick auf die größte Stadt der Pfalz mit ihren 110.000 Arbeitsplätzen. Wie beurteilen Sie die Lage in Ludwigshafen?
Becker: Das große Problem ist, dass sehr viele Menschen, die hier arbeiten, in die Stadt einpendeln. Unser Ziel muss es daher sein, wieder mehr Menschen mit sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen und höheren Einkommen an die Stadt zu binden. Das könnte Ludwigshafen tatsächlich wiederbeleben. Jeder kritisiert zurecht den Zustand der Stadt, verlässt sie dann aber wieder mit seinem Auto, mit Bus oder Bahn – von der BASF oder von einem anderen großen Arbeitgeber wie Vögele. Das kann nicht die Zukunft sein.

Ein anderer großer Arbeitgeber im benachbarten Frankenthal ist der US-Onlineversandhändler Amazon.
Becker: Da sind die Arbeitsverhältnisse – freundlich umschrieben – prekär. Hinzu kommt, dass die Kolleginnen und Kollegen dort häufig einen Migrationshintergrund haben und ihrer fehlenden Sprachkenntnisse wegen Probleme haben, sich über ihre Rechte zu informieren. Genau da setzen wir an. Wir haben angefangen, unter Amazon-Mitarbeitern Flugblätter in mehreren Sprachen zu verteilen, um ihnen zu vermitteln, was ihnen zusteht.

Wie ist Ihre Haltung zum umstrittenen Thema Impfpflicht?
Becker: Ich argumentiere da als Historiker. Die Arbeiterbewegung hat immer erheblich von Impfungen profitiert. Ein Mehr an Gesundheit führt zu einer besseren Lebensqualität während der Erwerbstätigkeit. Wir müssen wieder wegkommen von einer Gesellschaft der Bedenkenträger hin zu einer solidarischen Gesellschaft. Es geht um ein stärkeres Bewusstsein dafür, was nicht in erster Linie mir als Einzelperson nützt, sondern wovon die Gesellschaft insgesamt profitiert. Ich bin überzeugt davon, dass das Impfen der bessere Weg ist.

Stein: So sehe ich das auch. Am Besten ist es, die Menschen lassen sich freiwillig spritzen. Eine Impfpflicht sehe ich als Gewerkschafter kritisch, weil es arbeitsrechtlich doch sehr große Hürden gibt.

Becker: Wir stehen vor gesellschaftlichen Grundsatzentscheidungen, auch beim Klimaschutz. Solche Probleme können wir nur gemeinsam lösen. Wir müssen unsere Gewohnheiten und unsere Lebensweise hinterfragen: angefangen von Wohnungsansprüchen über den Autokauf bis hin zum Freizeitverhalten. So wie bisher kann es global gesehen nicht weitergehen.

Könnte die Corona-Pandemie auch eine Chance sein, das Ruder herumzureißen?
Stein: Auf alle Fälle. Jeder Politiker hat das Wort Solidarität während der Corona-Zeit in den Mund genommen. Ich hoffe, dass wir diese Solidarität und deren Bedeutung auch über die Pandemie hinaus schätzen und beherzigen.

Zur Person

Klaus Jürgen Becker, 58, ist in Bockenheim geboren, verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt seit 21 Jahren in Ludwigshafen. Seit 2006 ist der Historiker stellvertretender Leiter des Stadtarchivs, wo er seit 1997 tätig ist. Anfang Juli ist er für vier Jahre zum DGB-Stadtverbandsvorsitzenden gewählt worden.

Rüdiger Stein, 46, ist in Worms geboren und lebt in Frankenthal. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er ist DGB-Regionsgeschäftsführer für die Vorder- und Südpfalz, wo der DGB die Interessen von acht Mitgliedsgewerkschaften und von rund 87.000 Mitgliedern vertritt.

Führt den DGB-Stadtverband: Klaus Jürgen Becker.
Führt den DGB-Stadtverband: Klaus Jürgen Becker.
DGB-Geschäftsführer für die Region: Rüdiger Stein.
DGB-Geschäftsführer für die Region: Rüdiger Stein.
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