Kirrweiler
Verschwundenes Wasserschloss in der Pfalz: Wie es ausgesehen haben könnte
Schlossgarten, Schlossweiher, Schloss-Straße: In Kirrweiler weisen etliche Namen auf ein Schloss hin. Touristen und Neubürger mag das verwirren, die meisten Einheimischen wissen, dass es in Kirrweiler einmal ein Schloss gab – ein Wasserschloss, das in den Kriegen nach der Französischen Revolution zerstört wurde. Doch wo genau lag es eigentlich und wie sah es aus? Gerade bei der Frage nach dem Aussehen müssen vermutlich alle passen. Es gibt zwar eine Zeichnung von der Schloss-Anlage, doch dass diese die historische Wirklichkeit abbildet, galt schon bisher als fraglich, und ist mittlerweile noch unwahrscheinlicher geworden. Wie das Schloss wirklich einmal ausgesehen haben könnte, zeigt der Heimat- und Kulturverein zusammen mit der Firma Argo Edutainment Solutions GmbH und der Gemeinde bei der Präsentation einer virtuellen Rekonstruktion des Schlosses am 18. Juni.
Argo ist ein junges Unternehmen, an dem Archäologen der Universität Trier beteiligt sind. Ihr Ziel ist es, das kulturelle Erbe sichtbar zu machen. Das Team erstellt 3D-Modelle, die mit einer App die Orte der Vergangenheit zu neuem Leben erwecken. Die Firma ist 2023 bei einem Netzwerktreffen der sogenannten Kuladig-Kommunen vorgestellt worden, also der Kommunen, die an dem rheinland-pfälzischen Projekt „Kultur, Landschaft, Digital“ beteiligt sind. Dabei werden wichtige historische Orte und Objekte digital erfasst und die Informationen dazu einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bei dem Treffen 2023 war auch Kirrweiler vertreten, das sich zwei Jahre zuvor mit dem Thema „Unterm Krummstab lässt’s sich gut leben“ zur Modellkommune geworden war.
Symbol für Herrschaft der Kirche
Das historische Sprichwort wurde deshalb als Motto ausgewählt, weil der Krummstab als bischöfliches Hirtenamtssymbol für die Herrschaft der Kirche steht, und Kirrweiler einst Oberamt im Hochstift Speyer war. Die Fürstbischöfe von Speyer kamen im Sommer gerne und residierten dann im Wasserschloss. Die Kirrweilerer Kuladig-Gruppe hat mittlerweile elf Beiträge zu Objekten veröffentlicht, die meisten – beispielsweise der Edelhof oder das Schlössel – sind Relikte aus der fürstbischöflichen Zeit und waren einst Teil der Nebenanlagen des ehemaligen Wasserschlosses.
Für eine virtuelle Rekonstruktion des Schlosses fehlte zunächst das Geld. Dies änderte sich durch die Bildung der EU-Förderregion „Vom Rhein zum Wein“ (Leader-Programm), zu der auch Kirrweiler gehört. Damit eröffnete sich ein neuer Fördertopf und ein Weg zur Umsetzung der 3D-Rekonstruktion, wie Christine Dawson-Erasmy, Leiterin des i-Punktes in Kirrweiler und Mitglied im Heimat- und Kulturverein, berichtet.
Nur ganz wenige Daten
Das Problem bei der Sache: Es war – und ist – wenig bekannt über das Schloss. Am Anfang gab es nur ganz wenige Daten: 1280 – die erste urkundliche Erwähnung des Schlosses, 1792 – seine Zerstörung und schließlich 1803 – die Versteigerung des Grundstücks, aufgeteilt in drei Parzellen. Das einzige, was von der Schloss-Anlage geblieben ist, ist die fürstbischöfliche Schaffnerei, das Schlössel, das noch heute in Privatbesitz ist. Darüber hinaus gibt es einige Grundrisse.
Der Weg der Projektverantwortlichen der Firma Argo führte zunächst ins Landesarchiv nach Speyer. Was den Fachleuten schnell klar geworden ist, ist, dass die bekannte Zeichnung des Schlosses nicht das wirkliche Aussehen wiedergibt. Denn der Turm, der auf der Zeichnung außen am Gebäude ist, war laut der Grundrisse innen. Bei ihren Recherchen sei die Firma auf einen weiteren, bisher unbekannten Grundriss von etwa 1720 gestoßen, der klar belege, dass das Schloss umgebaut wurde, und somit in seiner Geschichte zwei Phasen unterschieden werden müssen, berichtet Dawson-Erasmy. Bei dem Umbau sei die ursprüngliche hohe Mauer abgerissen worden. Außerdem sei ein neuer repräsentativer Zugang vom Ortskern her entstanden. Zuvor war das Schloss lediglich von einer Wirtschaftsinsel her zu erreichen – das war der zweite Teil der Anlage neben dem eigentlichen Schloss.
Vergleichbare Burgen angeschaut
Die Archäologen haben sich auch intensiv mit vergleichbaren Burgen beschäftigt, vor allem mit der Wasserburg Seligenstadt (Hessen), der Burg Gemen (Borken, Nordrhein-Westfalen) und der Burg Vischering (Lüdinghausen, ebenfalls NRW). Auf der Grundlage all dieser Informationen seien dann mit einer 3D-Grafiksoftware die Modelle erstellt worden, sagt Dawson-Erasmy.
Das Waserschloss wird künftig aus zwei Perspektiven zu sehen sein. Genau an den Stellen, von denen aus dieser Blick einst möglich war, wird es Info-Tafeln geben, die über eine App den Blick auf die virtuelle Burg freigeben.
Mehr wollen die drei Frauen, die von Seiten des Heimat- und Kulturvereins sowie der Gemeinde (i-Punkt) die treibenden Kräfte bei dem Projekt waren, derzeit nicht verraten. Neben Dawson-Erasmy waren das Eva Muffang und Karin Anthes-Seifert. „Es muss spannend bleiben bis zur Präsentation“, betont Dawson-Erasmy.
Was sich die drei indes immer häufiger fragen, ob es sich „unterm Krummstab“, also unter den Fürstbischöfen, wirklich gut lebte. Schließlich gebe es keine Hinweise darauf, dass es gegen den kompletten Abriss des Schlosses irgendeine Art von Protest gab. In der Folge wurde es dann gerne als Steinbruch verwendet. So findet sich heute noch an einem Fachwerkhaus in der Hauptstraße ein Zierstein, eine sogenannte Volute, der einst im Schloss verbaut wurde.
Termin
Die virtuelle Rekonstruktion des Wasserschlosses wird am Donnerstag, 18. Juni, um 18 Uhr im Edelhof vorgestellt.