Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Leiterin will Bücherei als Erlebnisort gestalten

Virtuelle Realität, Roboter, Smartboards: die Stadtbücherei will junge und alte Besucher fit für die digitale Welt machen.
Virtuelle Realität, Roboter, Smartboards: die Stadtbücherei will junge und alte Besucher fit für die digitale Welt machen.

Lesestoff gibt es natürlich in der Welschgasse immer noch jede Menge. Aber in 100 Jahren Bestehen hat sich das Angebot der Stadtbücherei Frankenthal deutlich verändert. Leiterin Christine Wieder spricht im Interview mit Sonja Weiher über Ideen für die Zukunft und die Arbeit hinter den Kulissen.

Zum Jubiläum konnten Kinder ihre Traumbibliothek gestalten. Was wäre Ihr persönlicher Wunschtraum?
Ein lebendiger Ort mit vielen Erlebnismöglichkeiten, ein Anlaufpunkt für Menschen, sei es als Treffpunkt, als Ort zum Lernen, um Technik zu nutzen, die sie zuhause nicht haben, oder als ein dynamisches Zentrum für Medienbildung und Leseförderung.

Vieles davon ist doch schon Alltag in der Welschgasse, oder?
Klar, wir sind schon auf dem Weg. Aber es gibt noch großes Potenzial. Etwa die Frage, wie man eine gute Lernumgebung gestaltet, oder welche Technik man zur Verfügung stellt.

Bei dem Stichwort Potenzial denke ich an das Gebäude, das inzwischen 40 Jahre alt ist. Wo gibt es hier Veränderungsbedarf?
Wir gehen ja vieles nach und nach an, gerade, was die Innenausstattung angeht. Im Dezember haben wir beispielsweise eine Woche geschlossen, weil eine barrierefreie Eingangstür eingebaut und der Eingangsbereich attraktiver gestaltet wird. Unsere alten Rollregale für Sachbilderbücher haben wir jetzt nach 40 Jahren intensiver Nutzung ausgetauscht. Das verbinden wir mit dem Aufbau eines Mint-Bereichs für Kinder, in dem naturwissenschaftliche Kompetenzen gestärkt werden sollen.

Nicht nur in Jubiläumsjahren bekennen sich Politik und Stadt immer wortreich zur Stadtbücherei. Wie schwierig wird es, wenn es um konkrete, finanzielle Unterstützung geht?
Oft ist das relativ unkompliziert. Für die barrierefreie Eingangstür hat es letztlich eine E-Mail gebraucht. In der Corona-Pandemie gab es durch Förderprogramme tolle finanzielle Unterstützung. Dadurch haben wir zum Beispiel die Selbstverbuchungsanlagen angeschafft, die unseren Alltag sehr erleichtern – und ab November für eine Verlängerung der Öffnungszeiten sorgen. Zehn Laptops für Büchereinutzer, 20 Tablets für medienpädagogische Aktionen, ein Smartboard: Wir hatten zuletzt wirklich tolle finanzielle Möglichkeiten.

Gibt es trotzdem ein Herzensprojekt im Team, das noch nicht realisiert werden konnte?
Das ist natürlich immer eine Frage der Prioritäten. Alles gleichzeitig lässt sich nicht umsetzen. Eine Bibliothek der Dinge, also eine Möglichkeit, sich hier Werkzeuge, Instrumente oder andere Sachen auszuleihen, deren Anschaffung sich für eine Privatperson alleine nicht lohnt: Darüber haben wir schon häufig im Team diskutiert.

Das Jubiläum hat die Stadtbücherei mit etlichen Veranstaltungen gefeiert. Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Unsere beiden zentralen Veranstaltungen waren ja ein Festakt mit einem spannenden Vortrag des niederländischen Architekten und Innendesigners Aat Vos und der Tag der offenen Tür mit mehr als 650 Besucherinnen und Besuchern. Viele von ihnen haben uns erzählt, was die Bücherei ihnen bedeutet. Und es waren auch viele Menschen zum allerersten Mal bei uns. Das war ein richtig toller, kurzweiliger Tag.

Aat Vos hat beim Festakt Zukunftsvisionen für Bibliotheken entworfen. Was haben Sie für Frankenthal mitgenommen?
Wie kann man die Bücherei als öffentlichen Ort noch attraktiver gestalten? Wie kann sie zum Erlebnisort werden? Da haben wir einiges mitgenommen und sind schon auf dem Weg, Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Ein weiteres Thema des Architekten, der 2021 vom Bibliotheksverband für sein Engagement ausgezeichnet wurde: Büchereien als Orte in der Stadt zu etablieren, wo man ohne Konsumzwang sein kann. Könnte das mit Blick auf steigende Energiepreise diesen Winter auch hier ein zentraleres Thema werden – sprich: Leute bleiben länger, um zuhause weniger heizen zu müssen?
Wir fragen ja Besucher nicht, warum sie zu uns kommen. Aber als Aufenthalts- und Lernort, aber auch als Treffpunkt hat sich unsere Bücherei schon etabliert. Jetzt wird man sehen, wie sich das im Winter entwickelt.

Allerdings wird in öffentlichen Gebäuden die Temperatur auf 20 Grad gedrosselt. Auch in der Bücherei?
Ja.

Nutzer empfinden das Angebot einer Bücherei oft als selbstverständlich. Doch was steckt an Arbeit dahinter?
Es ist wie überall: Hinter jedem Angebot steckt eine Menge Arbeit. Jede Veranstaltung, jede Aktion zur Leseförderung muss geplant, jedes Medium gesichtet, bestellt und eingearbeitet, jede Rechnung muss abgeheftet werden. Zentral für uns sind die Kooperationen mit anderen Institutionen, die wir pflegen. In der Corona-Zeit haben wir angefangen, verstärkt in Grundschulen und Kindertagesstätten zu gehen. Und nicht zuletzt müssen wir Menschen immer wieder auf unser Angebot aufmerksam machen.

Zur Person

  • Christine Wieder (39) leitet die Stadtbücherei Frankenthal seit Frühjahr 2017, vorher war sie zwei Jahre lang stellvertretende Leiterin. In der Einrichtung in der Welschgasse sind derzeit 15 Mitarbeiterinnen und eine Auszubildende beschäftigt, eine Stelle ist vakant.
  • Ab 7. November gelten folgende, verlängerte Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr, Samstag, 10 bis 15 Uhr.

100 Jahre Bestehen feiern Leiterin Christine Wieder (links) und Stellvertreterin Gabriele Kölling mit ihrem Team. Hier mit OB Ma
100 Jahre Bestehen feiern Leiterin Christine Wieder (links) und Stellvertreterin Gabriele Kölling mit ihrem Team. Hier mit OB Martin Hebich (CDU) am Tag der offenen Tür.
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