Frankenthal
Von der Kassette zum Streaming: Bücherei im Wandel
Hörbücher, die gab es bereits in den 1980er-Jahren, als Andrea Henn-Gangnus als junge Bibliothekarin in Frankenthal anfing. Allerdings war das sehr kleine Sortiment mit dem Titel „Schumm sprechende Bücher“ damals ein absolutes Nischenprodukt und ausschließlich für Blinde gedacht. Von Sehenden seien die Kassetten nicht genutzt worden, erinnert sich die 59-Jährige. Heute sind die zum Teil aufwendig produzierten Hörspiele fester – und beliebter – Bestandteil des Medienangebots in der Welschgasse. Sei es als CD oder im Streaming per Onleihe. Bei Kindern gibt es bereits den nächsten Trend: „Tonies lösen bei den Kleineren die CD ab“, sagt Henn-Gangnus. Seit etwa sechs Jahren sind die würfelförmigen Abspielgeräte, bei denen die Geschichten und Lieder auf einer kleinen Plastikfigur gespeichert sind, auf dem Markt – und auch in Frankenthal sehr beliebt.
Wie stark der technische Wandel das Medienangebot der Bücherei beeinflusst, zeigt auch die Entwicklung im Filmbereich. Erst ab dem Jahr 2000 und auch nur für acht Jahre gab es einen Leihbestand an Videokassetten. Anfangs seien das hauptsächlich Kinderfilme und Literaturverfilmungen gewesen. „Blockbuster gab es nicht“, sagt Henn-Gangnus. Schon drei Jahre später kamen DVDs dazu – gegen Widerstände aus der Kommunalpolitik, wie sich die Bibliothekarin erinnert. Das Argument: „Die Bücherei ist zum Lesen da.“ Über das Landesbibliothekszentrum habe man sich damals an einem Leihzirkel beteiligt.
Beruf hat sich verändert
Während die Gremien skeptisch waren, sei die Resonanz bei den Nutzern eindeutig gewesen. „Die DVD-Ausleihe war immer unglaublich stark“, sagt die Bibliothekarin und verweist auf bis zu 40 Ausleihen pro Exemplar im Jahr, während bei Büchern der Schnitt bei acht bis zehn Buchungen gelegen habe. Mit dem Aufkommen des Streamings, also der gleichzeitigen Übertragung und Wiedergabe von Video- und Audiodaten über ein Rechnernetz per Datenstrom, habe auch die Frankenthaler Bücherei eine deutlich sinkende Nachfrage gespürt. Seit gut zwei Jahren können Nutzer auf ein bibliothekseigenes Streamingangebot von Filmen und Musik zugreifen.
Trotzdem sind Hauptbestand der Bücherei immer noch Bücher, wie Bibliothekarin Natalie Kensche betont. Die 38-Jährige arbeitet seit zehn Jahren im Team in der Welschgasse. Allerdings habe sich das Berufsbild grundlegend gewandelt. „Wie man Bücher benutzt, weiß jeder. Bei neuen Medien ist das nicht zwingend der Fall“, sagt sie. Informieren, erklären, begleiten: Das sind inzwischen wichtige Aufgaben des Teams. Wissensvermittlung für das Leben in einer digitalen Welt werde heute von Bibliotheken erwartet. Doch oft wüssten Frankenthaler gar nicht, was es überhaupt gibt. „Bei uns kann man Sachen ausprobieren, ohne sie gleich kaufen zu müssen“, wirbt Kensche für das breite Leihangebot von Minirobotern zum Programmieren für Kinder bis zum E-Book-Reader.
Digitale Stifte lesen vor
Letztlich habe das Internet auch den Buchmarkt selbst stark verändert, sind sich die beiden Fachfrauen einig. Wer heute Informationen brauche, der wälze keine Enzyklopädie mehr. Neben Romanen seien inzwischen auch aufwendig gestaltete Sachbücher, insbesondere im Kreativbereich, gefragt. Besonders deutlich sei der Wandel bei Kinderbüchern, sagt Henn-Gangnus. Mit elektronischen Stiften können sich die Kleinen inzwischen Texte vorlesen lassen, Rätsel lösen und Lieder anhören. Kensche und Henn-Gangnus sehen solche Entwicklungen entspannt. „Auch digitale Bücher sind Bücher“, betonen sie.
Die Serie
Seit 100 Jahren können sich Frankenthaler in einer städtischen Bücherei mit Lektüre versorgen. Wir stellen in dieser Serie das Haus, die Menschen, die es prägen und die Entwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte vor.