Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Stadtbücherei: Ehrenamtliche und ihre Jobs

War 22 Jahre lang der Hahn im Korb in einem Frauen-Team: Hans-Friedrich Engler (91), Ehrenamtlicher in der Stadtbücherei Franken
War 22 Jahre lang der Hahn im Korb in einem Frauen-Team: Hans-Friedrich Engler (91), Ehrenamtlicher in der Stadtbücherei Frankenthal.

Popel von Seiten kratzen, Bücher einsortieren, Tulpen gießen: Bei seiner Arbeit kann das Team der Stadtbücherei Frankenthal auf die Hilfe von Ehrenamtlichen zählen. Wir stellen hier einen Ehemaligen und zwei Aktive vor. Alle drei sagen: Es ist eine Aufgabe, die Freude macht.

22 Jahre lang hat Hans-Friedrich Engler jeden Donnerstag die ramponierten Bücher in der Frankenthaler Stadtbücherei wieder hergerichtet. Nasenpopel, Kaugummi und Kritzeleien, zerfledderte Seiten und aufgebrochene Buchrücken waren dabei längst nicht das einzige Übel, dem der Senior mit handwerklichem Geschick zu Leibe rückte. Weil Nutzer immer wieder die falschen Münzen in den Schlitz steckten, musste Engler fast jede Woche einen der Schränke in der Garderobe reparieren. „Ständig war was kaputt.“ Beim Wechsel von D-Mark zu Euro habe er den Schließmechanismus mit einem eigenen Patent umgestellt, erinnert sich der 91-Jährige, der bis zu seinem Ausscheiden vor vier Jahren sicher der dienstälteste Ehrenamtliche im Team in der Welschgasse gewesen sein dürfte.

50 Buchreparaturen pro Schicht

Nach seiner Pensionierung hatte der Industriekaufmann, der sich neben der Bücherei auch im Kunsthaus und im Erkenbert-Museum engagierte, eine sinnvolle Aufgabe gesucht. Schon einen Tag nach seinem Anruf beim damaligen Oberbürgermeister sei es losgegangen. „Die Bücher waren in einem schlechten Zustand“, erzählt Engler. Und das Material zum Kleben sei längst nicht so gut wie heute gewesen. Anleitung für sein Ehrenamt holte sich der Frankenthaler bei Experten im Landesbibliothekszentrum – und entschied sich letztlich doch für seine eigene Methode. „Wenn ich das so gemacht hätte, wäre ich nie fertig geworden“, sagt der 91-Jährige. 40 bis 50 Bücher habe er sich in seinem Dienst zwischen 8 und 14 Uhr vorgenommen.

Hans-Friedrich Engler mochte seine Aufgabe. „Es hat mir immer Spaß gemacht.“ Schon mittwochs habe er sich auf den Einsatz gefreut. Dass er, als seine Frau erkrankte und er selbst Probleme mit dem Knie bekam, keinen Nachfolger hat, bedauert der Frankenthaler.

Lektüre-Entdeckungen beim Einsortieren

Auch die ehemalige Grundschullehrerin Maria Lutz (70) wollte sich in ihrem Ruhestand für die Allgemeinheit engagieren. Die Frankenthaler Bücherei kannte sie noch von einem Ferienjob in Studienzeiten – auch wenn die Einrichtung damals noch im Rathaus untergebracht war. Immer montags sortierte Lutz in der Anfangszeit die zurückgegebenen Medien vom Wochenende in die Regale der Erwachsenenabteilung ein. Dabei habe sie viele ehemalige Schüler und Bekannte getroffen, erzählt Lutz. Seit sie ihren Einsatz auf Mittwoch, wenn die Bücherei geschlossen ist, verlegt hat, ist die 70-Jährige häufig allein in den Räumen. Immer wieder entdecke sie bei ihrer Arbeit auch Lektüre für sich selbst.

Als Pädagogin sei sie überrascht, dass trotz digitaler Alternativen immer noch viele Sachbücher und Schullektüre entliehen würden. Klassiker und Biografien sind nach ihrer Beobachtung immer gefragt, in der Corona-Zeit seien die Themen Kochen, Basteln und Nähen dazugekommen. Auch mit den Flüchtlingen aus Eritrea und der Ukraine, die sie betreue, komme sie gerne in das gut sortierte Haus, sagt Lutz. Über ihr Ehrenamt in der Welschgasse sagt sie: „Ich möchte es nicht missen und hoffe, dass ich es noch lange ausüben kann.“

Leseterrasse als Experimentierfeld

„Leute mit grünem Daumen gesucht“: Von diesem Aushang in der Stadtbücherei fühlte sich Ursula Moulliet direkt angesprochen. Seit nunmehr sechs Jahren kümmert sich die ehemalige Chemielaborantin gemeinsam mit einer zweiten Ehrenamtlichen um die Pflanzen auf der Leseterrasse. 26 Kübel, jeder ein Quadratmeter groß, das ist die Spielwiese der beiden. Bei der Auswahl der Pflanzen haben Moulliet und ihre Mitstreiterin freie Hand. Der Förderverein stelle dafür jährlich 200 Euro zur Verfügung. Je nach Jahreszeiten blühen auf der Terrasse dann Tulpen und Narzissen, Hortensien und Flieder oder auch Christrosen.

Auch in ihrer Zeiteinteilung ist Moulliet innerhalb der Öffnungszeiten der Bücherei frei. Im Sommer müsse sie allerdings schon zwei- bis dreimal pro Woche zum Gießen vorbeischauen. Die 63-Jährige freut sich, wenn sie mit Schülern, die die Terrasse zum Lernen nutzen, und anderen Besuchern ins Gespräch kommt. Immer wieder gebe es dabei Komplimente für ihre Arbeit. Wenn beispielsweise die Forsythie geschnitten werden muss, holen die beiden Ehrenamtlichen sich Rat in der Fachliteratur, nur wenige Meter von ihrem grünen Arbeitsplatz entfernt. Hier würde man sich über professionelle Unterstützung und Weiterbildungsangebote, etwa durch die Stadtgärtnerei freuen, sagt Moulliet. Die Frankenthalerin, die zu Hause einen Balkon hat, sagt: „Die Leseterrasse ist mein Garten und mein Experimentierfeld.“

Die Serie

Seit 100 Jahren können sich Frankenthaler in einer städtischen Bücherei mit Lektüre versorgen. Wir stellen in dieser Serie das Haus, die Menschen, die es prägen und die Entwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte vor.

Zur Sache

Aktuell engagieren sich acht Ehrenamtliche regelmäßig in der Stadtbücherei bei der Medienrücksortierung, bei Veranstaltungen wie dem Café Wolle, Miteinander reden und Kinderbasteln sowie bei der Pflege der Pflanzen auf der Dachterrasse. Auch bei den Lesesommer-Interviews haben laut Gabriele Kölling von der Bücherei acht bis zehn Ehrenamtliche geholfen. Allerdings fiel diese Aktion 2020 und 2021 wegen der Pandemie aus. Ebenfalls Corona zum Opfer fiel die jährliche Dankeschön-Feier der Bücherei für ihre Helfer. Stattdessen habe es kleine Geschenke gegeben. Wer eine Aufgabe in der Stadtbücherei übernehmen will, kann sich unter Telefon 06233 89643 melden.

Maria Lutz (70) sorgt dafür, dass auch der nächste Nutzer das Buch an der richtigen Stelle im Regal findet.
Maria Lutz (70) sorgt dafür, dass auch der nächste Nutzer das Buch an der richtigen Stelle im Regal findet.
„Die Leseterrasse ist mein Garten“, sagt Ursula Moulliet (63), die sich ehrenamtlich um die Bepflanzung kümmert.
»Die Leseterrasse ist mein Garten«, sagt Ursula Moulliet (63), die sich ehrenamtlich um die Bepflanzung kümmert.
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