Frankenthal
Stadtbücherei: Von der Karteikarte zum Chip
Was war das für ein Aufwand, wenn ein Buch neu angeschafft worden war. Bis 1982, als mit dem Umzug der Stadtbücherei in den Neubau in der Welschgasse Computer angeschafft wurden, musste jeder Titel akribisch per Schreibmaschine auf Kärtchen katalogisiert werden: Titel, Verfasser, Schlagwort, Standort im Regal, alphabetisch geordnet. Mit dem Ubik-Katalogkartenkopierer wurde das Getippte dann vervielfältig und in verschiedene Holzschubladen einsortiert, erinnert sich Heike Nickel, die 1981 ihre Ausbildung als Verwaltungsangestellte noch im Altbau der Bücherei im Rathaus begann und der Einrichtung bis heute treu ist. Neben zahlreichen Arbeiten im Hintergrund ist die 58-Jährige Besuchern auch durch ihre Thekendienste bekannt.
Fast ebenso aufwendig wie das Einpflegen neuer Bücher war das Mahnverfahren, wie sich Karin Neitzel erinnert. Die 65-Jährige hatte zunächst bei der Bank gearbeitet, bevor sie 1978 zum Team der Stadtbücherei kam. Ihr Schwerpunkt: technische Arbeiten wie das Einbinden der Bücher und die Vorbereitung für die Erfassung. Hatte ein Leser sein Buch nicht rechtzeitig abgegeben, musste Neitzel zuerst die gestempelte Buchkarte raussuchen. Anhand einer Leserkarte wurde dann die Anschrift ermittelt und per Post ein Mahnschreiben versandt. Anschließend mussten alle Karten wieder fein säuberlich einsortiert werden. „Das war viel Arbeit“, sagt Neitzel.
„Angst, der Computer fällt aus“
Und noch eine Sisyphosarbeit hat die Büchereimitarbeiterin gut in Erinnerung. Vor dem Umzug in die Welschgasse, der im Vergleich zu den beengten, schlecht isolierten Räumen im Rathausanbau ein echter Gewinn gewesen sei, musste sie den kompletten Bestand im Computer erfassen. Wochenlang saß die junge Frau mit einer Kollegin alleine im fast fertigen Neubau. Die damalige Leiterin der Stadtbücherei habe noch lange die alten Zettelkataloge aufbewahrt, „aus Angst, der Computer fällt aus“.
In der modernen Bibliothek habe zu Beginn der 1980er-Jahre auch eine völlig andere Atmosphäre geherrscht. So gab es beispielsweise auf den Treppen im heutigen Kinderbereich Kopfhörer, die von der Theke aus gesteuert wurden. Alle paar Minuten musste teilweise für den wechselnden Geschmack der jungen Nutzer eine neue Kassette eingelegt werden, erinnern sich Neitzel und Nickel. „Das war der Knaller.“ Statt ehrfürchtiger Stille habe manchmal eine Geräuschkulisse wie auf dem Spielplatz geherrscht. Überhaupt sei die Bücherei früher eher ein Ort gewesen, an dem sich Kinder und Jugendliche gerne ohne die Eltern trafen. Und bestimmte Bücher für ein Referat, die gab es eben auch nur in der Welschgasse.
Teamarbeit auf Augenhöhe
Während es früher eine strenge Hierarchie gegeben habe, schätzen die beiden Mitarbeiterinnen heute das kollegiale Miteinander. Nickel erinnert sich noch an den Rüffel, als sie, mit 19 Jahren die Jüngste im Kollegenkreis, für eine Leserin ein Buch aus dem Regal holen wollte. „Das ist nicht deine Aufgabe“, habe sie die Vorgesetzte damals gerügt. „Die Bibliothekare hatten zu jener Zeit das Sagen.“ Heute sei das gesamte 16-köpfige Team nicht nur bei Besprechungen, sondern auch bei Exkursionen fest eingebunden. Neben drei Bibliothekarinnen arbeiten in der Welschgasse eine Medienpädagogin, eine Kindheitspädagogin, fünf Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, drei Verwaltungsangestellte, zwei technische Mitarbeiterinnen und eine Auszubildende. Dass sie über die langen Jahre Kinder aufwachsen sahen, die heute mit ihrem eigenen Nachwuchs in die Bücherei kommen, schätzen die Frauen. Einen anderen Beruf hätten sie nie gewollt, sagen Nickel und Neitzel.
Die Serie
Seit 100 Jahren können sich Frankenthaler in einer städtischen Bücherei mit Lektüre versorgen. Wir stellen in dieser Serie das Haus, die Menschen, die es prägen und die Entwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte vor.