Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kita-Krise: Wie sich Personalmangel in Praxis auswirkt

 Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen: Etliche Plätze in Kitas der Region bleiben frei, weil Erzieher und Erzieheri
Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen: Etliche Plätze in Kitas der Region bleiben frei, weil Erzieher und Erzieherinnen fehlen.

Lange Wartelisten, Aufnahmestopp, weil offene Erzieherstellen monatelang nicht besetzt werden können, zu wenig Platz für Mittagessen und Förderangebote : Alltag in den Kindertagesstätten der Region. Die Herausforderungen in Speyer, Frankenthal und Ludwigshafen sind unterschiedlich. Doch ein Problem gibt es in allen Städten.

80 Plätze für Kinder ab drei Jahren gibt es im Waldorfkindergarten in Frankenthal. Doch nur 48 sind im Moment belegt. Der Grund: Es fehlt Personal. „Wir könnten noch drei Vollzeitkräfte einstellen“, sagt Verwaltungsleiterin Sandra Döring. 100 Kinder aus der gesamten Region – von Worms über Ludwigshafen, den Rhein-Pfalz-Kreis bis nach Bad Dürkheim und Neustadt – stehen in der Einrichtung in Trägerschaft des Waldorfschulvereins auf der Warteliste.

Das pädagogische Profil dieser Kita mag besonders sein, ihr Personalproblem ist es nicht. „Auf dem Markt gibt es keine Erzieher“, bestätigt Lena Schuff, Verwaltungsleiterin im protestantischen Kirchenbezirk Frankenthal. Vakanzen, neben unbesetzten Stellen sind häufig Langzeiterkrankungen und Schwangerschaften der Grund dafür, haben dazu geführt, dass von September bis November keine neuen Kinder aufgenommen wurden. 40 der 250 Betreuungsplätze in den drei Kitas sind im Moment noch ungenutzt.

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Kitas: So geht’s nicht weiter

Nicole Daniel, Leiterin der katholischen Kita im Frankenthaler Vorort Mörsch, verweist noch auf ein weiteres Problem. Durch das neue Kita-Gesetz habe die Einrichtung eine halbe Stelle zusätzlich bekommen. Doch fast 15 Monate lang habe man keine Erzieherin gefunden. Wenn dann noch Kolleginnen krank ausfielen, musste die Kita die Öffnungszeiten einschränken.

Frankenthal: 540 Kinder auf Warteliste

„Die Lage ist besorgniserregend“, hatte der zuständige Dezernent Bernd Leidig (SPD) im Sommer im Jugendhilfeausschuss gewarnt. Denn neben dem Personal fehlt vielerorts auch Platz. Doch Planung und Realisierung von Neu- und Umbauten ziehen sich in die Länge. Über 400 zusätzliche Betreuungsplätze sollen in den kommenden Jahren geschaffen werden, unter anderem durch Neubauten am Ostparkstadion und im Nachtweideweg. Schon jetzt können rund 200 Plätze wegen Personalmangel nicht genutzt werden. Nicht zu bauen ist angesichts neuer gesetzlicher Anforderungen, etwa den Anspruch auf eine durchgehende siebenstündige Betreuung inklusive Mittagessen, allerdings keine Option.

478 Kinder werden derzeit in Frankenthal durch Einrichtungen Freier Träger betreut, 1247 in städtischen Kitas. Dazu kommen 59 belegte Plätze in der Tagespflege. Die Wartelisten für einen Betreuungsplatz sind lang. Eltern von 40 Unter-Zweijährigen und fast 500 Über-Zweijährigen hoffen auf eine Zusage. Stand Mittwoch waren 27 Erzieherstellen vakant. Die Entwicklung ist nach Darstellung der Stadt sehr dynamisch, immer wieder fallen Kollegen wegen Mutterschutz, Elternzeit oder Krankheit aus. Eingestellt werde quasi ständig. Doch Jan Kardaus, Chef des Fachbereichs Familie, Jugend und Soziales, hatte im Sommer berichtet: „Wir haben auf offene Stellen schlicht zu wenig bis gar keine Bewerbungen.“ Und auch der Fachkräfte-Nachwuchs fehlt. In allen 19 Kitas der Stadt könnten angehende Erzieher ihr Anerkennungsjahr absolvieren. Acht Plätze sind derzeit vergeben. Bei der Suche nach pädagogischem Fachpersonal sieht sich Frankenthal in einem „Konkurrenzkampf der Kommunen“, wie Dezernent Leidig es wiederholt ausgedrückt hatte.

Ludwigshafen: Millionen für Neubauten

Der Kita-Neubau an der Ecke Berliner/Wörthstraße wurde direkt neben der zukünftigen Baustelle der Hochstraße Süd auf einem ehemaligen Spielplatz hochgezogen. Baustart war Anfang Januar 2020. Im vergangenen Dezember wurde die Einrichtung nach Angaben der Verwaltung in Betrieb genommen. Aber zunächst nur mit zehn Plätzen. Bis zum Frühjahr sollen insgesamt 45 Kinder aufgenommen werden. Mehr geht vorerst nicht, weil Erzieherinnen fehlen. Im Laufe dieses Jahres soll der 3,8 Millionen Euro teure Bau auch noch offiziell eingeweiht werden. Das Projekt ist nur eins von vielen. Denn in der Chemiestadt warten seit Jahren viele Familien auf Betreuungsplätze für ihre Kleinkinder.

Knapp sechs Millionen Euro hat die mit knapp 1,5 Milliarden Euro verschuldete Stadt in einen Kita-Neubau in der Adolf-Diesterweg-Straße in Oggersheim mit 145 Plätzen investiert, der im vergangenen Oktober eröffnet wurde, aber bereits seit 2021 in Betrieb ist. In diesem Frühjahr soll ein weiterer Neubau mit 100 Plätzen in der Orffstraße in Süd bezugsfertig werden. Ein maroder Altbau wurde dort zunächst abgerissen und die Kindertagesstätte Süd derweil in einem provisorischen Containerdorf am Rheinufer einquartiert. Sobald die Kita Süd wieder in das neue Domizil in die Orffstraße umgezogen ist, werden am Lichtenberger Ufer also zusätzliche Kapazitäten frei. Denn das dortige Provisorium auf einer Grünfläche bleibt stehen und ist laut Verwaltung seit vergangenen Herbst eine eigenständige Einrichtung mit Platz für bis zu 175 Mädchen und Jungen.

Trotz diverser Aus- und Neubauprojekte gibt es seit vielen Jahren insbesondere im Stadtkern lange Wartelisten in allen Kitas. Die Verwaltung beziffert den Notstand im laufenden Kita-Jahr auf 100 Plätze bei den Unter-Zweijährigen und auf 1584 bei den Über-Zweijährigen. Rund 300 Kinder werden nicht in Einrichtungen, sondern von Tagesmüttern betreut. Außerdem seien 78 Erzieherinnenstellen nicht besetzt, berichtet eine Sprecherin der Verwaltung auf Anfrage zum Sachstand. Insgesamt gebe es in Ludwigshafen 96 Kindertagesstätten, davon sind 42 in städtischer, 40 in kirchlicher und 14 in sonstiger Trägerschaft. Für weitere Kita-Neubauten fehlen der Stadt eigentlich sowohl die Grundstücke als auch das Geld – und das Personal.

Die Kommune ist wegen des Rechtsanspruchs auf Kinderbetreuung in Rheinland-Pfalz ab dem ersten Lebensjahr dazu verpflichtet, für ein entsprechend großes Betreuungsangebot zu sorgen. Hinzu kommt in Ludwigshafen ein Anstieg der Geburtenzahlen um zuletzt rund 500 Kinder pro Jahrgang. Gemeinsam mit den freien Trägern baut die Stadt die Kitas seit 2007 aus. Umgesetzt wird derzeit noch das dritte Ausbaupaket. Anfang 2019 wurde bereits das vierte beschlossen. Damals war von insgesamt 175 Millionen Euro für mehr Kitaplätze in Ludwigshafen die Rede. Mittlerweile wird neu kalkuliert. In den nächsten Jahren muss die Verwaltung 512 Plätze für Unter-Zweijährige und 9054 für Über-Zweijährige zur Verfügung stellen. Deutlich mehr als 2000 müssen noch gebaut werden.

Aktuell sind der Verwaltung zufolge sechs weitere Neubauten (je zwei in Süd und Oggersheim, je einer in West und Maudach) sowie acht Erweiterungen (je eine Kita in Mitte, Nord-Hemshof, Oppau, Pfingstweide, Mundenheim und Rheingönheim sowie zwei Kitas in Friesenheim) in Planung. Für drei weitere Kitas stehen Standorte zur Verfügung. Für neun weitere erforderliche Einrichtungen seien Standort-Optionen in der Prüfung. Jedoch sei hier noch unklar, ob sich diese Ideen realisieren lassen.

Speyer: Stadt nicht unzufrieden

Kindertagesstätten zu planen, ist kein leichtes Geschäft. In Speyer ist kräftig gebaut worden, um den vor einigen Jahren eingeführten Rechtsanspruch für eine Betreuung aller Kinder ab einem Jahr zu erfüllen. Stand Januar 2023 ist die Stadt als größter Kita-Träger – zwölf der 27 Einrichtungen sind in ihrer Hand – nicht unzufrieden: Der Bedarf zumindest für die Zwei- bis Sechsjährigen sei zu 96 Prozent gedeckt, teilt die Verwaltung auf Anfrage mit. Für die Familien der restlichen vier Prozent ist das freilich eine weniger gute Nachricht, und auch längst nicht jedes Kind kommt in der Wunsch-Kita unter.

Angebot und Nachfrage schwanken. Die Stadt Speyer hat ursprüngliche Pläne, eine zusätzliche Kita am Russenweiher zu bauen, verändert: Nun ist von einer Verlagerung der Kita Cité de France dorthin die Rede. Im Neubaugebiet am Russenweiher kämen wohl doch nicht so viele Kinder hinzu wie zunächst erwartet, so die Begründung. Zum Angebot gehört auch, dass in die Räume Fachpersonal kommen muss – und das ist nicht in dem Maß verfügbar, wie es sich die Träger wünschen würden. In den städtischen Kitas waren zuletzt fünf Personalstellen unbesetzt. „Hinzu kommen krankheitsbedingte Personalausfälle“, so eine Sprecherin der Stadtverwaltung.

Welche Auswirkung die Personalnot haben kann, zeigt sich bei der katholischen Pfarrei als zweitgrößter Träger in Speyer. In der Weststadt hat sie 2022 zwei bisherige Kitas in einem Neubau zur Kita Don Bosco vereinigt. 135 Kinder könnten dort betreut werden, aber auch fast ein Jahr nach der Einweihung sind nur Gruppen mit 75 Plätzen geöffnet, wie Markus Sandmann, zuständiger Kita-Referent des Bistums, berichtet. Es fehle an Fachpersonal. Die Stadt gehe davon aus, dass Bedarf für alle geplanten Gruppen besteht, das sei aber nicht eindeutig, so Sandmann: 43 Kinder stünden auf Don Boscos Warteliste, einige davon seien noch zu jung, andere bei mehreren Kitas angemeldet. „Vom Bedarf her könnten wir die Kita auf vielleicht 100 Plätze hochfahren, aber nicht auf 135“, sagt der Referent.

Das Miteinander der Träger in Speyer sei gut, so Sandmann, denn alle säßen im gleichen Boot. „Neue Mitarbeiter findet man praktisch nur bei anderen Trägern, das reißt dann dort Löcher.“ Der Fachkräftemangel habe sich verschärft und werde wegen des demografischen Wandels noch zunehmen, erwartet er. 5,5 Stellen seien für die sieben katholischen Kitas in Speyer derzeit ausgeschrieben, 93 Stellen gebe es insgesamt. Zudem fehlten etwa längerfristig erkrankte Mitarbeiter. Dann werde mit Aushilfen gearbeitet, berichtet Sandmann, der große Belastungen für die verbliebenen Fachkräfte und die Eltern eingesteht.

Für ein besseres Betreuungsangebot gehen auch in der Vorderpfalz vermehrt Eltern auf die Straße. 70 Teilnehmern waren im November dem Aufruf des Frankenthaler Stadtelternausschusses (Stea) zur Demonstration gefolgt. Die Vorsitzende Anna Starzetz wird auch am 4. Februar, 10 Uhr, auf dem Berliner Platz in Ludwigshafen auf einer Demo sprechen. „Es muss endlich was passieren“, fordern sie und ihre Kollegen.

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