Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Anno dazumal (136): Gitter am Markt, Innenstadt im Wandel

Marktplatz mit unterirdischer Toilettenanlage: So sah es im Jahr 1970 in der Stadtmitte aus.
Marktplatz mit unterirdischer Toilettenanlage: So sah es im Jahr 1970 in der Stadtmitte aus.

Anno dazumal (136): 24.000 Fahrzeuge rollten einst täglich durch die Stadtmitte von Frankenthal. Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1970 kündet von weiteren Veränderungen.

Insbesondere der Bereich, der im Vordergrund der mehr als 50 Jahre alten Ansichtskarte zu sehen ist, hat sich entscheidend verändert. An die Gitter in der Mitte können sich nur noch ältere Frankenthaler erinnern. Hier befanden sich die Zugänge zu den unterirdischen Toilettenanlagen, die 1936 bei der Umgestaltung des Marktplatzes gebaut worden sind. Sie haben selbst die verheerenden Schäden im Zweiten Weltkrieg überstanden und waren noch bis in die 1970er-Jahre hinein für die Bevölkerung geöffnet.

Oberirdisch befand sich damals an dieser Stelle noch eine große Parkinsel, an der der Verkehr auf der Nord-Süd-Durchgangsstraße vorbeiflutete. Für die Rechtsabbieger aus der Bahnhofstraße gab es eine eigene Zufahrt in die Speyerer Straße. Überhaupt herrschte reger Durchgangsverkehr. Ein 1961 von Schülern der Gehörlosen-Oberklasse vorgenommener Verkehrstest ergab, dass die Stadtmitte zu dieser Zeit täglich von rund 24.000 Fahrzeugen durchfahren wurde.

Großstädtischer Luxus: Autoschalter der Sparkasse

Betrachtet man die Häuserfront auf der rechten Seite, so präsentiert sich hier die typische Bauweise der Nachkriegszeit, als die fast völlig zerstörte Innenstadt möglichst schnell wiederaufgebaut werden musste. Anfangs hielten sich die Bauherren dabei noch an die vom Stadtrat vorgegebene Beschränkung auf drei bis maximal vier Geschosse. Erst Mitte der 1960er-Jahre wurde diese Vereinbarung gebrochen, als Geldinstitute wie die Stadtsparkasse mit ihrer fünfgeschossigen Hauptstelle in der Bahnhofstraße oder die Commerzbank an der Ecke Bahnhofstraße/Marktplatz sowie Kaufhäuser wie die Kaufhalle in der Wormser Straße und Birkenmeier in der Speyerer Straße ihre Neubauten präsentieren.

Auf dem Ansichtskartenfoto fällt ein in dieser Beziehung extremes Beispiel in der Straßenfront besonders ins Auge: ein monumentales, siebenstöckiges Gebäude, das 1967 an der Stelle, wo sich dereinst das Radio- und Fernsehfachgeschäft Fürst-Helbig befand – im Schaufenster sowie in einem rückwärtigen Raum konnte man in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren auf Fernsehgeräten Sportübertragungen verfolgen – errichtet wurde. Hochgezogen hatte den Neubau die Stadtsparkasse. Im Erdgeschoss wurde ein Autoschalter eingerichtet. Mehr als 100 Kunden wurden hier nach Aussagen der Geschäftsleitung von 1968 täglich abgefertigt. Ein Jahrzehnt lang hatte der fast schon großstädtische Luxus des Autoschalters in Frankenthal Bestand. Beim Bau der Fußgängerzone musste er 1977 weichen.

Die Einfahrtspassage bekam 20 Jahre später eine neue Funktion: Im Zuge der Sanierung des gesamten Häuserquadrats wurde die Schlossergasse, die bis dahin von der Welschgasse aus eine Sackgasse war, als Durchgangsachse bis zur Speyerer Straße verlängert.

Weiter im Bildhintergrund der Straßenfront ist rechts noch eine große Baulücke zu erkennen. Hier wurde kurze Zeit später ein weiterer städtebaulicher Akzent gesetzt: Auf dem Trümmergrundstück der ehemaligen Malzfabrik Metzner entstand ein Einkaufszentrum, das Kurfürst-City-Center. Es wurde am 28. Februar 1980 eröffnet. Die ursprünglich etwa 30 Fachgeschäfte in einer zweistöckigen Passage (Erd- und Untergeschoss) sind mittlerweile Vergangenheit.

Nach Jost-Umzug: Neue Branchen am Rathausplatz

Nach dem derzeitigen Umbau wird hier das Modegeschäft Jost die absolute Oberhand besitzen. Auf dem Foto aus dem Jahr 1970 sind Jost-Filialen übrigens sowohl im Eckhaus auf der linken Straßenseite als auch gegenüber neben der Commerzbank zu sehen. Das Grünstadter Unternehmen hatte 1969 dort das Textilhaus Breyer übernommen. Als Jost im September 2001 seinen neuen Standort im City-Center eröffnete, zogen in die beiden Geschäftshäuser am Rathausplatz neue Branchen ein: in das Eckhaus eine Filiale der Drogeriemarktkette dm, gegenüber die Buchhandlung Gondrom. Seit 2006 unterhält dort das Buchhandlungsunternehmen Thalia eine Filiale. Interessant: Schon im Frankenthaler Adressbuch von 1893 ist dort eine Buchhandlung mit Schreibwaren und Buchbinderei von Georg Christmann ausgewiesen. Sie hatte bis zur Kriegszerstörung im Jahr 1943 Bestand.

Eine auffallende Veränderung des auf der Ansichtskarte gezeigten Innenstadtbereichs muss noch erwähnt werden: Im Zuge der Einrichtung der Fußgängerzone wurde auf der ehemaligen Parkinsel – dort, wo sich die Abgänge zu den unterirdischen Toiletten befanden – ein neuer Treffpunkt geschaffen: Ein Pavillon, in dem das Café Mirou seinen Standort fand. Es hat sich bis heute als Treffpunkt an exponierter Stelle im Herzen der Stadt bewährt.

Die Serie

Der Blick in die Vergangenheit lässt Erinnerungen wach werden, wirft zuweilen Fragen auf und weckt das Bedürfnis nach mehr Information. Bebilderte Postkarten, sogenannte Ansichtskarten, übermitteln da reizvolle Eindrücke, sind historische oder kunsthistorische Quelle – oder einfach nur nostalgische Erinnerungsobjekte.

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