Fragen und Antworten
Führungswechel bei Jost: Ein neuer Chef fürs Modehaus
Der neue Jost-Chef ist der Sohn des alten und übernimmt in fünfter Generation. Was muss man sonst noch über ihn wissen?
Claus Jost ist 37 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Nach dem Fachabitur und einer Einzelhandelsausbildung in der Darmstädter Modehaus-Gruppe Henschel & Roperts hat er von 2010 bis 2013 Betriebswirtschaft studiert, danach im Familienbetrieb gearbeitet – zunächst als Verkäufer, ab 2016 im Einkauf. Seit 2018 ist er Leiter der Grünstadter Filiale und Verkaufsleiter für die gesamte Kette. An der Seite seines Vaters tritt er zurückhaltend, aber selbstbewusst auf.
Wollte er schon immer Nachfolger seines Vaters werden?
Claus Jost sagt: Es gab Zeiten, in denen das für ihn nicht so klar war. Doch mittlerweile ist ihm die Familientradition wichtig. Er will das Unternehmen weiterführen, damit irgendwann auch seine Kinder die Chance dazu haben.
Warum tritt Jost senior jetzt ab?
Steffen Jost kommt nicht wie ein angehender Ruheständler daher: Er tritt immer noch dynamisch auf, wirkt topfit und durchtrainiert. Trotzdem hatte er längst angekündigt, dass er den Chefsessel mit 65 räumen würde. Und dabei bleibt es jetzt auch. Für seinen Rückzug führt er mehrere Gründe an. Einer davon: Er arbeitet in einer Branche, in der ein jugendliches Erscheinungsbild wichtig ist. Also findet er es gut, dass sein Modehaus zum Beispiel bei Instagram Präsenz zeigt. Aber er selbst kann damit nicht viel anfangen. Ein weiteres Argument formuliert er so: „Mein Sohn ist jetzt 37 – wie lang soll er noch warten?“
Steffen Jost hat die Geschäftsführung vor fast 40 Jahren übernommen. War der Wechsel von seinem Vater zu ihm genauso gut geplant?
Steffen Jost und sein Vater Fritz standen zunächst zwei Jahre lang gemeinsam an der Spitze. Der nun scheidende Modehaus-Chef sagt: „Das lief besser, als viele erwartet hatten.“ Aber dann hatten Junior und Senior doch eine Meinungsverschiedenheit – über eine Kleinigkeit. Der Zwist endete damit, dass sich Fritz Jost von einem Tag auf den anderen zurückzog. Privat, beteuert Steffen Jost, hätten sie sich aber auch danach noch gut verstanden.
Übergibt Steffen Jost ein gut bestelltes oder ein kriselndes Haus?
Die Pandemie hat die Modebranche hart getroffen, und auch der Trend zur Online-Bestellung beutelt die Händler. Jost mit seinem Haupthaus in Grünstadt sowie Filialen in Frankenthal, Landau, Worms und Bruchsal hingegen steht gut da. Den Umsatz im Jahr 2022 beziffert das Unternehmen auf 46,5 Millionen Euro, damit sei das Niveau von 2019 wieder erreicht. Über Gewinne schweigt Steffen Jost sich von jeher aus. Aber er lässt erkennen: In den vergangenen Jahrzehnten hat seine Firma nahezu durchgehend schwarze Zahlen geschrieben.
Was macht Jost richtig, was andere falsch machen?
Steffen und Claus Jost sind sich einig: Die wichtigste Zutat für ihr Erfolgsrezept sei, dass die Kunden gut beraten werden. Das zeige auch die Resonanz, die sie zum Beispiel über Online-Bewertungen bekommen. Steffen Jost sagt: Kaum jemand schafft es, sich ohne Hilfe zugleich modisch und individuell passend einzukleiden. Wichtig ist ihm, dass die Verkäufer ein Festgehalt bekommen und nicht auf Provisionen schielen. Damit will das Unternehmen garantieren, dass sie den Kunden nichts aufschwatzen. Sie sollen von möglichen Fehlkäufen abraten.
Wie geht es jetzt weiter, krempelt der Sohn alles um?
Vater und Sohn verneinen das unisono, Steffen Jost erläutert: Er hat in den vergangenen Jahrzehnten nur ganz selten eine Entscheidung nach eigenem Gutdünken getroffen. Im Normalfall waren die wichtigsten Mitarbeiter einbezogen, und diesem Mitbestimmer-Kreis gehörte sein Sohn schon an. Claus Jost hat den Kurs in den vergangenen Jahren also bereits mitgeprägt.
Gibt es trotzdem ungelöste Probleme, die Claus Jost nun angehen muss?
Sein Vater sagt: In den Modehäusern sollen Abläufe so verändert werden, dass sich die Verkäufer besser auf die Beratung konzentrieren können. Derzeit sind sie auch fürs Kassieren zuständig. Das findet Steffen Jost eigentlich gut, denn so werden Kunden aus einer Hand bedient und nicht an eine Zentralkasse weitergereicht. Wie eine Lösung aussehen könnte, ist offen.
Wem gehören die Modehäuser jetzt überhaupt?
Steffen Jost sagt: Er hat über eine vorgezogene Erbfolge schon viel Eigentum am Unternehmen auf seinen Sohn übertragen. Mittlerweile kontrolliert Claus demnach 60 Prozent der Firmenanteile, sein Vater 40 Prozent. Der Senior sagt grinsend: „Mein Sohn könnte mich also einfach rausschmeißen – wenn ihm der Gesellschaftervertrag nicht genau das verbieten würde.“
Was ist mit Steffen Josts übrigen Kindern?
Claus Jost hat zwei ältere Schwestern, die im Ausland leben. Der Vater sagt: Auf sie ist Familienvermögen übertragen worden, das nicht unmittelbar mit dem Unternehmen zusammenhängt. Unterm Strich haben sie damit weniger bekommen als ihr Bruder, ungerecht findet Steffen Jost das aber nicht: „Mein Sohn bekommt das alles ja nicht, um sich damit ein schönes Leben zu machen. Das ist Vermögen, das überwiegend im Betrieb gebunden ist.“
Welche Pläne hat Steffen Jost für den Ruhestand?
Er zieht sich zwar aus dem Tagesgeschäft zurück, bleibt dem Unternehmen aber in einer Aufsichtsratsrolle verbunden. Und auch um die schon lange betriebene Suche nach einem Standort für eine weitere Filiale will er sich weiterhin kümmern. Gleichzeitig lässt er erkennen, dass er sich auf mehr Freizeit freut: „Ich bin oft im Wald, will mir auch wieder ein Pferd kaufen.“ Außerdem geht er gerne tauchen, früher ist er dafür weit gereist. „Aber gerade verkneife ich mir das, aus Flugscham.“
Flugscham – heißt das, Steffen Jost ist im Grunde seines Herzens ein Klimaaktivist?
So weit würde er nicht gehen, doch er sagt: „Ich mache mir schon Gedanken. Es gibt immer noch Leute, die sagen: ,Früher gab es auch heiße und trockene Sommer.‘ Aber früher war das nur alle paar Jahre so.“ Sein Ansatz: Wenn man im Alltag etwas für den Klimaschutz tun kann, dann sollte man das auch machen. Dass alle Jost-Modehäuser jetzt Solaranlagen auf ihre Dächer bekommen, hat aber auch handfeste wirtschaftliche Gründe: Steffen Jost rechnet damit, dass sein Unternehmen damit auf Dauer günstiger wegkommt.
