Frankenthal Der Traum vom Sonnendeck auf dem Dach

Fest in Familienhand: Christian, Silke und Ute Steinmüller in ihrem Café Mirou.
Fest in Familienhand: Christian, Silke und Ute Steinmüller in ihrem Café Mirou.

Prominent mit Panoramablick – seit 41 Jahren gibt es das Café Mirou mitten im Herzen von Frankenthal. Der gläserne Pavillon auf dem Rathausplatz wurde 1977 zum Jubiläum 500 Jahre Stadtrechte gebaut, war zeitweise nicht unumstritten und wurde mehrmals umgestaltet und erweitert. Seit 2001 ist „das Mirou“ Projekt der Familie Steinmüller.

Angefangen hat alles mit einem Sektstand beim Strohhutfest, den Ute Steinmüller in den 80er-Jahren vor ihrem Elternhaus in der Speyerer Straße 5 (jetzt Hunkemöller) aufgebaut hatte: „Wir sind in die Gastronomie reingerutscht.“ „Und ich war die Spülmaschine“, erinnert sich Sohn Christian, gelernter Elektroniker. Im heutigen Café Mirou ist er zwischen Bar, Büro und Backstation sowie als Hausmeister im Einsatz. Vater Klaus, gelernter Koch, ist für den Einkauf zuständig, Service und Büffet machen Mutter Ute, Tochter Silke und Schwiegertochter Kathrin. Zehn weitere Mitarbeiter, die meisten davon Vollzeit, machen die Crew komplett. „Anfangs bestand das Mirou aus zehn Tischen und 40 Stühlen, und an neuneinhalb Tischen wurde geraucht“, erinnert sich Ute Steinmüller. Nach Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes baute man im Winter Zelte auf für die Raucher, um Betrieb und Stammbelegschaft auch in der kalten Jahreszeit zu halten. Das Provisorium wich 2009 einem – zeitweise aufgrund einer Baumfällung kontrovers diskutierten – Erweiterungsbau auf der gepachteten Freifläche. Nach vier Wochen stand der Anbau: Glaswände fürs ganzjährige Draußen-Gefühl, Investition 500.000 Euro. Gestatten Henry – am Eingang grüßt ein Lakai aus rotem Lack die Gäste mit stummem Bückling und schelmischem Grinsen. Er bewacht die „Wall of Fame“, eine Fotowand mit Schnappschüssen legendärer Feste, und das Trophäenregal mit vier Methusalems. Die Sechs-Liter-Champagnerflaschen verweisen auf Christian Steinmüllers Eigenprojekt in der Eventgastronomie: Als Teil eines mobilen Barkeeper-Duos baut er unter anderem Sektpyramiden bei Motto-Partys. Eng verbunden mit dem Café ist das benachbarte Brezelhäuschen. Der Verkaufspavillon wurde in den 90er-Jahren errichtet als einer von ursprünglich fünf seiner Art, mit denen die Stadt die Fußgängerzone möblieren und beleben wollte. Der Plan wurde aufgegeben, lediglich zwei von fünf Pavillons wurden gebaut, und von diesen beiden hat nur das Brezelhäusel wirtschaftlich überlebt. Familie Steinmüller kaufte das Brezelhäusel vom vorherigen Inhaber und führt die Backstation seither weiter. Übrigens: Der Name „Café“ trügt, denn neben Frühstücken, Kaffee und Kuchen, Cocktails und Eisbechern verfügt das Café Mirou auch über eine „richtige“ Speisekarte mit wechselndem Angebot. Alles ist handgemacht, die Rösti, die Kräuterbutter, die Tomatensoße. Es gibt Bodenständiges wie Schnitzel mit Bratkartoffeln, aber Saisonales und kleine Speisen, die aus dem Rahmen fallen wie etwa Spinatbrezelknödel mit Salbeibutter. Einst aus der Not geboren, zählt das Tellergericht – als kulinarisches Brezel-Upcycling – längst zu den Haus-Klassikern. Auch nach 18 Jahren Familienbetrieb haben die Steinmüllers noch jede Menge Ideen: Ein Sonnendeck auf der Dachterrasse, das wär’s, schwärmt Christian Steinmüller. 50 Quadratmeter coole Lounge-Atmosphäre mit Draufsicht auf den Rathausplatz. Doch das ist Zukunftsmusik. Derweil grüßt von oben ein Dubbeglas im XXL-Format. Serie Es gibt Kneipen und Restaurants, die sind regelrechte Institutionen. Unsere Serie stellt die Köpfe hinter Tresen und Kochtopf vor – Lokal-Geschichten.

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