Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Brennendes Gerätehaus, Chemiegase und abgeschnittene Fingerkuppe: Was die Freiwillige Feuerwehr 2024 erlebt hat

Eindrücklicher Auftritt: Im Oktober feierte die Neustadter Feuerwehr auf dem Marktplatz die Übergabe von fünf neuen Fahrzeugen.
Eindrücklicher Auftritt: Im Oktober feierte die Neustadter Feuerwehr auf dem Marktplatz die Übergabe von fünf neuen Fahrzeugen.

Sie ist rund um die Uhr einsatzbereit: die Freiwillige Feuerwehr Neustadt. Laut Einsatzstatistik lief 2024 zwar vergleichsweise ruhig. Einige Einsätze werden die Ehrenamtlichen aber so schnell nicht vergessen. Ein Rückblick.

Die Einsätze

„So eine Nacht hab ich in all den Jahren noch nie erlebt“, sagt Bernd Kaiser, Pressesprecher der Neustadter Feuerwehr, zur Silvesternacht 2024. Von 22.30 bis 3.30 Uhr seien die Einsatzkräfte durchgehend gefordert gewesen: Unter anderem gab es Balkonbrände in der Spitalbach-, der Neusatz- und der Werderstraße, zudem brannten scheinbar unabhängig von Raketen und Böllern Fahrzeuge in der Schlachthofstraße und Am Hölzel. „Zwei Kleinbrände mit Kartonagen haben wir unterwegs quasi noch mitgenommen“, sagt Kaiser. Zum Glück sei außer Sachschäden nichts passiert. Dennoch waren mindestens 80 Feuerwehrleute in der Neujahrsnacht in Neustadt im Einsatz statt bei ihren Familien. „Ich habe es gerade so zum Wechsel nach Hause geschafft, um mit meiner Frau anzustoßen, dann ging schon wieder der Melder“, erzählt Kaiser.

Das Gesamtjahr lief es aus Feuerwehrsicht eher durchschnittlich: Bis zum Stichtag 31. Dezember ist die Wehr nach eigenen Angaben 566-mal ausgerückt. Das sind 35 Einsätze weniger als im Vorjahr und 80 weniger als im Rekordjahr 2022. Häufigster Alarmierungsgrund waren ausgelöste Brandmeldeanlagen (98 Einsätze, 2023: 107), gefolgt von Notfalltüröffnungen (86 Einsätze, 2023: 94). Bei Letzteren komme manchmal jede Hilfe zu spät, erklärt Kaiser. „In der Kernstadt erleben wir häufiger, dass Todesfälle längere Zeit unbemerkt bleiben, weil gerade Zugezogene dort anonymer leben als in den Weindörfern, wo Nachbarn öfter einen Schlüssel haben.“

Von 33 im Vorjahr auf 49 angestiegen sind die Fallzahlen im Bereich Amtshilfe, das heißt, dass die Feuerwehr Behörden wie die Polizei unterstützt. Etwas häufiger (30) als 2023 (25) mussten die Wehrleute wegen Öl oder Benzin auf der Straße ausrücken sowie wegen Fahrzeugbränden (16, 2023: 10). Ein deutlicher Anstieg ist ebenso bei Personen zu verzeichnen, die aus einer Notlage befreit werden mussten: von fünf Fällen im Vorjahr auf 14 Fälle 2024.

Kamen 2024 häufiger vor: Fahrzeugbrände, hier ein Fiat, der im Februar auf der A65 Feuer fing.
Kamen 2024 häufiger vor: Fahrzeugbrände, hier ein Fiat, der im Februar auf der A65 Feuer fing.

Erfreulich ist der Rückgang bei den Wohnungsbränden, zu denen die Neustadter Wehr in diesem Jahr 22-mal gerufen wurde. Im Vorjahr waren es noch sechs Fälle mehr gewesen. Das wechselhafte Wetter in diesem Sommer ist wohl ein Grund dafür, dass es nur neun Waldflächenbrände gab. 2023 hatten Waldflächen noch 25-mal, im Jahr 2022 sogar 46-mal gebrannt.

Rückläufig waren ebenso Einsätze wegen Sturmschäden: Das kam 2024 nur sechsmal vor (2023: zehn/2022: 14). Einmal hatte die ADD 2024 vor Hochwasser in Neustadt gewarnt. „Es wurde ein Meter in Höhe Stadionbad befürchtet“, erinnert sich Kaiser. Es sei eine Technische Einsatzleitung (TEL) eingerichtet worden, „um vor die Lage zu kommen“, sagt der stellvertretende Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Ralf Stuhlberg, „obwohl letztlich kein Liter Wasser über die Ufer kam.“

Die Herausforderungen

Insgesamt fielen 242 Alarmierungen der Feuerwehr in den Bereich Brand. Vier dieser Einsätze bleiben in diesem Jahr besonders im Gedächtnis:

Am 18. Juli gab es ein Feuer in der Lagerhalle eines Chemiebetrieb in der Hermann-Wehrle-Straße in der Nachtweide. Zwei Wohnhäuser mit sieben Bewohnern in unmittelbarer Nähe mussten evakuiert werden. „Der Brand an sich war überschaubar, aber die chemischen Dämpfe waren das Problem“, erinnert sich Kaiser. Die Atemschutztrupps bekämpften das Feuer in einem Hochregallager im Wechsel: Wer in der Halle war, musste sich danach auf dem eingerichteten Dekontaminationsplatz entkleiden und reinigen. Spezialkräfte aus Ludwigshafen führten Schadstoffmessungen in der Luft durch, auch in dem angrenzenden Wohngebiet zwischen Nachtweide, Speyerdorfer Straße, im Sandfeld sowie in der Branchweilerhofstraße – zum Glück ohne Nachweis.

Drei Tage später ereignete sich das für die Feuerwehrkameradinnen und -kameraden wohl einschneidendste Erlebnis des Jahres: der Brand des Feuerwehrgerätehauses des Löschzugs Süd in Hambach am 21. Juli. An diesem Sonntagmorgen brach in einem abgestellten Tanklöschfahrzeug – wahrscheinlich wegen eines technischen Defekts – ein Feuer aus, das sich in der Gerätehalle ausbreitete und einen Millionenschaden anrichtete. Der alarmierte Löschzug Süd konnte nur hilflos zusehen, bis weitere Kräfte da waren, um die Flammen zu bekämpfen.

Bernd Kaiser vom Presseteam der Feuerwehr neben dem Tanklöschfahrzeug, von dem der Brand im Feuerwehrgerätehaus in Hambach ausgi
Bernd Kaiser vom Presseteam der Feuerwehr neben dem Tanklöschfahrzeug, von dem der Brand im Feuerwehrgerätehaus in Hambach ausging.

Der Löschzug Süd kam übergangsweise beim Weingut Müller unter. Seit Mitte Oktober steht eine provisorische Halle neben dem Brandort, die die 28 Wehrleute einsatzfähig halten soll, bis die Schadenssanierung im Gerätehaus abgeschlossen ist. Das wird laut Ralf Stuhlberg nicht vor Ende 2025 der Fall sein. Als weitere Konsequenz des Unglücks sind in den zwei verbliebenen Fahrzeugen desselben Herstellers Rauchmelder eingebaut worden, deren Alarm an Mobiltelefone gekoppelt ist. So will die Wehr im Brandfall schneller eingreifen können.

Wie leicht ein Großbrand entsteht, zeigte der Einsatz in einem Mehrfamilienhaus im Grundwiesenweg am 19. August: Dort war in unmittelbarer Nähe eines geschlossenen Carports Unkraut abgeflammt worden, wobei kleine Flammen unbemerkt durch einen Spalt ins Innere gelangten. „Das Feuer hatte so alle Zeit der Welt, sich zu verteilen“, sagt Stuhlberg und rät, solche Arbeiten nie in der Nähe von Holz zu erledigen. Vom Carport breitete sich das Feuer über ein Kellerfenster auf das Wohnhaus bis ins Dachgeschoss aus. Drei Menschen wurden durch Rauch verletzt, Sachschaden: mindestens 500.000 Euro.

Großbrand nach der Unkrautbekämpfung: So geschehen im August im Grundwiesenweg.
Großbrand nach der Unkrautbekämpfung: So geschehen im August im Grundwiesenweg.

Tragisch endete ein Einsatz am 11. November in der Quellenstraße: Dort entwickelte sich in einem Wohnhaus über Stunden ein Schwelbrand, vermutlich durch aufgestellte Grabkerzen, der beim Betreten des Gebäudes durchzündete. Im Inneren fanden die Wehrleute die Leiche einer 78-Jährigen, die nach Annahme von Polizei und Staatsanwaltschaft im Schlaf an den dichten Rauchgasen erstickt war. Hinweise auf Fremdeinwirkung gab es nicht.

Schwelbrand in der Quellenstraße: eine Seniorin kam dabei ums Leben.
Schwelbrand in der Quellenstraße: eine Seniorin kam dabei ums Leben.

Die Wehr

Die Neustadter Feuerwehr als größte Freiwillige Feuerwehr in Rheinland-Pfalz ist 2024 weiter gewachsen: Aktuell leisten 347 Menschen dort ehrenamtlich Dienst, davon 31 Feuerwehrfrauen. Das sind insgesamt 18 Kräfte mehr als im Vorjahr. In Sachen Nachwuchs gibt es in Neustadt keine Sorgen. Die Jugendfeuerwehr ist mit einem Zuwachs von 55 aktuell 131 Personen stark, davon 24 Mädchen und junge Frauen. „Die Jugendarbeit ist arbeitsreich und intensiv, aber es lohnt sich“, sagt Stuhlberg und verweist etwa auf Waldbrandübungen, Berufsfeuerwehrtag und andere Aktivitäten, mit denen die Feuerwehr jungen Leuten etwas biete.

Elfmal kam es zu Verletzungen von Einsatzkräften, meist ohne schlimme Folgen, zum Beispiel, weil jemand umknickte oder durch die Hitze bei der Brandbekämpfung ohnmächtig wurde. Im schlimmsten Fall hatte sich ein Kamerad Kaiser zufolge mit einer Klappe am Feuerwehrfahrzeug die Fingerkuppe abgeschnitten – trotz Handschuhe.

Immer wieder ein Problem: geparkte Fahrzeuge, die der Feuerwehr die Anfahrt erschweren. Hier bei einem Schwelbrand in einem Mehr
Immer wieder ein Problem: geparkte Fahrzeuge, die der Feuerwehr die Anfahrt erschweren. Hier bei einem Schwelbrand in einem Mehrparteienhaus in der Huttenstraße am 13. Dezember.

Um zwei Kameraden im aktiven Dienst trauern die Neustadter Wehrleute: Michael Schöttinger und Steffen Schmitt sind im Jahr 2024 verstorben.

Die Investitionen

Seit 2019 sind Stuhlberg zufolge 20 Millionen Euro in die Neustadter Feuerwehr geflossen, vor allem in Gebäude, Fahrzeuge und weitere Ausstattung. Es sind eine neue Fahrzeughalle an der Hauptfeuerwache für vier Fahrzeuge sowie ein Anbau am Gerätehaus in Mußbach entstanden. In Mußbach soll das bestehende Gerätehaus ab Januar saniert werden, die Arbeiten sollen laut Stuhlberg etwa ein dreiviertel Jahr dauern. Der Neubau in Lachen-Speyerdorf soll bis September/Oktober abgeschlossen sein.

In Planung befindet sich die Erweiterung des Feuerwehrstandorts in Geinsheim. Kaiser verdeutlicht: „Dort ist es so eng, dass die Kameraden durch das Fahrzeug klettern müssen, um an die Kleiderhaken zu kommen.“ Auch sei das neue Fahrzeug einen Meter zu lang für die Halle. Weiter im Blick hat die Wehr den geplanten Neubau für ein Brand- und Katastrophenschutzzentrum samt Schnelleinsatzzentrum am Mußbacher Kreisel. Spatenstich soll 2029 sein.

Der Fuhrpark der Neustadter Feuerwehr ist laut Kaiser in diesem Jahr um sechs Fahrzeuge im Wert von 5,5 Millionen Euro gewachsen. Die Neuheiten wurden am 11. Oktober feierlich auf dem proppenvollen Marktplatz übergeben. 2025 sollen unter anderem eine Gelenkmastbühne und ein Löschfahrzeug Katastrophenschutz dazukommen, insgesamt sind acht weitere Fahrzeuge (rund zwei Millionen Euro) bestellt worden.

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