Neustadt
Brände, Unfälle und ausgebüxte Tiere: Das hat die Feuerwehr 2023 erlebt
Damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt, trainiert die Neustadter Feuerwehr regelmäßig. 13.200 Übungsstunden wurden 2023 gezählt. Hinzu kommen 75 Stunden Brandschutzerziehung in Kindergärten und Schulen, damit der Nachwuchs umsichtig mit Feuer umgeht. Bis Jahresende ist die Neustadter Feuerwehr insgesamt 601-mal ausgerückt: zu 275 Brandeinsätzen sowie 326-mal, um technische Hilfe zu leisten. Das sind weniger Einsätze als im Rekordjahr 2022 (646), aber mehr als im Schnitt der vergangenen vier Jahre (521).
„Wir werden immer öfter zu Banalitäten gerufen“, sagt Ralf Stuhlberg, zweiter stellvertretender Brand- und Katastrophenschutzinspekteur, der dafür wirbt, dass Bürger bei kleineren Problemen wie einem Ast auf der Straße zunächst selbst tätig werden, bevor sie „16 ehrenamtliche Wehrleute von ihrem Arbeitsplatz wegholen“. Noch vor Türöffnungen (94) waren aber ausgelöste Brandmeldeanlagen mit 107 Einsätzen der häufigste Alarmierungsgrund.
Keine Toten durch Brände
Bei mehr als der Hälfte dieser Alarme handelte es sich um einen technischen Defekt, sodass keine Gefahr drohte. Dreimal musste die Wehr ausrücken, weil jemand mutwillig den Handdruckmelder drückte. 32-mal ging der Brandalarm auf Kochdampf oder angebranntes Essen in einer der drei Asylunterkünfte in der Stadt zurück, am häufigsten (23) in der Unterkunft in der Europastraße. Auch eindringendes Wasser löste mehrfach Alarm aus. In einigen Fällen verhinderte die Meldeanlage aber auch Schlimmeres, unter anderem Ende September bei einem Schmorbrand in der Chemnitzer Straße.
Vier Großeinsätze fuhr die Wehr wegen Bränden im vergangenen Jahr: zweimal im Oktober, wo erst der Wald im Gebiet „kleine Ebene“ brannte und dann eine Wohnung am Kirschgarten. Gut vier Stunden waren die Einsatzkräfte gefordert, bis ein Flächenbrand im Juli im Kirschbergweg gelöscht war, und Mitte August musste ein Küchenbrand in der Hanns-Fay-Straße bekämpft werden. Zu Tode kam bei den Bränden zum Glück niemand.
Längster Einsatz durch Blitzschlag
Der Rekord bei den Verkehrstoten 2023 in Neustadt geht aber nicht an der Feuerwehr vorbei, die bei 34 Unfällen mit vor Ort war. Der schwere Verkehrsunfall auf der B39 Anfang März mit einem Todesopfer gehörte zu den größten Einsätzen des Jahres. Von den Wehrleuten selbst wurden 2023 acht im Einsatz verletzt. Es handele sich dabei um typische Alltagsverletzungen wie Verstauchungen oder Prellungen, sagt Bernd Kaiser vom Medienteam der Feuerwehr, „für die Größe der Feuerwehr Neustadt und die geleisteten Stunden ist das fast gar nichts“. Am meisten Ausdauer forderte ein Blitz, der am 25. August in der Demantstraße in einen Baum einschlug. Etwas mehr als sechs Stunden stand die Feuerwehr im Einsatz, erst mit einem geliehenen 48-Meter-Hubsteiger bekam man die Lage in den Griff.
Im Juli plagte eine Dürre Neustadt. Die Verwaltung erließ aus Sicherheitsgründen eine Allgemeinverfügung. Sie verbot „Holz- und Kohlegrills, Lagerfeuer und sonstige offene Feuer auf privaten Grundstücken und öffentlichen Grillplätzen und Feuerstellen außerhalb der geschlossenen Ortslage“. Das umfasste auch das Verbrennen von Grünschnitt und ein Feuerwerksverbot. Daran hielten sich aber nicht alle: Dreimal rückte die Feuerwehr aus, weil jemand Grill oder Lagerfeuer entzündet hatte.
Auf Dürre folgt Regen
Dass die Lage bei hoher Trockenheit schnell brenzlig werden kann, wurde am 6. Juli deutlich: Damals musste die Wehr einen Heuballen auf einem Gartengrundstück an der L519 bei Meckenheim, eine Brachfläche im Harthäuserweg sowie mehrere Brandherde in der Adolf-Kolping-Straße löschen. Im Laufe des Monats brannten noch Wertstoffe am Holzplatz, ein abgeerntetes Stoppelfeld in der Louis-Escande-Straße und ein Gebüsch im Le-Quartier-Hornbach. Bei Letzterem versuchten zuerst Kinder, den Brand mit einer Wasserflasche zu stoppen. Ende August hielt ein 40 Quadratmeter großer Flächenbrand im Harthäuserweg die Wehr in Atem.
Auf die Dürre folgte Regen. Regelmäßig kontrollierte die Feuerwehr die Pegelstände der Gewässer in und um Neustadt und reinigte verstopfte Sinkkästen. Auch wenn es 2023 kaum Wasserschäden gab, müssen Gräben und Rückhaltebecken aus Stuhlbergs Sicht dringend ertüchtigt werden. „Das 100-jährige Hochwasser wird kommen, und dann steht der Marktplatz zwei Meter unter Wasser.“ Der Kranzgraben in Lachen-Speyerdorf sei durch die Regenfälle der letzten Wochen „am Limit“, ein kritischer Punkt könnte auch die Brücke zwischen Festwiese und Wiesenstraße werden.
Hochwasser: Selbst vorsorgen
Mit Sandsäcken und sogenannten Big Packs könne man den Schaden zwar begrenzen, so Stuhlberg, „aber solch große Wassermengen können wir nirgends hinpumpen“. Deshalb sei es wichtig, dass Bürger selbst Vorsorge treffen und etwa Sandsäcke kaufen – und bei wenigen Zentimetern Wasser im Keller selbst wischen, anstatt den Notruf zu wählen. Geringe Wassermengen kann die Feuerwehr laut Stuhlberg „sowieso nicht abpumpen“.
Nicht jeder Einsatz war 2023 alltäglich. Im Juli brauchte ein Pflegedienst Unterstützung, weil ein Patient wegen eines defekten Badelifts nicht mehr aus der Badewanne kam. Im August versagte ein Treppenlift in der Volkshochschule, sodass eine Rollstuhlfahrerin auf den Stufen strandete. Die Wehrleute bewiesen zudem ein Händchen für Tiere: Im August sorgte erst ein afrikanischer Gecko in einer Zahnarztpraxis in der Moltkestraße für Aufruhr, wenige Tage später rissen zweimal Pferde nahe der Bahnlinie in Mußbach aus ihrer Koppel aus. Im Oktober befreite die Feuerwehr noch einen Wildhasen, der im Mandelring in einen Lichtschacht gefallen war.
Autobahn mit Wein überspült
Kurios: Weil aus einem Beatmungsgerät Sauerstoff strömte, musste die Feuerwehr Ende August in der Ludwigstraße anrücken. Nach Rücksprache mit der Firma, die das Gerät befüllt hatte, gab es Entwarnung: Nach einer vollständigen Befüllung könne bis zu zehn Stunden danach noch etwas Sauerstoff ausströmen. Ungewöhnlich war auch ein umgekippter Tankzug auf der A65, durch den die Fahrbahn Anfang September mit Wein überspült wurde.
340 Männer und Frauen zählt die Neustadter Feuerwehr. Die Einsatzkräfte opfern ihre Freizeit, um im Ernstfall alles zu geben. „Wir machen das im Ehrenamt, zusätzlich zu unserer regulären Arbeit“, sagt Bernd Kaiser. Die Qualität und die gesetzlichen Anforderungen glichen aber denen von Städten mit hauptamtlichen Kräften. Damit die Erwartungen weiter erfüllt werden können, entwickelt sich die Neustadter Feuerwehr stetig weiter: Der Spatenstich für das neue Gerätehaus in Lachen-Speyerdorf war im Oktober vergangenen Jahres, und die neue Fahrzeughalle für den Löschzug Mußbach steht. Auf dem Gelände der Hauptfeuerwache soll eine neue Fahrzeughalle gebaut werden, hier wurden erste Schritte getan.
Fuhrpark wächst
Neue Fahrzeuge wurden bestellt und spezielle Wald- und Vegetationsbrandkleidung beschafft. 2024 sollen zwei Waldbrandtanklöschfahrzeuge und ein Quad für Erkundungen im Gelände den Fuhrpark erweitern. Gleich bleibt indes der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Neustadts, Stefan Klein, der im November wiedergewählt wurde.