Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Feuerwehr blickt auf Rekordjahr zurück

Beim Brand auf dem Remondis-Gelände in Lachen-Speyerdorf Ende August entwickeln sich aus dem brennenden Gewerbemüll giftige Rauc
Beim Brand auf dem Remondis-Gelände in Lachen-Speyerdorf Ende August entwickeln sich aus dem brennenden Gewerbemüll giftige Rauchgase. Die Schadstoffbelastung in der Luft stellt sich aber als für die Bevölkerung unbedenklich heraus.

Die Freiwillige Feuerwehr Neustadt war 2022 so oft wie nie im Einsatz. Sechs Großbrände brachten die ehrenamtlichen Wehrleute an ihre Grenzen. Ihr Engagement reichte aber weit über die Stadtgrenzen hinaus.

633-mal wurde die Neustadter Feuerwehr bis zum Stichtag 25. Dezember alarmiert – ein neuer Rekord. Denn laut Pressesprecher Bernd Kaiser (61) kamen in der Vergangenheit im Schnitt nur knapp 500 Einsätze jährlich zusammen. Todesopfer gab es bei Feuerwehreinsätzen 2022 glücklicherweise nicht. Ein Grund sind Brandmeldeanlagen und Rauchmelder, die frühzeitig vor Feuer warnen. 102-mal rückte die Feuerwehr 2022 wegen eines solchen Alarms aus.

„Man sieht da eine Tendenz nach oben“, sagt der Stellvertretende Pressesprecher Clemens Litty (40), macht aber gleich deutlich: „Solche Anlagen retten Leben, weil die Feuerwehr dadurch schon früher vor Ort sein und größere Brände verhindern kann.“ Falschen Alarm gebe es daher nicht, ergänzt Kaiser. „Wenn der Piepser rappelt, müssen wir kommen, egal welcher Einsatz es ist.“ Die weit über 300 aktiven Einsatzkräfte in Neustadt nehmen jede Alarmierung ernst – es könnte schließlich eine tatsächliche Gefahr dahinterstecken.

Schwierige Anfahrt

So wie am 3. März, als samstagabends auf dem Kamm des Plattenbergs auf Gimmeldinger Gemarkung ein Waldbrand auf 600 Quadratmetern ausbrach. Weil die Wege zugewuchert waren, musste die Neustadter Kradstaffel – bestehend aus sechs geländegängigen Motorrädern – zunächst Anfahrtswege durch das unwegsame Gelände erkunden, bevor Feuerwehrfahrzeuge über die Klausenkapelle in Königsbach an den Brandherd gelangten. 92 Kräfte waren bis 3 Uhr morgens im Einsatz.

Am 6. Mai kam es freitagabends zu einem Gebäudebrand in der ehemaligen Papierfabrik Hoffmann & Engelmann, während im benachbarten „Café Palmgarten“ Eröffnung gefeiert wurde. Das Gebäude mit 180 Konzertbesuchern wurde evakuiert, die B39 am Stadtrand musste voll gesperrt werden. Erst samstagmittags kurz vor 13 Uhr waren alle Nachlöscharbeiten beendet. Der Brand ging wohl von einem technischen Defekt an einem in der Papierhalle abgestellten Auto aus.

Am Abend des 2. Juli löschten 60 Einsatzkräfte einen Brand auf einem Balkon am ehemaligen Sparkassen-Gebäude am Strohmarkt, der durch einen Gasgrill ausgelöst worden war. Die Flammen griffen bei einer privaten Grillparty auf den Sonnenschirm und die gedämmte Fassade über. Wegen der Löscharbeiten kam es zu Staus in der Innenstadt.

Größter Waldbrand

Längster Einsatz 2022: der Waldbrand beim Hambacher Schloss Anfang August.
Längster Einsatz 2022: der Waldbrand beim Hambacher Schloss Anfang August.

Der Waldbrand beim Hambacher Schloss am Nachmittag des 3. August war der bislang größte in Rheinland-Pfalz. Unweit der Wohnbebauung waren bei extremer Dürre knapp acht Hektar in Brand geraten. Rund 200 Einsatzkräfte, darunter auch Wehrleute und Fahrzeuge aus den Landkreisen Bad Dürkheim und Südliche Weinstraße sowie der Verbandsgemeinde Deidesheim und Haßloch, waren im Dauereinsatz. Hubschrauber ließen Wasser auf die Flammen und den ausgetrockneten Boden regnen, der wegen unterhalb liegender Glutnester aufwendig umgegraben werden musste.

Erstmals wurden bei diesem Brand auch Landwirte alarmiert, die ihren Einsatz im Wald- und Flächenbrandkonzept zuvor nur geübt hatten. Mit Traktoren fuhren sie riesige Wasseranhänger zum Brandort, um die Feuerwehr zu unterstützen. „Das hat toll geklappt“, sagt Kaiser. Gegen 19 Uhr waren die Flammen unter Kontrolle, Nachlöscharbeiten und Brandwache dauerten bis nach Mitternacht an. „Schon ein kleines bisschen Rauchentwicklung wurde gemeldet“, lobt Kaiser die Mitwirkung der Bevölkerung in jener Situation.

Schweres Gerät kam auch beim Großbrand auf dem Gelände des Recyclingunternehmens Remondis im Lachen-Speyerdorfer Industriegebiet „Im Altenschemel“ am Abend des 22. August zum Einsatz. Bagger und Radlader zogen das Brandgut auseinander, damit es die Feuerwehr, die mit 145 Einsatzkräften vor Ort war, löschen konnte. Die Schlauchleitung wurde über 1,5 Kilometer verlegt, und auch ein Wasserwerfer wurde eingesetzt. Unterstützung kam unter anderem aus Haßloch und Landau. Die Löschung des Brands, der wohl durch einen sich selbst entzündeten Lithiumionen-Akku ausgelöst wurde, dauerte von etwa 21 bis 3 Uhr.

Menschen gerettet

Besonders tragisch war der Großbrand in der Lilienthalstraße in Lachen-Speyerdorf, wo am 27. Oktober kurz nach 2 Uhr ein Gebäudekomplex mit sieben Mietwohnungen, der zuvor lange als Gaststätte und für die Landwirtschaft genutzt worden war, in Flammen stand. 120 Einsatzkräfte waren vor Ort. Sie retteten sieben Bewohner mit Dreh- und Streckleitern aus dem Gebäude, sodass diese größtenteils unbeschadet davonkamen. Zwei Stunden nach Eintreffen der Feuerwehr war der Brand unter Kontrolle, die Nacharbeiten dauerten aber bis zum nächsten Mittag an. Als Ursache wurde später ein technischer Defekt im Heizungsraum genannt.

Wie viele Stunden die ehrenamtlichen Feuerwehrleute im Monat durchschnittlich leisten, kann das Medienteam nicht beantworten. „Die zählt man nicht mehr“, sagt Litty und lacht. „Man braucht einen Partner, der hinter dem Ehrenamt steht“, ergänzt Kaiser. Denn Einsätze kommen auch in Momenten vor, die man dann nicht wie geplant etwa mit der Familie verbringen kann.

Gut vernetzt

Die Wehrleute sind immer wieder mit Extremerfahrungen konfrontiert. Wie geht man damit um? „Man spricht darüber mit der Einheit“, erklärt Kaiser, der seit 1979 bei der Feuerwehr ist. Und es gebe weitere Hilfen innerhalb des Feuerwehrapparats. Sobald Todesopfer involviert seien, sei es schwieriger, sagt Litty, der mehr als 20 Jahre Erfahrung bei der Feuerwehr vorweisen kann. Und auch lange Einsätze mit vielen kräften seien eine Herausforderung. „Da kommen alle irgendwann an ihre körperlichen Belastungsgrenzen.“ Deshalb sei man froh, dass externe Kräfte mit ausrücken.

Das Miteinander wird bei der Feuerwehr großgeschrieben – und das nicht nur hier in der Region. Nach der Flutkatastrophe im Juli 2021 im Ahrtal half die Neustadter Feuerwehr über zwei Monate vor Ort mit. Und auch in diesem Jahr waren die Flutopfer unvergessen: Am 14. April machten sich vier Neustadter Feuerwehrmänner und ein Mitglied vom Technischen Hilfswerk zu Fuß und in voller Montur auf die Reise nach Mayschoß (Kreis Ahrweiler), wo zehn Tage später mit Hilfe der Stadt Neustadt ein Spendenscheck über 250.000 Euro überreicht werden konnte. „Die Leute waren wirklich begeistert“, erzählt Kaiser vom überwältigenden Empfang in Mayschoß. Es seien Freundschaften entstanden, die bleiben. „So eine gemeinsame Erfahrung prägt.“

Teddys im Einsatz

Bis Oktober hatten die Neustadter zudem ein wasserführendes Ersatzfahrzeug samt Atemschutz an die Kollegen im Ahrtal verliehen, damit diese den Brandschutz wieder sicherstellen konnten. Neben schwerem Gerät sind im Übrigen auch Stoffbären ein fester Bestandteil der Neustadter Einsatzausrüstung. „Die Teddys lenken Kinder von Ängsten ab, geben ihnen Geborgenheit und schaffen ein Vertrauensverhältnis zu den Einsatzkräften“, heißt es auf der Internetseite der Feuerwehr.

Weil Kuscheltiere allein aber nicht reichen, stehen 2023 auch einige Neuerungen an: Das schon lang geplante Gerätehaus am Jahnplatz-Kreisel zwischen Lachen und Speyerdorf soll endlich gebaut und das Gerätehaus in Mußbach erweitert werden. Außerdem laufen laut Kaiser Ausschreibungen für verschiedene Fahrzeuge. „Ob die alle 2023 wirklich kommen, kann man noch nicht sagen“, schränkt er mit Blick auf Lieferengpässe bei Herstellern ein.

Auch in der Fachwelt blieb die Arbeit der Neustadter Feuerwehr nicht unbemerkt. Dreimal schaffte sie es in die landesweite Fachzeitschrift „Brandhilfe“, und im Juni erschien eine mehrseitige Reportage über die Ehrenamtlichen in dem im ganzen deutschsprachigen Raum gelesenen „Feuerwehr Magazin“. Dafür hatte Kaiser extra einen Fototermin im Haardter Steinbruch und auf dem Flugplatz Lachen-Speyerdorf organisiert. „Die Veröffentlichung war der Ritterschlag für unsere Feuerwehr.“

Bernd Kaiser
Bernd Kaiser
Clemens Litty
Clemens Litty
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